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«Widerrufen werde ich auf keinen Fall»

Deutschland regt sich über das Israel-Gedicht von Günter Grass auf. Auch der israelische Historiker Tom Segev kritisiert – nimmt ihn aber im entscheidenden Punkt in Schutz. Grass bezeichnet die Kritik als verletzend.

ami
«Grass ist kein Antisemit»: Der israelische Historiker Tom Segev.
«Grass ist kein Antisemit»: Der israelische Historiker Tom Segev.
Keystone

Der alte Mann hat sich keine Freunde gemacht – wieder einmal. Sein unter anderem in der «Süddeutschen Zeitung» veröffentlichtes Gedicht «Was gesagt werden muss» hat heftige Reaktionen ausgelöst. Darin wirft er Israel vor, im Irankonflikt mit dem Feuer zu spielen und damit den Weltfrieden zu gefährden.

Das sagte der Mann, der während Jahrzehnten als soziales Gewissen Deutschlands galt, insbesondere was die Nazi-Vergangenheit des Landes angeht. Dann wurde bekannt, dass Günter Grass selbst eine Nazi-Vergangenheit hat: Der 1927 Geborene war als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS.

«Sie können sich entspannen»

In Deutschland und anderswo erheben sich seit gestern die Stimmen der Empörung gegen den Literatur-Nobelpreisträger. Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland sprachen von einem «Hasspamphlet» und einem «durchschaubaren Schmierentheater». Der rechtskonservative Publizist Henryk Broder ernannte Grass offen zum «Prototypen des gebildeten Antisemiten». Und die Bundesregierung war laut Merkels Sprecher einfach froh, «sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äussern zu müssen».

Doch wie denkt man in Israel selbst über die Äusserungen jenes Mannes, der als einer der ersten deutschen Intellektuellen nach dem Zweiten Weltkrieg offiziell in den jüdischen Staat eingeladen wurde?

Der israelische Historiker Tom Segev, eine kontroverse und gewichtige Stimme im Land und darüber hinaus, gibt Entwarnung: «Sie können sich entspannen, Herr Grass. Sie haben zwar ein eher mickriges Gedicht verfasst. Aber ein Antisemit sind Sie nicht», schreibt er in einem Kommentar für die Zeitung «Haaretz».

Vernichtende Analyse

Segevs inhaltliche Analyse von «Was gesagt sein muss» fällt dennoch vernichtend aus. Dass ein israelischer Militärschlag gegen den Iran den Weltfrieden bedroht, sei nichts, was gesagt sein müsse – ganz einfach, weil es bekannt sei und inner- und ausserhalb Israels diskutiert werde. Unablässig warne zum Beispiel der ehemalige Mossad-Chef Meir Dagan davor, Bomberjets nach Osten zu schicken.

«Hätte Dagan Gedichte in Zeitungen veröffentlicht, würden die Leute ihn für verrückt halten. Dasselbe kann man über Grass sagen, wenn er sich in die Diskussion um nukleare Strategien einmischt.» Grass sei in dieser Frage «nicht besser informiert als ein normaler Nachrichtenleser». Grass’ Tabubruch, so Segevs Verdacht, sei nichts anderes als ein Selbsterfahrungstrip.

Wichtig für Deutschland

Doch allein bleibt Grass nicht. Auch Anfeindung ist Interaktion, und so gesehen ist das Echo gewaltig – besonders in Deutschland. «Lyrischer Erstschlag» titelt «Spiegel online», weniger Hemmungen hat «Bild»: «Irres Gedicht gegen Israel.» Und die «Welt» attestiert Grass ein «seltsames Verhältnis zu den Fakten».

Tom Segev hat recht: Israel und die Akteure der Weltpolitik brauchen Günter Grass nicht. Für Deutschland und sein Verhältnis zur eigenen Vergangenheit aber ist der alte Mann offensichtlich noch immer von grosser Bedeutung.

Grass verteidigt sein Gedicht

Grass selbst hat sich nun doch zur Kritik an seinem Gedicht zur Iran-Politik geäussert. «Der Tenor ist, sich bloss nicht auf den Inhalt des Gedichtes einzulassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt», sagte der 84-Jährige heute dem NDR. Die Kritik sei für ihn «verletzend», auch weil dabei «mit dem Begriff Antisemitismus gearbeitet» werde.

Es sei ihm aufgefallen, «dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund» stehe, sagte Grass. Einen Tag nach Veröffentlichung des Gedichts bekräftigte er seine Kritik an Israel: «Widerrufen werde ich auf keinen Fall.»

Wer seinen Text genau lese, der «erkennt meine Sorge um die Zukunft dieses Landes, das eine Existenzberechtigung hat», so der Schriftsteller in einem Interview mit dem Fernsehsender 3sat. Es helfe jedoch Israel «überhaupt nicht», bestimmte Themen zu tabuisieren. Die Lieferung eines sechsten deutschen U-Bootes an das Land sei nun einmal «eine falsche Form der Wiedergutmachung».

Zum Thema Siedlungsbau sagte Grass in den «ARD-Tagesthemen»: «Es muss kritisiert werden, wenn man es gut meint mit Israel – und das tue ich.»

Netanyahu empört über Grass' Gedicht

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu reagierte empört auf Grass' Kritik an Israel. «Die schändliche moralische Gleichstellung Israels mit dem Iran – einem Regime, das den Holocaust leugnet und mit der Vernichtung Israels droht – sagt wenig über Israel, aber viel über Herrn Grass aus», erklärte er heute.

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