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Präsident Gül hat 25 Bodyguards, und Paulo Coelho singt

Neues von der Buchmesse: Über Gäste aus der Türkei, die 100-Millionen-Party – und alles, was so durchgehechelt wird.

Die Türken sind da – und einige sind auch schon wieder weg. 1000 Landsleute waren mit ihrem Präsidenten Gül zur Eröffnung eingeflogen, vom Flugplatz zum Messegelände eskortiert worden und abends dann noch in die Oper. Ein Unternehmen, das die Messe GmbH, die ja an Organisation einiges gewohnt ist, ordentlich forderte. Gül hat die höchste Sicherheitsstufe, er bekam 25 Bodyguards, für den weniger gefährdeten deutschen Aussenminister Steinmeier genügten fünf.

An türkischen Autoren haben es auch immerhin gut 200 nach Frankfurt geschafft, sie sehen mit Freude ihre Bücher an den Ständen und werden zu Lesungen und Diskussionen gebeten, meist allerdings vor einer wenig aufmerksamen Laufkundschaft. Dagegen ballen sich regelmässig die Zuschauer, wenn in einem der offenen Fernsehstudios ein Prominenter zur kleinen Talkshow Platz nimmt. Und da sie alle, von Bohlen bis Müntefering, dazu allerlei Köche, ein Buch geschrieben haben oder schreiben lassen, ist gegen ihre Anwesenheit auf der Buchmesse auch nichts einzuwenden. Die schöne und gar die höhere Literatur stellt ja, entgegen ihrem Ruf, beileibe nicht den Löwenanteil des Buchmarktes – und den der 83 Regalkilometer dar, die auf dem Messegelände aufgebaut sind. Rund 402'000 Titel von 7373 Ausstellern aus 100 Ländern stehen in diesen Regalen, das macht 1,3 Buch pro Besucher, 400 Tonnen Papier, die herangekarrt und (abzüglich der gestohlenen) wieder zurückgekarrt werden müssen.

Zum Gastland gehört eine Gastlandpräsentation, und diese findet nicht nur auf der Messe, sondern in ganz Frankfurt statt: Ausstellungen, Filme, Vorträge und vieles mehr. «Türkei – faszinierend farbig» lautet das Motto der Buchmessenschau selbst. Nun: Man hat in den vergangenen Jahren schon anregendere, prächtigere und instruktivere Gastlandpräsentationen gesehen. Mit Recht legen die Türken ihren Schwerpunkt auf die grosse Zahl von interessanten Autoren in den beiden vergangenen Jahrhunderten. Aber wie sollen diese dem Besucher nahegebracht werden, wenn sie bloss gross und ernst als Porträtfoto von Schauwänden herunterblicken? Die knappen Erläuterungen animieren nicht unbedingt zur Lektüre, zumal sie mit Etiketten arbeiten wie «Der Sprachzerstörer» oder «Der Mann mit den Myriaden von Gestalten». So bleibt kaum mehr als die Banalität zurück, dass die türkischen Namen viele ü haben und manche i keinen Punkt. Einen einzigen Witz haben sich die Veranstalter erlaubt: Die Mitglieder einer avantgardistischen Poetengruppe, die offenbar «die türkische Syntax auf den Kopf gestellt haben», hängen – kopfunter!

Immerhin liegen auch kostbare Bücher aus dem 16. Jahrhundert aus und dokumentieren die reiche Kultur des alten Orients: ein Lehrbuch der Anatomie, ein Navigationsatlas, ein Astronomiekompendium. Die türkischen Buchmaler jener Zeit brauchen sich jedenfalls hinter ihren abendländischen Kollegen keinesfalls zu verstecken. Und dass Anatolien, uraltes Kulturland, auch eine Brutstätte der verschiedensten Schriften war, demonstriert eine kleine Kalligrafie-Ausstellung. Ein kleines Juwel ist schliesslich auf der Agora zu finden, auf dem Platz zwischen den Messehallen: Passagen von Ahmet Hasim, einem türkischen Dichter, der 1932 Frankfurt besuchte und bedenkenswerte Sätze über die Situation des Reisenden zu Papier brachte, «dessen Augen aus ihren Betten und viel zu weit nach aussen geschossen sind, um die unerklärlichen Sachen in der Umgebung erfassen zu können». (So ergeht es dem Buchmessereisenden auch.)

Die Frankfurter Buchmesse ist Geschäftsmesse, natürlich und hauptsächlich. Bis etwa um 19 Uhr. Dann rüstet man sich für die Partys, die exklusiven und die weniger exklusiven. Beim Kritikerempfang im Privathaus Siegfried Unselds – jetzt Ulla Unseld-Berkewiczs – liest Sibylle Lewitscharoff aus einem neuen Manuskript, und für einmal hören die Kritiker kommentarlos zu, auch eine schöne Übung. Dann wird noch einmal der Buchpreisträger durchgenommen; zu meckern hat eigentlich niemand etwas, zu deutlich überragt Tellkamps «Turm» die Konkurrenz. Auch von dieser, also von den Autoren, kommt, wenn man sich umhört, viel Zustimmung. Dann gibt es mal wieder Revirements in der Branche durchzuhecheln; Sigrid Loeffler gibt die Leitung der Zeitschrift «Literaturen» im Zorn auf, weil sie einen populäreren Kurs nicht mitfahren will; FAZ-Literaturchef Hubert Spiegel wird Deutschland-Korrespondent, Felicitas von Lovenberg seine Nachfolgerin. Und in der «Zeit» gibt es «Diskussionen» (um nicht mehr zu sagen) um die neue Bücherbeilage, die die Zahl der Rezensionen stark zurückgefahren hat. Dafür mehr Personality-Geschichten – wie überall.

Ist bei Unseld die Kritikerzunft ganz unter sich, so fehlt sie dafür bei einer anderen exklusiven Veranstaltung völlig. Im King-Kamekameha-Klub, angeblich dem angesagtesten Frankfurts, feiert Paulo Coelho seine «100-Millionen-Party» mit Verlegern aus aller Welt und vielen brasilianischen Freunden. Eine grossgewachsene Sängerin bringt den Saal vorab in Stimmung, und nach sehr wenigen Worten des Multimillionenautors (und der Bemerkung eines «Frank vom ‹Guinness Book›», dass «Der Alchimist» inzwischen in 67 Sprachen übersetzt ist), entert Gilberto Gil die Bühne, extra aus Brasilien eingeflogen. Dem alten, unerschütterbar vitalen Superjazzer widersteht keiner, schon bald wiegt sich der ganze Saal, und Coelho, der früher Popsongs geschrieben hat, schnappt sich ein Mikrofon und singt mit, leicht brüchig, aber durchaus sicher im Ton. Mag es auch ein Schmarren sein, den er zusammenschreibt: Feiern kann er!

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