Vom Grossvater im Text

Im Auftrag des Dichtermuseums Liestal hat die deutsch-schweizerische Autorin Nora Gomringer eine Rede im Geist Carl Spittelers gehalten.

Im Dialog mit dem Schriftsteller Carl Spitteler. Carl Spitteler. Foto: Nachlass Carl Spitteler, Schweizerisches Literaturarchiv Bern

Im Dialog mit dem Schriftsteller Carl Spitteler. Carl Spitteler. Foto: Nachlass Carl Spitteler, Schweizerisches Literaturarchiv Bern

Meine Herren und Damen, guten Abend, das Thema Standpunkt Schweiz geht mich scheinbar nichts an, denn die Schweiz war mir bisher zwar biografisch Fixpunkt, doch nie – bis auf kurze Auftritte – fester topografischer Standpunkt. Ich bin so stolz, Schweizerin zu sein, wie ich froh bin, einen linken und rechten Arm zu besitzen, um den Ausspruch des SP-Kantonsrats Etrit Hasler zur Bundesfeier in Altenrhein für mich abzuwandeln.

Ich bin Auslandschweizerin, habe nie in der Schweiz gelebt, bin Besitzerin eines Passes, der mich als Zürcherin ausweist, bin Tochter eines Schweizers, der in Bolivien geboren und als Kleinkind von dort ins Bauernfeld verschifft wurde, um in Zürich bei den Grosseltern aufzuwachsen. Mit den ersten, beinahe kokett wirkenden Sätzen seiner legendären Rede zum «Schweizer Standpunkt» aus dem Jahr 1914 taste ich mich an den Dichter, Romancier, Essayisten und Kritiker Carl Spitteler heran, der in Liestal geboren wurde.

Schreiben Sie eine Rede zu Carl Spitteler, haben sie gesagt. Sie haben Carte blanche, es steht Ihnen völlig frei. Benennen Sie Ihren eigenen Schweizer Standpunkt!

Nach Auftrag und Gewissen

Ich frage den Freund: «Kennst du Spitteler?» Der Freund sagt: «Nein.» Das verwundert nicht, der Freund kennt nichts, was er nicht berührt hat, und niemanden, dem er nicht die Hand gegeben hat. Ich frage die Professorin, sie sagt: «Spitteler? Carl Spitteler? Schweizer, Nobelpreis. Natur, viel Natur. Und was zur Schweizer Einheit.» Ich sage: «Danke. Das ist schon mal gut.»

Die paar, die ich frage und die meine Spitteler-wanted-Aktion verstehen, weisen mir seltsame Richtungen. Ich google, ich suche, ich lese, ich schliesse die Augen und seh ihn vor mir. Bärtig auf fast allen Fotografien, sieht er aus wie viele Männer seiner Zeit. Wache und wachsame Augen, eine starke, schöne Nase, deren Spitze in den Oberlippenbart weist, auf manchen Abbildungen könnte er Bankier sein, auf anderen ein Nervenarzt, bestechend ist sein Blick, denn er schaut nie verzagt, er sieht oftmals direkt in die Linse.

Carl Georg Friedrich Spittelers erste offizielle Veröffentlichung setzte sich mit den zwei Brüdern auseinander, die mich seit meinen Griechischstunden im Gymnasium in Hof beschäftigen. Pro- und Epimetheus, die Titanenbrüder. Je nachdem, wie man es sieht, ist der eine der Schöpfer der Menschen, vordenkend, rasch, eitel, kühn; der andere bedächtig, immer etwas verzögert. Autoren wie Michael Köhlmeier stellen ihn gar als absolutes Gegenteil des Bruders dar. Epimetheus, der «nach»-Denkende, ist der Idiot.

Prometheus trifft es anders. Er ist der «vor»-Denker, eine Vokabel, mit der gerade im Neoliberalismus alle positiven Bedeutungen zusammengefasst werden. Dynamik und Sprungkraft, Vision und Weite stecken darin. Der folgenschwere Verrat, den Prometheus gegenüber Zeus und den anderen Olympiern begeht, indem er Feuer stiehlt und es den Menschen schenkt, sie gar – je nach Mythenstrang – selbst formt und fertigt, wird blass in diesem starken Wort.

Auch die spekulative Leere, die ihm zwangsläufig eingeschrieben ist – denn was kann einer, der vor-denkt anderes tun als spekulieren? –, scheint wie ausgelöscht im Denken.

Spitteler macht aus Prometheus einen Seelenrevolutionär, einen, der nach eigenem Auftrag und Gewissen handelt, einen Individualisten gegen die Masse. Der Feuerbringer wird idealisiert und ein junger Schriftsteller mit Namen Carl Spitteler schafft sich so einen Ausweis gegenüber der Welt, die ihn von nun an kennen soll als einen, der sich dem Titanen anschliesst, der eigenständig handelt, seine Handlungen zu verteidigen bereit ist, mögen die Widerstände noch so zahlreich sein, der Konflikt mit dem Vater noch so schwer.

Der Mythos von Prometheus als Schöpfer, der viel weniger als Agitator und Revolutionär vorgeht, sondern vielmehr Wesen seines eigenen Gewissens ist: Das ist eine wichtige Lesart für Autorinnen und Autoren, denn – ganz banal gesprochen – nur weniges an ihrem Handeln rechtfertigt ihre Berufswahl, die allzu oft in unerfüllte und prekäre Lebensabschnitte führt.

Mich hat der Mythos von anderer Warte aus interessiert. Mich und wohl auch den späteren Spitteler, der zunehmend pessimistisch, aber auch zynisch und witzig von der Welt erzählte, hat die Rolle der Pandora, quasi der Schwägerin des Prometheus, stets beschäftigt. Eine Auftragsproduktion ist sie. Der wütende Zeus ersinnt eine List, die Schöpfung des Eidbrechers Prometheus zu schädigen.

Er lässt Hephaistos, den Schmied, aus Lehm, mancher Schreiber lässt ihm sein eigenes Element, das Metall, die Frau Pandora, die All-Gebende, gestalten. Siehe da! Hephaistos ist nicht unbegabt und schafft eine schöne Frau, die, als sie vor Epimetheus’ Tür auftaucht, diesen alle Warnungen seines klügeren Bruders vergessen lässt. Keine Geschenke des Zeus annehmen, du Idiot! Doch da hat er sie längst geheiratet und sie öffnet ihre Brautaussteuer, eine besondere Büchse, und so ward die Welt verloren, die Menschen krank und fehlbar, rachsüchtig, wütend, störrisch, eitel, böswillig gemacht, das irdische Jammertal beschritten.

«Das Tote Tal», ein Kapitel aus Spittelers «Prometheus und Epimetheus», ist eine gruselige Binnengeschichte im Text, der von einem Vater erzählt, der seine sieben Söhne an den Wahnsinn verliert, als sie seine Weisung missachten und sich in besagtes Totes Tal begeben, in dem Leben verborgen scheint, was aber nicht sein kann, denn tautologisch fest ist ja, dass alles, was im Toten Tal lebendig ist, sterben muss. So löscht sich auch der lebendige Verstand eines jeden, der es betritt.

Der Vater ist mit sieben Wahnsinnigen geschlagen. Spitteler schreibt diese Passage in biblischem Gleichniston. Das «und» leitet viele Sätze ein, sorgt für einen gleichbleibenden Strom der Sprache. Wann ist das passiert, dass wir begonnen haben, Und-Sätze zu verpönen? Freilich sind sie im Ton schnell hymnisch und wir fürchten den Hymnus, der am Pathos lehnt, aber diese Sätze haben Kraft und gelten. Ein Satz, wie Spitteler ihn wählt, um die Aufregung von sechs Brüdern zu schildern, die den einen empfangen, der dem Toten Tal entkommen scheint, ist von so grosser ordnender Klarheit: «Und heftigen Entsetzens sprangen alle auf, umringten ihn, umdrängten ihn, bestürmten ihn besorgten Fragens.» Für heutige Zeiten unerhört komplex, doch verständlich und lustvoll-prall klingt mir so ein Satz.

Ins Stammbuch geschrieben

Schön und gut, aber was hat die Gomringer zum Schweizer Standpunkt zu sagen? Ich höre sie nur über Titanen sprechen ...

Ich lasse mich dies fragen und will einwenden, dass ich ja über den zu ehrenden Dichter nachdenken will, denn schliesslich kenn ich den nur ungenügend und so ein Anlass, der lässt ein Tasten zu und gibt gezieltes Überlegen, in dem man auf Umwegen aufs Ziel zugeht.

Carl Spitteler schrieb den Schweizern ins Stammbuch eine der ersten Geschichten, die Fremdenfeindlichkeit, Willkür und Machtmissbrauch zusammenband. In «Xaver Z’Gilgen» begehen neidische, von der Fremden und der als Verrat empfundenen Verbindung zwischen der Fremden und dem Einheimischen aufgestörte Menschen einen Mord wie im Rausch der Fastnacht und aus «Übermut und Kurzweil», wie es im Bericht später festgehalten wird. Sie töten Speranza, die Frau von Xaver Z’Gilgen, die nicht umsonst den abgekürzten Namen für «Hoffnung» trägt. Diese junge Frau kam von der anderen Seite des Gotthards und so schliesst die Geschichte mit der Frage: «Auf der anderen Seite des Gotthards sind sie ja auch Menschen, so gut wie wir, oder was meint Ihr dazu?» So unverblümt wird hier Partei ergriffen und plädiert.

Wer wohl heute solche Geschichten schreibt? Wer fragt uns nach unserem «Einigkeitsexamen», ja, befragen wir uns denn selbst? Denn Uneinigkeit ist sowohl produktiver, mobilisierender Charakter unserer Demokratie als auch – und das lässt sich weit ins Wurmloch der Geschichte verfolgen – Grund zu Eskalation und dem Aufrufen alter, elender Ordnungskategorien, unter die die Menschen fallen, wenn andere sich erheben.

Hodler malte den Dichter aus Dankbarkeit. Zwar waren beide wohl zunächst gar nicht eng, doch dass Hodlers Protest an den Deutschen, die in Frankreich wüteten, den Dichter sich zu einer Stellungnahme nicht kontra-deutsch, sondern pro-helvetisch hinreissen liess, war ein Einstehen aus eigenem Willen, nach eigener Verfasstheit, titanengleich. Ökonomisch wars auch ein Eintauschen von Lesergruppen: Wo die Deutschen ihm fortan den Rücken kehrten, lasen ihn nun die Französischsprachigen.

Mein Schweizer Standpunkt, der ist ein bisschen flackernd. Der ist manchmal ein fester kleiner Globus-Pin in einer Weltstadt, in der ich auf einmal gefragt werde, wie schweizerisch ich eigentlich sei. Der ist ein Empfang bei einem Botschafter des Landes in einem ganz anderen. Der ist ein Blick in meinen Pass oder auf meine Halbtaxkarte und ein Biss in eine Sprüngli-Cremeschnitte, meine Zunge im Spiegel, die nur so notdürftig die Sprache imitiert. Für kurze Zeit habe ich am Schweizerischen Literaturinstitut unterrichtet, durfte auf vielen Bühnen der Schweiz sprechen, lesen und singen, also ist er auch da, mein Standpunkt, wo mein Standbein ist. Ich durfte meine Wanderung in Leukerbad beschreiben und daraus ein Ökomärchen machen – wieder ein Wegweiser zum besagten Punkt. Ich habe drei Verlage in der Schweiz, mit denen mich Bücher und Auftritte verbinden. Just liegt mein Schweizer Standpunkt bei 47 Grad 29’ 2.4’’ Nord und 7 Grad 44’ 6’’ Ost, nämlich genau in Liestal, wo ich schon einmal war, um einen anderen Dichter zu treffen, Michael Stauffer aus dem Thurgau.

Ich mag es, aus Spittelers Briefen und Tagebüchern zu erfahren, wie sein Garten ihn freute, wie viele Gedanken er in seine Bepflanzung legte, welche Sorgfalt er walten liess. Denn es ist wichtig zu wissen, aus was alles wächst. Ich denke an den Dichter als Vater zweier Mädchen und bin als Kinderlose eine ganz andere Person und doch verbunden ihm durch das Schreiben als Lebensmittelpunkt. «Herr Dichter» wurde er gerufen, wenn er über den Markt strich, «die Gomringer» sagen sie mir, als würde das dann alles enthalten: die Dichterin, die Verrückte, die Macherin. Ich kanns nicht ändern, nehm es hin.

Geheimnis zu erforschen

Mein Vater, 94 Jahre alt, glaubt, sich erinnern zu können, dass Carl Spitteler in irgendeinem veröffentlichten Text seinen Grossvater erwähnt. In einer Aufzählung von vier Wanderern ist ein Gomringer dabei. Er ­erzählte mir davon, und seither versuche ich herauszubekommen, ob das stimmen kann. Mein Vater sagt: «Spitteler ist der ­einzige Dichter, der mal einen Gomringer literarisiert hat! Das war dein Grossvater, der Goldschmied, der da genannt ist auf der Wanderung nach Pforzheim, der Goldschlägerstadt.» Und wäre das nicht verrückt? Dass Spitteler einen Gomringer in ­seinen Text gesetzt hätte und ich nun davon erzähle, selbst in einen Text über Spitteler gesetzt? Inception ist das! Bald wölben sich die Wände!

Doch ist es ein Geheimnis noch, das ich erforschen muss, ob meinen Vater sein Gedächtnis und vielleicht sein Wünschen nicht betrogen haben. Wie oft wünschen wir uns unsere Lektüre passend zurecht.Das Weltgedächtnis erinnert sich: «Die erste Asche, die der Urnenkrug dieser Feuerstätte behüten wird, ist die des ungewöhnlichen Dichters und vornehmen Menschen Carl Spitteler» – so verabschiedete die NZZ den Toten am 2. Januar 1925. 23 Tage später wurde mein Vater im bolivianischen Dschungel geboren und heute sitzt im Publikum sogar ein Verwandter aus Gomringer-Gründen. Es schliessen sich die Kreise und Kreise, bedenkt man es richtig, können sich verdichten und schliesslich Punkte bilden.

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