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Was er sich zu träumen wagte

2019 wird der 200. Geburtstag Gottfried Kellers gefeiert. Eine Ausstellung widmet sich einem prophetischen Schriftsteller, der Kapitalkonzentration und Wachstumsideologie kritisierte.

Porträt von Gottfried Keller im Alter von 22 Jahren von Johann Salomon Hegi. Foto: PD
Porträt von Gottfried Keller im Alter von 22 Jahren von Johann Salomon Hegi. Foto: PD

Man könnte dieses Leben als moralische Geschichte erzählen. Da wächst einer als Halbwaise in Armut auf, wird mit 15 von der Schule geworfen, führt ein erfolgloses Künstlerleben in der Fremde, kehrt mittellos in die Heimatstadt zurück, wird wunderbarerweise in ein Staatsamt berufen und führt fortan ein solides Leben als ehrbarer Bürger im Dienst der Gemeinschaft. Moralisch, ergreifend, pädagogisch wertvoll.

Oder so: Da findet einer über Umwege und mehrfaches Scheitern spät seine eigentliche ästhetische Berufung: Nicht Maler, nicht Dramatiker, Erzähler wird er sein. Oder noch anders: Da vertreibt einer seine romantischen Flausen und läutert sich zum Realisten, der das Leben nicht überhöht, sondern in aller Sorgfalt so darstellt, wie es ist.

Kellers erstes Studienbuch beginnt mit einer Abschrift aus von Eckartshausens «Aufschlüsse zur Magie». Bild: PD
Kellers erstes Studienbuch beginnt mit einer Abschrift aus von Eckartshausens «Aufschlüsse zur Magie». Bild: PD

All das wäre zeitgemässes «Storytelling» mit der Nutzanwendung: Es kann aus dem ärgsten Bummelanten und Versager doch noch etwas werden. Ganz falsch ist die Story nicht. Aber sie vereinfacht, verklärt, glättet Widersprüche. Sie verschweigt, was Gottfried Keller aus dem «ersten» ins «zweite» Leben mitgenommen hat, verschweigt auch, dass dieses vermeintlich zweite Leben keineswegs behaglich und selbstzufrieden verlief. (Schon den ersten Dienstantritt als Staatsschreiber hat er verschlafen – wegen einer feuchtfröhlichen Feier am Vorabend.)

So sind auch Kellers Werke nicht so schlicht und zugänglich, wie es die Tatsache suggeriert, dass sie seit Generationen als Schulstoff verwendet werden. Das hat den Autor zwar so populär gemacht wie das Sprichwort, das eine seiner Novellen im Titel führt («Kleider machen Leute»). Aber die Popularität beruht vielfach auf einer vereinfachten Lektüre. Kellers Prosa hat oft einen doppelten Boden, so wie seinem Lebenslauf bis zum Schluss etwas Abgründiges anhaftet.

Wunderbare Wendungen

Aus der Misere, in der er steckte, halfen ihm zweimal unverhofft die Behörden: Ein Stipendium – mehrere Werkjahre! – ermöglichte ihm, sich «ohne bestimmteren Zweck» in Heidelberg und Berlin inspirieren zu lassen. Dann die Ernennung zum Ersten Staatsschreiber: Keller war beileibe nicht der nächstliegende Name für ein so wichtiges Amt. Der zweimalige Eingriff von oben mutet wie ein Wunder an.

Solch wunderbare Wendungen hat Keller wiederum gern in Werken eingesetzt: Dem völlig verarmten grünen Heinrich zeigt ein Lichtstrahl eine Flöte, die er noch versetzen kann. Und in seinem letzten Roman «Martin Salander» findet Marie, die Mutter, doch noch eine wertvolle Goldmünze – nachdem sie die Kinder mit einem Märchen vom Hunger abzulenken versucht hat.

Auch in diesen Märchenmitteln – Theodor Fontane hielt Keller etwas despektierlich für einen «Märchenerzähler» – drückt sich Doppelbödigkeit aus: Denn dass es ein Wunder sein muss, das Rettung bringt, zeigt, wohin Menschen in einer Welt ohne Wunder geraten. In der realen Welt, die der Realist Keller mit steigendem Unwillen betrachtet.

Kritik des Finanzkapitalismus avant la lettre

Es war die Welt des Aufbruchs und der Industrialisierung, des Wachstums und der immer dominanteren Rolle des Geldes. Und Alfred Escher, sein Generations- und 2019 auch sein Jubiläumsgenosse, trieb sie voran, von Keller kritisch beäugt.

So spiegelt der zweite Band der «Leute von Seldwyla» (1874) das Vordringen der Geldwirtschaft, wie Hugo Loetscher anlässlich einer Keller-Schau von 1990 bemerkte: geht die «Verwirtschaftlichung auf Kosten der Politik oder der politischen Ideen». Schon das «Fähnlein der sieben Aufrechten», diese patriotische Kalendergeschichte, mit der Keller endgültig in der Schweiz angekommen war, enthält 1861 eine prophetische Kritik der Kapitalballung, wenn man so will, eine Kritik des Finanzkapitalismus avant la lettre.

Dort heisst es: «Glücklicherweise gibt es bei uns keine ungeheuer reichen Leute, der Wohlstand ist ziemlich verteilt; lass aber einmal Kerle mit vielen Millionen entstehen, die politische Herrschsucht besitzen, und du wirst sehen, was die für Unfug treiben. Es wird eine Zeit kommen, wo in unserem Lande sich grosse Massen Geldes zusammenhängen, ohne auf tüchtige Weise erarbeitet worden zu sein; dann wird es gelten dem Teufel die Zähne zu weisen . . .»

Ende in Feuer und Wasser

Dieselbe Erzählung bezeichnet Keller kaum 18 Jahre später als «antiquiertes Grossvaterstück», die patriotisch-politische Zufriedenheit sei dahin, «soziales Missbehagen, Eisenbahnmisere, eine endlose Hatz sind an die Stelle getreten».

Endgültig desillusioniert, schreibt Keller am Ende seines Lebens den – wenig erfolgreichen, bis heute verkannten – Roman «Martin Salander», in dem «das Kapital die Alleinherrschaft» hat und die Bürger einander betrügen. Finanzielle Gründe wiederum – es ging um die Abonnementserneuerung der Zeitschrift, die den Roman vorabdruckte – zwangen dem Autor einen überhasteten Schluss ab. Was Keller eigentlich wollte, war ein Ende mit Feuer- und Wasserzauber, eine Art Götterdämmerung für den Kommerzsündenpfuhl Münsterburg (= Zürich). Das ist den Notizen in der Strauhof-Ausstellung zu entnehmen.

Darin stehen auch besorgte, heute prophetisch klingende Sätze über das Ende des fossilen Zeitalters, hier auf die Kohle gemünzt: «Es wird eine Zeit kommen, wo der schwarze Segen der Sonne unter der Erde aufgezehrt ist, in weniger Jahrhunderten, als es Jahrtausende gebraucht hat, ihn zu häufen.» Wie dann den wachsenden Energiebedarf der Menschheit speisen? «Dahin führt das wahnsinnige: mehr, mehr! immer mehr! welches das Genug verschlingen wird.» Der alte Keller: ein Grüner, der schwarz sieht. Aber auch das ist nur eine Story.

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