«Wer glücklich ist, wird nichts schaffen»

An Gipfeln und Abgründen hat es Fritz J. Raddatz nicht gemangelt: Hungerjahre im ausgebombten Berlin, Leiter des «Zeit»-Feuilletons, Fehden mit Grass. Ein Besuch bei einer Legende.

82 Jahre und immer noch ziemlich eitel: Fritz J. Raddatz pflegt den tadellosen Stil mit einem Schuss Dandytum. Foto: Julian Baumann

82 Jahre und immer noch ziemlich eitel: Fritz J. Raddatz pflegt den tadellosen Stil mit einem Schuss Dandytum. Foto: Julian Baumann

Nein, zu Hause empfängt er keine Journalisten mehr, stellt die Rowohlt-Pressestelle vorab klar. Das ist schade, denn aus den Tagebüchern kennt man das Domizil an der Heilwigstrasse in Hamburg-Eppendorf so gut, dass man es gern auch einmal mit eigenen Augen gesehen hätte. Anderseits erspart das Veto dem Besucher die peinliche Selbstprüfung, ob er der Ausstattung mit Kunst- und Designpreziosen auch gewachsen ist. Der Hausherr, ein bekennendes Luxusgeschöpf, kann bei Banausenverdacht ziemlich streng sein. So findet unser Treffen zu beiderseitiger Zufriedenheit in einem Fünfsternhotel statt, im Raum Dammtor: Dort darf geraucht werden. Und Fritz J. Raddatz raucht, wie sein von ihm heftig gehasster ehemaliger Chef, «Zeit»-Herausgeber Helmut Schmidt. Fünf Stängel zieht er im Verlauf des Gesprächs aus einem silbernen Etui.

In der «Zeit» hat Raddatz einige Jahre lang das vielleicht beste deutsche Feuilleton gemacht, auf jeden Fall das anregendste und aufregendste: Da waren ­Esprit und Anspruch und das Feuer echter Debatten. Das ist lange her, aber bei denen, die es damals lasen, unvergessen, und auch Raddatz selbst hat die grosse Zeit, vor allem aber den schnöden Rauswurf bis heute nicht verwunden. In seiner Autobiografie («Unruhestifter», 2003) und seinen beiden Tagebuchbänden – der letzte ist in diesem Frühjahr erschienen – kommt er immer wieder auf diese und andere Kränkungen zurück.

Diese Veröffentlichungen, eine Art Ego-Trias, die nichts verschweigt, haben das Bild des Autors verschoben: vom brillanten Interviewer, vom Geistesfürsten, der Bücher machte (bei Volk und Welt und bei Rowohlt), entdeckte (bei der «Zeit») und schrieb (rund 30, über Heine, Marx, Tucholsky und vieles mehr), zu einer immer noch brillanten, aber nun selbstbezogenen, exhibitionistischen, narzisstischen Figur der Kulturzeitgeschichte.

Er ist ein Virtuose der Indiskretion, wenn er uns etwa mitteilt, dass die Frau des Dichters Peter Rühmkorf dem Todkranken, der sich nach einer Blasen-OP um die Intaktheit seines «Pimmels» sorgte, einen Taschenspiegel an die entsprechende Stelle hielt: «Guck mal, alles prächtig.» Der uns einen konfusen Hochhuth, einen egomanen Grass, einen eitlen Adolf Muschg («ein Friseur der Literatur») vorführt, wissend, dass man Derartiges zugleich missbilligt und verschlingt. «Es gehört zum Wesen eines Tagebuchs, indiskret zu sein», sagt er und fügt hinzu, am indiskretesten und erbarmungslosesten gehe er schliesslich mit sich selbst um.

Das stimmt. Man weiss so viel über ihn – wie der Prügelvater den 11-Jährigen der Stiefmutter zum ersten Sex ins Bett legte, wie der Pflegevater, ein Pfarrer, mit dem 15-Jährigen eine leidenschaftliche, heimliche Liebschaft unterhielt, aber auch von seinen rasanten Stimmungswechseln, seinen Ressentiments, seiner Melancholie. Zu viel, um ihm noch unbefangen gegenüberzutreten. Das Tagebuch: ein Nacktscanner. Aber natürlich ist der Mann im Raum Dammtor tadellos angezogen: Dreiteiler, Einstecktuch, Krawatte, Manschettenknöpfe. Der einst wilde schwarze Bart jetzt weiss und exakt geschnitten.

Es geht ihm nicht gut; am Vortag ist er über seinen eigenen Koffer gestolpert und quält sich mit Rückenschmerzen. Aber auch in reduzierter Tagesform blitzt der Charmeur, der Menschenfänger immer wieder auf. Raddatz trinkt hier keinen Champagner – seine Marke ist Ruinart, wie der Tagebuch-Leser weiss, wehe, jemand bringt ihm etwas Billigeres mit –, sondern Tee. Schon dass er aus dem Beutel kommt, kränkt den Ästheten. Muss er immer das Haar in der Suppe finden?

«Es stimmt, man kann es mir schwer recht machen. Wenn ich einen wunderschönen Blumenstrauss geschenkt bekomme, sage ich: Gelb ist eigentlich keine gute Farbe.»

Glücklich wird man so nicht.

«Das ist wohl mein Fatum. Daher auch die Unruhe, die mich mein Leben lang angetrieben hat und meine Umgebung genervt hat. «Fritzcarraldo» nannten mich die Kollegen bei der «Zeit», nach Werner Herzogs Film, also einen verrückten Antreiber. Glück heisst ja auch, sich bescheiden zu können – mit einem Auto, einem Erfolg. Das war mir nie bestimmt.»

Man muss kein Psychologe sein, um die Wurzel dieses ewigen Ungenügens in traumatischen Erlebnissen des geprügelten Kindes zu finden, als «Fritz, die Schwarzmarktratte», sich durch das Nachkriegsberlin fror und hungerte. Die Welt der Literatur und Kunst war ein Refugium, eine Ersatzwelt, der Drang nach Anerkennung und Applaus eine Kompensation für das, was das Kind entbehrt hatte. Eine nie genügende Kompensation. Heute geht man damit zum Therapeuten. Er nicht?

«Wenn ich das gemacht hätte, hätte ich nichts geschrieben. Psychotherapie entlädt Energie, und die Energie wollte ich gar nicht loswerden. Wer zufrieden ist – ein Wort, das ich besonders hasse, es ist so kleinbürgerlich –, wird nichts schaffen. Der wird kein Michelangelo, kein Beckett und auch kein Tucholsky. Wenn Francis Bacon ein Reihenhaus gehabt hätte mit Rasenmäher und zwei Kinderchen, wäre er nie Francis Bacon geworden.»

Ein Bacon ist Raddatz selbst aber auch nicht. Das wurmt. Die Frage, ob er bloss ein «Sekundärer» sei, also kein Originalkünstler, oder ob das «Sekundäre» nicht doch seinen Eigenwert hat, durchzieht auch das neue Tagebuch. Wenn man mit den grössten Autoren und Künstlern Umgang hatte, misst man das Eigene unwillkürlich mit der bewunderten Kunst. Und das Eigene – das sind Erzählungen, Monografien, Essays, Artikel: Wird etwas davon bleiben, nach dem Tod?

Damit sind wir bei einem Thema, vor dem der 82-Jährige keineswegs zurückscheut, im Gegenteil. Allerdings, so stellt er verwundert fest: Seine – doch meist ebenfalls hochbetagte – Umgebung vermeidet es ängstlich.

«Wenn wir um einen Tisch versammelt sind, will niemand, dass Fritzchen Raddatz solche Probleme aufbringt. Alle reden lieber über den letzten Urlaub oder was sie im Fernsehen gesehen haben. Wir leben eben in einer Kicher-Welt.»

Selbst sein Lebensgefährte, seit 30 Jahren an seiner Seite, vermeidet möglichst das Gespräch darüber. Er weiss allerdings, dass Raddatz «die Sache selbst in die Hand nehmen will», wenn die Zeit gekommen ist. Er hat eine Exit-Strategie, welche – Zürich? –, sagt er nicht. Also noch mal heisses Wasser über den ungeliebten Teebeutel gegossen und den Blick statt nach vorn, wo nichts Angenehmes mehr wartet, zurückgewendet auf die grossen Jahre des Feuilletons, seine Jahre. Wie findet er die Kulturteile der Zeitungen heute? Raddatz liest täglich drei Tageszeitungen, schätzt einzelne Autoren wie Gustav Seibt oder, ja, Peter von Matt. Aber es fehlt ihm der «Zug – wie in einem Kamin». Temperament, Emotion, Besessenheit: Das vermisst er und findet stattdessen oft eine «weichliche Beliebigkeit». Natürlich stört ihn dann doch noch vieles andere: die Schnelligkeit, mit der heute reagiert wird, das schlechte, falsche Deutsch.

Natürlich weiss er, dass er damit dem Klischee des alten Mannes entspricht, an dem die Gegenwart vorbeirauscht, und tatsächlich kennt er die neuen Tagesberühmtheiten nicht, versteht neue Geräte oder Phänomene – was ist ein iPad? – nicht. Und doch, darauf lässt er nichts kommen: Mit seiner Generation, den «letzten Mohikanern», zu denen er etwa den Kollegen Joachim Kaiser, die Autoren Grass, Walser, Lenz zählt, geht «schrecklich viel verloren». Was genau?

«Dieser Liebeshunger, diese Gier nach Kunst und Literatur und Musik. Ich lebe anders mit einem Benn-Gedicht als ein Dreissigjähriger, ich schwörs Ihnen. Diese Intensität hängt mit unseren Erlebnissen in der Jugend zusammen. Ich habe so viel Tod gesehen als Kind. Erschossene Frauen. Ertrunkene Soldaten, die neben ihren Panzerfäusten in Löschteichen trieben. Durch Vergewaltigung zerrissene Frauen. Die Vergewaltigungen selber. Alle haben wir Not erlebt und gesehen. Wir waren wie der Frosch, der ins Milchfass gefallen ist und so lange paddelt, bis die Milch zu Butter geworden ist. Die Kunst war unser Boden, es war ein Notseil, an dem wir uns festgehalten haben.»

Wer im Wohlstand aufwächst, ist also nicht fähig zur Intensität?

«Wer mit der Banane im Mund gross geworden ist, lebt anders als einer, der eine Banane zum ersten Mal sieht.»

An Intensität, an Gipfeln und Abgründen hat es seinem Leben jedenfalls nicht gefehlt. Dafür sorgten schon die verschiedenen Gesellschaftssysteme – «Drittes Reich», DDR, die anfangs spiessige Bundesrepublik, in der Homosexualität lange noch verboten war.

«Ich habe, da ich wusste, dass die Hamburger Polizei, unter dem Innensenator Helmut Schmidt!, die Autonummern vor den Schwulenbars aufschrieb, meinen Wagen immer zwei Strassen weiter geparkt.»

Er zünde die Kerze immer an zwei Enden an, sagte sein Chef Ledig-Rowohlt einst über ihn. Er selbst pochte stolz darauf, kein «Stubenhocker-Literat» zu sein, sondern alles zu wollen und zu bekommen – «Sport und Bordeaux und im offenen Porsche durch die Pyrenäen und Knaben und Frauen», wie es im ersten Tagebuch hiess.

Der Porsche ist jetzt ein Jaguar, mit dem er aber nur noch bei der Apotheke vorfährt, der schlechten Augen wegen. Geblieben ist der Bordeaux und von den Männern (nach eigener Zählung 1000) und Frauen (20) der Lebensgefährte Gerd. Der würdigt zwar, wie das Tagebuch missbilligt, die intellektuelle Potenz Raddatz’ nicht ausreichend (aber was ist schon ausreichend!), dafür steht er ihm bei und steht zu ihm, seit nun 30 Jahren, «erträgt diesen manchmal schwer erträglichen Herrn Raddatz», in guten und in schlechten Zeiten, wie es so schön heisst. Und da tritt in die melancholischen Augen ein dankbarer Ausdruck, diese Treue und Verlässlichkeit stellt er jetzt doch über all die rauschhaften Nächte. Da kommt sogar das Unwort Glück über seine Lippen: «Ja. Glück ist, dass es währt.»

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