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«Literatur ist kein Autopsiebericht»

Die türkische Justiz geht gegen die Autorin Asli Erdogan vor und sucht unter anderem in deren literarischen Texten nach Beweisen für ihre Anklagepunkte.

Schriftstellerin Asli Erdogan bei der Ratshausbrücke in Zürich. Foto: Reto Oeschger
Schriftstellerin Asli Erdogan bei der Ratshausbrücke in Zürich. Foto: Reto Oeschger

Wenn an diesem Freitag die Richter in Istanbul zusammentreten, um über sie zu urteilen, will die Autorin Asli Erdogan weit weg sein. In ihrer Heimat Türkei lebt sie ohnehin nicht mehr. Als man ihr im September 2017 nach 132 Tagen Untersuchungshaft und mehreren Monaten Ausreisesperre den Pass wiedergab, verliess sie unverzüglich und schwer krank das Land.

Doch auch in Berlin, wohin Erdogan Anfang Januar nach zwei Jahren Aufenthalt in Frankfurt am Main gezogen ist, will sie die aufwühlenden Prozesstage nicht verbringen. «Ich fühle mich dort nicht sehr wohl, es gibt eine feindlich gestimmte türkische Community», sagt sie bei einem Treffen kurz vor ihrer Abreise. So hat sie sich für ein paar Tage ein weiteres Exil gesucht.

Haft von bis zu neun Jahren fordert der Staatsanwalt in Istanbul, der ihren Fall im Januar übertragen bekam – zuvor war das Verfahren drei Jahre vor sich hingedümpelt. Die Vorwürfe, die er gegen die 1967 geborene Erdogan erhebt, lauten wie so oft in diesen Zeiten in der Türkei: «Propaganda für eine illegale Organisation», «Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation» und «Aufstachelung des Volks zu Hass und Feindseligkeit». In insgesamt vier Texten soll Erdogan 2016 die Sache der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK befördert und den türkischen Staat sowie seine Streitkräfte herabgesetzt haben.

Beanstandet werden auch zwei literarische Texte der Autorin

Mit ähnlichen Vorwürfen hat die türkische Justiz in den Jahren nach dem gescheiterten Putschversuch Dutzende Medienschaffende festgenommen. Allein 2019 wurden nach Zählung von «Reporter ohne Grenzen» 39 Journalisten zu Haftstrafen von addiert 222 Jahren verurteilt.

Und auch wenn die Verhaftung des ehemaligen «Welt»-Korrespondenten Deniz Yücel, der von Ende Februar 2017 an ein Jahr und zwei Tage in Haft sass, selbst nach Meinung des türkischen Verfassungsgerichts rechtswidrig war, geht der Prozess gegen ihn an diesem Donnerstag weiter. Auch im Fall der deutschen Journalistin Mesale Tolu wird am 25. Februar erneut verhandelt.

Die Festnahme von Asli Erdogan begründeten die Behörden 2016 mit ihrer Mitgliedschaft im Beratungsgremium der prokurdischen Zeitung «Özgür Gündem». Andere Beiräte wie die Linguistin Necmiye Alpay stehen nun ebenfalls wieder vor Gericht, zudem die früheren Chefredaktoren Eren Keskin und Zana Kaya. Für das Blatt schrieb Erdogan Kolumnen, die auch den Tod von Zivilisten beim Vorgehen der Armee gegen kurdische Städte behandelten.

«Literatur ist kein Autopsiebericht, der nur eine Deutung zulässt. Sie hat mehrere Interpretationsmöglichkeiten.»

Asli Erdogan, Autorin

Nach Ansicht der Anklage hat Erdogan hier mutwillig PKK-Mitglieder umetikettiert, anders könne es nicht sein, da der Staat grundsätzlich keine Zivilisten umbringe. Das mag eine absurde Argumentation sein. Besonders besorgniserregend ist jedoch, dass der Staatsanwalt den Vorwurf der Terrorpropaganda bei Asli Erdogan weit über unliebsame journalistische Arbeiten hinaus ausdehnt: Beanstandet werden auch zwei literarische Texte von ihr.

Im Essay «Faschismustagebuch: Heute», der sich reichlich abstrakt mit der Psyche des Einzelnen in Unterdrückungsapparaten auseinandersetzt, tauchen an keiner Stelle geografische oder zeitliche Anhaltspunkte auf. «Das macht dieses Verfahren so traurig», so Erdogan.

«Literatur ist kein Autopsiebericht, der nur eine Deutung zulässt. Sie hat per Definition mehrere Interpretationsmöglichkeiten und Bedeutungsebenen.» Wenn sich die Justiz nun aber mit einem Urteil gegen sie anmasse, die einzig gültige Bedeutung literarischer Texte festlegen zu können, öffne das die Tore für noch grössere Willkür, so Erdogan. Einen vergleichbaren Kollaps der Rechtsstaatlichkeit habe sie in der Türkei noch nicht erlebt, sagt die Autorin, die seit Jahrzehnten aneckt, weil sie Tabus wie Rassismus, den Völkermord an den Armeniern und nun eben die Kurdenfrage thematisiert. «Und das sage ich als Mensch, der zwei Militärjuntas überstanden hat.»

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