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Sieht so die Literatur des Klimawandels aus?

Vom Surren der Kühlaggregate: Lauren Groffs kraftvoller Erzählungsband «Florida» spielt in einer aufgeheizten Gegenwart.

Lauren Groff ist dem Unheimlichen in der Gegenwart auf der Spur. Foto: Megan Brown
Lauren Groff ist dem Unheimlichen in der Gegenwart auf der Spur. Foto: Megan Brown

Wild und unheimlich pirschen sich diese Erzählungen heran. Ein leiser Sound drohenden Unheils liegt über allem. Oft sind es die Geräusche von Tieren, ihr Atem, ihr Schleichen, ihr Schlängeln und Peitschen, das Aufknacken von Nüssen oder von einem Schädel, ihr Herzschlag, das knappe Zischen einer zuschlagenden Katzenpfote.

Die kleine Narbe, die ihr Kater hinterlassen hat, erinnert eine Frau an alles, was sie verlor. Als ihr Freund sie verliess, ging es bergab, er hat das Brunchen am Morgen mitgenommen, den geregelten Tagesablauf, die Freunde, den Besuch im Ferienhaus seiner Eltern in Pennsylvania. Ihr Job an der Uni wurde nicht verlängert, sie liess sich fallen, gab auf, packte ihre Sachen in den Kombi, und aus der «Beinahe-Professorin» wurde eine Obdachlose, die ihren Wagen einfach stehen liess, nachdem er aufgebrochen wurde – was übrig geblieben war, hing «wie Gedärme» heraus.

Die elf Geschichten aus «Florida» sind von grosser Körperlichkeit, wobei kaum ein Unterschied zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen, Dingen besteht. Die Natur ist beides, bedrohlich und bedroht, fast in jeder Geschichte gibt es Hitze, Regen, Stürme oder Hurrikans, in jeder Ecke lauern Schlangen, Termiten, Ungeziefer. Alligatoren sind keine Seltenheit, in Dolinen sammelt sich das Wasser. Sie glaube daran, dass Landschaften tatsächlich das Gehirn verändern, sagt die 1978 geborene Schriftstellerin.

Ihr dritter Roman war Obamas Lieblingsbuch

Lauren Groff, deren dritten Roman «Fates and Furies» Präsident Obama 2015 zu seinem Lieblingsbuch erkor, wuchs im Bundesstaat New York auf. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und den beiden Söhnen in Florida. Dort gleiche der Sommer «dem langsamen Ertrinken bei glühender Hitze», schreibt sie in «Yport», der längsten und letzten Erzählung des fulminanten Bandes. Eine Schriftstellerin verbringt den Sommer mit ihren kleinen Söhnen in Frankreich, um der Hitze und ihren Panikattacken zu entfliehen und endlich ihr Buch über Guy de Maupassant voranzubringen.

Aber warum soll sie ihre Zeit an einen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts verschwenden, nur weil sie ein paar seiner Werke gelungen findet? Steht er nicht für alles, was sie verabscheut, für Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Misogynie und Amoralität? Sie hatte gehofft, sich in Frankreich besser zu fühlen, klarer, eleganter; auch die Sprache, die uns umgibt, verändert schliesslich, wer wir sind. Doch die Kur schlägt nicht an.

Der Klimawandel durchzieht die einzelnen Erzählungen und den ganzen Band wie ein Nervensystem.

«Yport» ist nicht nur eine Erzählung über die USA und das hochnäsige Europa, über den Einfluss von Landschaft und Sprache auf die Psyche, über Güte und Moral, sondern auch über den Klimawandel. Paris war der weiblichen Hauptfigur, die nur «die Mutter» genannt wird, immer als möglicher Fluchtort vor den «drohenden Klimakriegen der Zukunft» erschienen. Nun ist es dort beinahe so heiss wie in Florida. Das führt zu der Überlegung, dass «auf einem heisseren Planeten alle Orte gleich schlecht» sind. Die Balance des Schreckens beherrscht Lauren Groff meisterlich: eine Angst hält die andere in Schach. Der Klimawandel durchzieht die einzelnen Erzählungen und den ganzen Band wie ein Nervensystem.

Lauren Groff ist eine präzise und strukturierte Erzählerin, die ihren Geschichten mit natürlichen Dialogen und elementaren Bildern Kraft verleiht. Etwa in der Erzählung, in der es ein Junge mit seinem amphibien- und reptilienvernarrten rassistischen Vater in einem dunklen Cracker-Haus am Sumpf aushalten muss, nachdem die Mutter eines Tages geflohen ist. Innen- und Aussenwelt verschlingt Groff zu einem Möbius-Band der Bedrohung, wenn sie über den Jungen schreibt, er könne Mädchen ohne ein Wort verführen, weil sie «die Gefahr spürten, die zusammengerollt in ihm lauerte».

Die Schlange des Unglücks

Die Schlange des Unglücks beisst sich in den eigenen Schwanz, wenn es in «Geister und Leerstände», der ersten Erzählung, heisst: «Tagsüber, wenn meine Söhne in der Schule sind, verschlinge ich wie eine Besessene alles über die Katastrophen der Welt, die Gletscher, die sterben wie lebende Wesen, den Grossen Pazifikmüllfleck und das hundertfache, nicht protokollierte Artensterben – Jahrtausende, einfach so ausgelöscht, als wären sie nichts wert. Von unbändiger Trauer erfüllt, lese ich, als könnte Lesen dieser Trauer irgendwie den Rachen stopfen, statt ihre Gier zu befeuern, denn genau das passiert.»

Wie David Vann mit seinen in Alaska angesiedelten Familientragödien, wie T. C. Boyle und Joan Didion mit ihren in Kalifornien spielenden Büchern macht auch Lauren Groff in «Florida» aus einem Land die mentale Topografie ihrer Obsessionen. Die Fremdheitserfahrung, aus dem Norden der USA in den Süden gezogen zu sein, mag dazu beigetragen haben, ihr Sensorium für gesellschaftliche Spannungen zu sensibilisieren: für soziale Abstürze, für Rassismus, für das «neue Gift» eines Hasses, das nur bei Männern wirkt; aber auch für die Schwierigkeiten von Frauen, in einer «Gesellschaft der Singularitäten», wie der Soziologe Andreas Reckwitz die hochindividualisierte Gesellschaft der Spätmoderne nennt, mit der Mutterrolle klarzukommen.

Kinder in eine Welt des Untergangs setzen?

Was die israelische Soziologin Orna Donath als «Regretting Motherhood» erkundete oder Rachel Cusk mit ihrem autobiografischen Essay «Lebenswerk», gespenstert durch diese Geschichten als der Schrecken mehrfacher Überforderung: Kinder in einer Welt aufzuziehen, von der die Wissenschaft versichert, sie steuere auf ihren Untergang zu.

Lauren Groff ist eine kraftvolle Erzählerin, die dem Unheimlichen der Gegenwart auf eine Weise beikommt, die an Alice Munro erinnert und noch aus dem kleinsten Detail Aussagekraft gewinnt. Dem ständigen Surren der Klimaanlagen beispielsweise, die dem Schutz derjenigen dienen, die drinnen sind, und die Atmosphäre weiter aufheizen.

Lauren Groff: Florida. Erzählungen. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Hanser Berlin 2019. 288 S., ca. 35 Fr.

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