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Unterwegs mit der Rüttelkutsche

Die neue Napoleon-Biografie von Adam Zamoyski versammelt viele Einzelheiten – verliert aber das grosse Ganze etwas aus dem Blick.

1814, Napoleon dankt ab. Das Ölbild von Paul Delaroche entstand 1840. Foto: Getty Images
1814, Napoleon dankt ab. Das Ölbild von Paul Delaroche entstand 1840. Foto: Getty Images

Als Napoleon auf der Rückreise vom russischen Kriegsschauplatz in den frühen Morgenstunden des 14. Dezember 1812 nach Dresden gelangte, wollte er den verbündeten sächsischen König sehen. Friedrich August «kleidete sich hastig an und liess sich in einer Sänfte zur Residenz des französischen Botschafters tragen». Vier Tage später war der Kaiser der Franzosen schon in Paris, und Napoleon schritt, «obgleich man ihn, unrasiert und in seinem dicken Mantel, kaum erkennen konnte», in die Gemächer seiner Gemahlin.

Wer die neue Napoleon-Biografie von Adam Zamoyski liest, wird mit Tausenden solcher Details beschenkt. Zamoyski ist ein blendender Erzähler, das hat er vor allem in seinem Buch über Napoleons Russlandfeldzug von 1812 bewiesen. Nun versucht er, sein reportageartiges, mosaikhaft Augenzeugenberichte zusammenfügendes Erzählverfahren auf Napoleons Leben anzuwenden.

Man könnte eine Napoleon-Biografie als Epochendarstellung anlegen, die all die Prozesse einbezieht, deren Produkt er war und die er selbst in Gang setzte. Doch das tut Zamoyski nicht. Er schreibt eine farbige Chronik. Die Zeit diktiert die Disposition des Stoffs, der kaum nach Sachgesichtspunkten geordnet wird. So erlebt der Leser parallel zu Napoleons italienischen Feldzügen seit 1796 die Wirren seiner jungen Ehe mit Joséphine, in denen die frisch vermählte Generalin sich als ausgebuffte Ehebrecherin zeigt.

Als wäre man dabei

In gewisser Weise ist nichts dankbarer und leichter als eine Napoleon-Biografie. Die Dokumentation ist überreich, in Memoiren, Briefen und offiziellen Dokumenten. Wer das chronologisch anordnet und sich jeweils das Farbigste herauspickt, der hat schon gewonnen. Es gibt nichts Uninteressantes. Bei den öffentlichen Feiern der Kaiserkrönung im Dezember 1804 regnete es so stark, dass die Ehren­gäste bei klirrender Kälte auf durchweichten Samtpolstern ausharren mussten. Es ist, als wäre man dabeigewesen.

Ein Problem bei solcher Benutzung von Farbtöpfen der Überlieferung ist die Quellenkritik. Adam Zamoyski verwendet neben Briefen und Dekreten grosszügig die überreiche Memoirenliteratur. Wer das in Zeitschnipsel stückelt, erhält für jeden Zeitpunkt passendes Anekdotenmaterial. Der Kaiser strahlt in der Sonne von Austerlitz, aber seine Reisechaise mit eingebautem Büro verfügt auch über einen Nachttopf.

Leider ist nicht jede Anekdote glaubwürdig, mancher Spruch zu gut erfunden, um wahr zu sein. Immerhin vermittelt dieses Verfahren etwas von der Rastlosigkeit dieser Ära und des sie antreibenden Mannes. Das Telegrafensystem und die Reiterstafetten quer durch Europa sind ein historischer Faktor. Dass der Kaiser im tiefsten Winter von Dresden bis Paris mit seiner Rüttelkutsche nur vier Tage brauchte, beschreibt eine Herrschaftsweise, die potenzielle Allgegenwart suggeriert. Und schön zu lesen ist das unbedingt.

Das Hauptproblem von Za­moyskis Perspektive ist die fehlende Übersicht. Seine Erzählerposition geht nie über eine bestimmte Mindesthöhe hinaus, längere Linien, Sachzusammenhänge, objektive Bedingungen kommen kaum in den Blick.

Abwägung von Bedingungen, gar systemische Zwänge tauchen nur in der Form eigener Reflexionen des Helden auf. Da dieser als Stratege auch ein überlegener politischer Analytiker war, ist das schon eine ganze Menge. Dass er sich anders als die legitimen Monarchen der alten Dynastien keine Niederlagen erlauben könne, hat Napoleon immer gesagt.

Historische Wissenschaft müsste fragen, ob dieser Zwang zum Immervorwärtsstürmen, der Napoleon vor allem im Winter 1812 beim verspäteten Rückzug aus Russland zu verheerenden Fehlern veranlasste, wirklich unvermeidlich war. War die Friedenssehnsucht im erschöpften Kontinent nicht längst grösser?

Lügenhafte Bulletins

Die fehlende Übersicht führt gelegentlich in die bare Unverständlichkeit. Wie Napoleon zu dem Entschluss kam, sich zum Herren Frankreichs zu machen, überhaupt die undurchsichtigen Vorgänge um den 18. Brumaire – das bleibt weitgehend im Dunkeln. Adam Zamoyski zeigt eifrig, wie Napoleons Selbstdarstellungen in seinen Bulletins eigentlich ­immer übertrieben, ja sogar lügenhaft waren. Die Frage, die sich daran anschliesst, warum sie doch wirkten und wie der Feldherr und Kaiser zu der gläubigen Verehrung bei seinen Soldaten kam, wird dadurch nur rätselhafter.

Die planvolle Erzeugung eines Mythos – etwa durch Parallelen zu Karl dem Grossen – erscheint als Marotte eines durchdrehenden Gewaltherrschers. Dass der Kaiser seit seiner Verheiratung mit der Habsburgerin Marie-Louise von Ludwig XVI. (dem König, den die Revolution geköpft hatte) als seinem «Onkel» sprach, ist nicht lächerlich, sondern die Antwort auf ein reales Problem, nämlich die Traditionslosigkeit einer postrevolutionären Herrschaft.

So wird von diesem farbigen, leicht lesbaren, kostümfilmhaften Buch paradoxerweise derjenige am meisten haben, der einen deutlichen Begriff von Napoleon als welthistorischer Figur schon besitzt, der allgemeinere Fragen an diese Gestalt schon stellen kann. Für Anfänger ist es zu einfach, weil es zu viel zeigt und zu wenig erklärt.

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