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Wenn Alfred Heer im Bikini die Bibel liest

Wer Lorenz Keisers Kolumnen im «Tages-Anzeiger» vermisst, kann sich nun mit einem neuen Sammelband trösten. Nächste Woche liest der Autor in Zürich.

Viel ist passiert, seit Lorenz Keiser vor knapp einem Jahr seine «lieben Leserinnen und Leser» aufgefordert hat, sich gefälligst zusammenzureissen, also nicht zu übertreiben beim Freudengeheul über seinen Abschied als TA-Kolumnist. Die Vogelgrippe ist aus den Schlagzeilen verschwunden, Christoph Blocher aus dem Bundesrat, und Winterthur hat sich zur Grossstadt erklärt. Und doch, beim Wiederlesen dieser so genannt veralteten Texte weiss man wieder ganz genau, warum man damals nicht zu den freudenheulenden Leserinnen gehört hat. Zwei Seiten Keiser, und man muss im Café zur «Weltwoche» wechseln, weil man sich geniert, so ganz allein vor sich hinzukichern. Etwa wegen der knappen Charakterisierung von Schweizer Städten: «Zug, Basel, Winterthur, das bedeutet dem Snowboarder gar nichts, der Gourmet aber schnalzt mit der Kennerzunge und sagt: Kirschtorte, Mehlsuppe, Brechdurchfall.» Da nützt der Grossstadt-Titel grad nichts mehr.

FDP trifft PLO

Lorenz Keiser ist kein netter Kolumnist. Er ist auch keiner, der um jeden Preis politisch unkorrekt sein müsste. Er ist einfach unglaublich schnell, wenn es darum geht, Dinge zu verknüpfen, die nicht zusammengehören. Wenn er etwa die Führungsprobleme der FDP mit jenen der PLO vergleicht. Oder wenn er die Ständeratskandidaten Felix Gutzwiller und Ueli Maurer hymnisch als Kessler-Zwillinge beziehungsweise Tim und Struppi besingt (es hat dann nichts genützt bei den Wahlen, man erinnert sich).

Nicht alle Texte in diesem zweiten Keiser-Sammelband - der erste erschien 2004 ebenfalls bei Kein & Aber unter dem Titel «Mindestens haltbar bis siehe Tubenfalz» – beziehen sich auf die Aktualität. Den «Benützten Tampignon» finden kundige Pilzsucher jedes Jahr. Und die Dame, die in einem von fünf neu geschriebenen Dialogen im Kleiderladen eine blaue Acryl-Bluse aus Baumwolle kaufen will, könnte glatt die Gattin jenes Herrn Klaus aus Bünzen bei Boswil sein, den einst Lorenz Keisers Vater Cés erfunden hat.

Keiser präsentiert sich hier als hinreissender Sprach- und Assoziationsspieler. Aber die besten Texte sind doch die, bei denen man nicht nur lacht, sondern auch zusammenzuckt. Etwa bei der Frage: «Explodieren Mohammedaner besonders leicht?» Natürlich geht es hier «nur» um die erbosten Reaktionen auf die Karikaturen eines «doofen jütländischen Rechtsblattes». Aber der Satz tut trotzdem weh. Umso mehr, wenn Keiser danach im Ton der Stammtischempörung weiterfährt («Sollen wir im Laden mehr dänische Oliven verlangen?»).

Keiser beherrscht diesen Stammtischton. Er beherrscht auch den Politikerton; man meint, Doris Fiala reden zu hören, wenn sie in einer Kolumne Dinge sagt, die sie natürlich nie gesagt hat. Und manch ein Politiker dürfte sich gewünscht haben, er hätte Dinge, die er wirklich gesagt hat, nie gesagt - weil Lorenz Keiser etwa den Zürcher SVP-Kantonsrat Alfred Heer sehr beim Wort nimmt, wenn dieser beim Kampf gegen die Minarette argumentiert, man könne ja auch nicht «in Saudiarabien im Bikini am Strand die Bibel lesen»: «Wenn er diesen Wunsch hegt, ist er dann nicht irgendwie in der falschen Partei?»

Keiser kennt seine Materie (die Fakten und die Personen), er weiss, wie man Haken schlägt, Pointen nicht zu Tode reitet und Angriffe sozusagen mit dem kleinen Finger startet. Und manchmal, ganz selten, ist auch er richtig ernst, ein paar Zeilen lang. Das tönt dann so: «Selten haben mich Zeitungsbilder des Elends so betroffen gemacht und aufgewühlt wie in den letzten Tagen. Auch ich habe darum Geld gespendet. 1000 Franken für die Flutopfer in Südostasien. 800 Franken für ein anständiges Bundesratsfoto.»

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