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Der Komponist klopft höflich an

Das Sinfonieorchester Basel entdeckt Gabriel Fauré und Luciano Berios Bearbeitungen.

Dank Ivor Bolton erscheinen die CDs des Sinfonieorchesters nun beim Label Sony. Foto: Nicole Pont
Dank Ivor Bolton erscheinen die CDs des Sinfonieorchesters nun beim Label Sony. Foto: Nicole Pont

Mit Compact Discs, so lautet eine verbreitete Meinung, lasse sich kein Geld mehr verdienen. Vor allem nicht mit dem klassischen Repertoire. Gleichwohl werden immer noch fleissig Aufnahmen auf den Markt gebracht, nicht zuletzt, weil Ensembles und Einzelmusiker eigene Aufnahmen zu Werbezwecken benötigen. Es entstehen sogar immer wieder neue Labels wie jenes vom Zürcher Sony-Manager Martin Korn, das sich frei nach der Hauptfigur in Shakespeares «Sturm»-­Drama «Prospero» nennt.

Auch das Sinfonieorchester Basel setzt nicht nur aufs Streamen, sondern nimmt nach wie vor Tonträger auf. Die in den letzten Jahren entstandenen zeigen jeweils die Vorlieben des Chefdirigenten. Das reicht von den Schumann-Sinfonien unter Mario Venzago auf dem Label Novalis bis zur Weingartner-­Serie unter Marko Letonja bei cpo und den Schubert-Platten unter Dennis Russell Davies auf dem hauseigenen Label des Orchesters. Davies’ Nachfolger Ivor Bolton hat das Orchester jetzt zum Label Sony geführt und in rascher Folge mehrere Produktionen veröffentlicht, die auf­horchen lassen.

Romantik zu entdecken

Bolton, den man einst mit Mozart und älterer Musik kennen gelernt hat, entdeckt seine romantische Seele und nimmt sich eines vergessenen Repertoires an. Er hat bereits zwei CDs mit Werken von Gabriel Fauré eingespielt, eine dritte ist in Vorbereitung. Der Serientitel «The Secret Fauré» ist nur allzu berechtigt, denn ausser dem «Requiem» und den Suiten zu «Pelléas et Mélisande» und «Masques et Bergamasques» ist von diesem als konservativ geltenden Pariser Meister wenig bekannt. Er musste 35 Jahre alt werden, bis eines seiner Stücke, die «Berceuse» für Violine und Orchester, einen Verleger fand.

Axel Schacher, der Konzertmeister des Orchesters, spielt es ebenso wie eine etwas früher entstandene «Romance» für Violine und Begleitung mit intensivem Ton, aber ohne zu schmieren. Ebenfalls aus dem Orchester stammt der Cello-Solist Antoine Lederlin, der Faurés «Élégie» mit seinen absteigenden Melodielinien als tief trauriges Poème zelebriert. Dieses in Bogenform gehaltene Stück ähnelt mit seinem pendelnden Rhythmus einem Wiegenlied, bis es sich zum virtuosen Höhepunkt aufschwingt.

Dass Fauré das Wiegende und Wogende liebte, zeigt auch seine Bühnenmusik zu «Caligula», die von den Damen des Balthasar-Neumann-Chors mit enormer Piano-Souplesse erfüllt wird. Auf derselben CD erlebt man im Prélude zur Oper «Penélope» einen überraschend «deutsch» klingenden, an Wagners Spätromantik orientierten Fauré.

Ein sanfter Gigant

Faurés Musik ist fast immer sanft und überrumpelt einen nie; das verbindet sie mit der Musik von Claude Debussy, mit welchem Fauré auch Sujets wie «Clair de lune» oder «Pelléas et Mélisande» teilt. So beginnt etwa die Ballade für Klavier und Orchester (Solist: Oliver Schnyder) mit einem Klaviersolo, das Orchester schleicht sich erst allmählich ein. Auch in der «Pavane» baut sich der Orchesterklang zögernd auf, wie wenn der Komponist erst höflich anklopfen würde, bevor er auf sanften Pfoten den Raum des Hörers betritt.

Das Sinfonieorchester Basel verfügt über exzellente Bläser; die Streicher klingen, etwa im zart schwingenden Allegro aus einer fragmentarischen Sinfonie in F-Dur, bisweilen etwas herb.

Die Vokalmusik war ein Schwerpunkt im Schaffen Gabriel Faurés. Für dieses Repertoire hat man sich beim Sinfonie­orchester für die russische Sopranistin Olga Peretyatko entschieden, für die Tenorpartie in «Shylock» für den Tenor Benjamin Bruns – beides lyrische Stimmen, die vokale Kultur und Sprachdeutlichkeit verbinden. Die dritte Fauré-CD, die Mitte April erscheinen soll, wird mit einer wenig bekannten Fassung der populären Totenmesse und einem noch unbekannten Orchesterstück überraschen.

Nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen ist die Doppel-CD vom Sinfonieorchester Basel, die unter dem Titel «Luciano Berio: Transformation» ebenfalls bei Sony erschienen ist. Die im Goetheanum Dornach entstandenen Aufnahmen führen den Hörer durch Werke von Bach, Boccherini, Brahms, Mahler, de Falla und John Lennon – ein bunter Strauss von Bearbeitungen, alle aus der Feder des 2003 verstorbenen Italieners Berio. Packend von A bis Z, vom Contrapunctus XIX aus der «Kunst der Fuge» bis zu den Popsongs von John Lennon.

Die Sopranistin Sophia Burgos ist mit ihrer klaren und etwas scharfen Stimme eine ungemein attraktive Interpretin der De-Falla-Lieder wie der barockisierenden Beatles-Songs, und Benjamin Appl singt die frühen Mahler-Lieder mit einem guten Mix aus baritonaler Kultur und Volkstümlichkeit. Luciano Berio, dieser immer ein wenig unterschätzte Alleskönner, lehrt einen, die Kunst der Bearbeitung wieder zu ernst zu nehmen.

«The Secret Fauré I», «The Secret Fauré II». Sinfonieorchester Basel, Dirigent Ivor Bolton. Sony. Luciano Berio: «Transformation». Sinfonieorchester Basel, Dirigent Ivor Bolton. Sony.

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