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Wie ein Hauch von Nichts die Welt eroberte

Ein Sommer ohne Bikini ist wie eine Party ohne Alkohol. Doch bei der ersten Präsentation des Zweiteilers vor siebzig Jahren wollten ihn noch nicht mal die Models tragen.

Heute ist er überall. An den Stränden dieser Welt geht nichts mehr ohne Bikini. Es scheint, als wäre er immer schon dagewesen. Das ist natürlich nicht so. Vielmehr sorgte der knappe Zweiteiler, der mehr zeigt, als verhüllt, 1946 für einen Aufstand. Allerdings waren es nicht die schockierten Zuschauer, die auf die Barrikaden stiegen, als die beiden französischen Designer Réard und Hein den Bikini als Teil ihrer Kollektion präsentierten, sondern die Mannequins. Sie weigerten sich schlichtweg, die Bikinis zu tragen, weshalb Réard und Hein schliesslich das Revuegirl Micheline Bernadini mit den drei Stoffdreiecken über den Laufsteg schickten.

Unsittliches Verhalten

Das rief natürlich die Sittenwächter auf den Plan, der Bikini war ein Stoff, aus dem Skandale gemacht werden. Was seinem Siegeszug natürlich keineswegs abträglich war. Dabei war die Offenherzigkeit gar nicht so bahnbrechend neu. Bereits im vierten Jahrhundert n. Chr. trugen römische Frauen bereits knappe Tops und Höschen, die sich an den Bikini-Stränden dieser Welt ganz gut machen würden. Doch solche Frivolitäten waren dem Zeitgeist zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts fern, beziehungsweise tasteten sich die Frauen erst nach und nach an immer weniger Stoff heran.

Um die Jahrhundertwende trugen schwimmwillige Frauen lange, lockere Badeanzüge, die die Figur weitgehend verdeckten. Und als die australische Schwimmerin und Schauspielerin Annette Kellermann am Strand von Boston einen engen, einteiligen Badeanzug spazieren führte, wurde sie verhaftet und wegen unsittlicher Zurschaustellung verurteilt. Der Fall erregte viel Aufsehen und führte in den USA zu einer Lockerung der Kleidervorschriften an Stränden. Um 1915 hatten sich die Einteiler schliesslich durchgesetzt.

In den vierziger Jahren trugen die Stars Ava Gardner, Rita Hayworth und Lana Turner bereits zweiteilige Badeanzüge, die ein paar neckische Zentimeter nackter Haut zwischen Brustkorb und Nabel frei liessen, diesen aber im Unterschied zum Bikini bedeckten, genauso wie Hüften und Hintern. Die Sprengkraft des Bikinis manifestierte sich denn auch in den Zentimetern zwischen Nabel und Scham, eine Zone, die erst in den Sechziger Jahren mit der sexuellen Befreiung wirklich gesellschaftsfähig wurde. Eine Sprengkraft, die bis heute im Namen «Bikini» festgehalten ist. In den Vierzigern wurden attraktive Frauen als «Bombshells», also Bomben bezeichnet, was man toll fand, wurde als «atomic» deklariert. Designer Réard taufte seinen Zweiteiler «atomic». Vier Tage nach den berühmten US-Atomtests auf dem Bikini-Atoll schwenkte er über auf «Le Bikini».

Sexuelle Befreiung

Doch es dauerte noch eine Weile, bis sich das infame Kleidungsstück durchsetzte. In den Fünfzigerjahren galt er noch als modische Entgleisung. Der amerikanische Bademode-Hersteller Fred Cole sagte in einem Interview, der Bikini sei nur etwas für kurzbeinige Französinnen. Doch dann kamen die Sechzigerjahre mit Kubakrise, Berliner Mauer, Kennedy-Mord, Vietnam-Krieg, Mondlandung und Beatmusik, aber auch mit Minirock und Sexwelle. Und mit Brigitte Bardot. Und mit ihr schaffte der Bikini den Durchbruch – erst an der französischen Riviera, dann in der ganzen Welt. Im Jahr 1965 war der Bikini bereits das «Must-Have», und es galt als stier, etwas anderes zu tragen. Die legendäre «Sports Illustrated» erschien erstmals 1964 – auf dem Titel ein Model im weissen Bikini – ganz zu schweigen von den zahlreichen Filmen, in denen Bikinis ihren Auftritt hatten, am berühmtesten wohl mit Ursula Andress als Bond-Girl in «Dr. No. »

Während auf den Fotografien aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren noch deutlich zu sehen ist, wie die Modelle beim Posieren den Bauch einziehen, galt es ab den Achtzigerjahren, gar keinen Bauch mehr zu haben, beziehungsweise den Körper so fit zu trimmen, dass auch ein Bikini nichts weiter mehr enthüllen konnte. Ein Schönheitsideal, das bis heute vorherrscht – und an den Stränden dieser Welt Hand in Hand geht mit dem Bikini.

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