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Da gehts ans Lebendige

Hintergründige Kurztexte der französischen Künstlerin Sophie Calle und von Yasmina Reza.

Sophie Calle. Foto: Johanna Bossart
Sophie Calle. Foto: Johanna Bossart

Wenn Kunst sich des Mediums Sprache bedient, kann sie auch bei einem Literaturverlag auf ­Interesse stossen. Und so erschliesst sich nun eine Aktion der französischen Künstlerin Sophie Calle, für die sie 1983 mit der ­Zeitung «Libération» kooperiert hatte, mit einiger Verspätung auch dem deutschsprachigen ­Publikum. Damals fand Calle in Paris auf der Strasse ein Adressbuch. Bevor sie es dem ihr unbekannten Besitzer Pierre D. ­anonym zuschickte, kopierte sie es integral und bat die darin ­Verzeichneten dann um ein ­Gespräch. So wollte sie herausfinden, wer dieser Mann sein könnte – und zuletzt auch mit ihm Kontakt aufnehmen.

Ein typisches Vorgehen für diese Künstlerin, die zuvor als Bardame und Tänzerin wirkte. 1979 lud sie fremde Menschen ein, in ihrem Bett zu schlafen. 1981 liess sie sich selbst von einem Detektiv beschatten und später mal in einem Hotel in Venedig als Zimmermädchen anstellen, um sich anhand der Gegenstände, die die Gäste mit sich führten, ein Bild über diese zu machen. Aktionen, die sie jeweils – auch fotografisch – dokumentierte.

Pierre D. sollte sie allerdings nicht persönlich kennen lernen. Da er zur fraglichen Zeit länger im Ausland weilte, erfuhr er erst spät (es gab weder Handy noch E-Mail), dass Sophie Calle in der «Libération» einen Monat lang täglich beschrieb, was seine Bekannten über ihn erzählten. Er reagierte mit einem geharnischten Text, den die Zeitung abdruckte, und verweigerte sich der Künstlerin, die sich, je mehr sie über ihn erfuhr, sogar eine «Liebesgeschichte» mit ihm hätte vorstellen können. Erstaunlich aber ist, wie viele Menschen aus seinem Bekanntenkreis Auskunft über Pierre D. gaben, wenn auch manchmal nur andeutungs­weise oder mit schlechtem Gewissen. Eine Erklärung dafür mag sein, dass dieser quirlige Mann zwar eine kontaktfreudige und überall gern gesehene Person war, in seinem Wesen aber wohl eher ein Einzelgänger mit wenig tiefen Freundschaften. Der Filmkritiker und Dozent, der auch mit eigenen cineastischen Projekten beschäftigt war, tauchte offenbar immer mal bei verschiedensten Leuten auf, um dann wieder aus deren Blickfeld zu verschwinden.

Kein Flair für Topfpflanzen

Sophie Calles Gesprächsprotokolle sind Puzzle-Stücke, anhand derer man sich eine eigene Vorstellung von ihm machen kann, auch wenn Widersprüchlich­keiten auftauchen. So wird er von seinem Umfeld als «ziemlich brillanter Intellektueller» beschrieben, der «wie ein Wasserfall reden» und dabei auch «affektiert» wirken kann, während andere ihn als «warmherzig und zurückhaltend», gar «etwas einsam» empfinden. Seine äusseren Merkmale sind «lockiges Haar», eine «auffällige Brille mit dicken Gläsern», etwas «Clownhaftes» in der Art, sich zu kleiden. Weiter werden ihm eine Neigung zu «jungen Frauen» und Freude am Zigarrenrauchen attestiert, aber wenig Begabung für den Umgang mit Topfpflanzen.

Man liest diese Einkreisung einer Person mit einer gewissen voyeuristischen Lust, tappt aber letzten Endes im Dunkeln. Gerade das macht den Reiz beim ­Lesen aus, doch vor allem auch, dass einem wieder einmal ­bewusst wird, wie unterschiedlich man von seiner Umgebung wahrgenommen und dabei auf Teilaspekte reduziert wird. Das schmale Bändchen wird be­gleitet von stimmungsvollen Schwarzweissfotos, mit denen Sophie Calle ihre damalige Aktion frei assoziiert.

Wer mit dicken Romanen gerade mal pausieren will, findet hier eine ideale, gleichwohl hintergründige Lektüre. Das gilt ebenso für den neusten Text der französischen Autorin Yasmina Reza, die sowohl in ihren Erfolgsstücken («Kunst», «Der Gott des Gemetzels») als auch in ihrer Prosa die inneren Verstrickungen ihrer Figuren meisterlich aufbereitet.

Auf nur 79 Seiten präsentiert sie unter dem Titel «Anne-Marie die Schönheit» den Monolog einer alternden Schauspielerin, die es weder auf der Bühne noch in ihrem Privatleben auf einen grünen Zweig brachte und sich immer noch an ihrer mondänen Kollegin Giselle misst. Trotzdem behauptet sie: «Ich hatte ein glückliches Leben» – und ist überzeugt, dass auch sie, wie die einst erfolgreiche Giselle, «ein Filmgesicht» gehabt habe, was freilich niemandem auffiel. In ­salopper, verbitterter Rede teilt diese Anne-Marie sich mit. Und was sie dabei in ihren vielen Gedankensprüngen oft nur anklingen lässt, klingt im Leser nach.

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