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Lest die WM!

Ein verspielter Streifzug durch 32 Fussball-, nein: Literaturländer.

Fussball schauen ist toll - lesen auch: Fans am Eröffnungsspiel der Fussball-WM 2014.
Fussball schauen ist toll - lesen auch: Fans am Eröffnungsspiel der Fussball-WM 2014.
Keystone

Brasilien

Der beste Brasilien-Roman? Für mich ist das «Brasilien, Brasilien» (1984) von Ubaldo Ribeiro. 300 Jahre Entdeckungs-, Kolonial-, Feudal- und Kapitalismusgeschichte, ein Generationenroman und ein Liebesroman, immer auf Seiten der Armen und Ausgegrenzten, vielstimmig, in einer Sprache, die glüht.

Griechenland

Nicht aus Bildungshuberei steht der Urvater literarischen Erzählens hier. Sondern weil in seinen grossen Epen, der «Ilias» und der «Odyssee», gerannt und gerungen, geschwommen und gesprungen wird. Nur vom Fussballspielen wussten Achilles, Odysseus und alle Götter noch nichts.

Elfenbeinküste

«Ich denke in Malinké und schreibe Französisch»: So wollte Kourouma die Kolonialsprache unterlaufen. In «Die Nächte des grossen Jägers» 1999 bedient er sich einer oralen Erzählform, um Kritik an der nachkolonialen Herrschaftspraxis zu üben. Auf Deutsch im Unionsverlag.

Japan

Wenn Japans melancholische Jugend nicht eh in Mangas blättert, liest sie die Bücher dieses ewigen Girlies. Mit «Kitchen» (1988) begann die «Bananamania», viele Bände folgten (auf Deutsch bei Diogenes). Es geht darin um Liebe und Tod, Shopping-Malls und Horrorfilme.

Uruguay

In Südamerika hat fast jedes Land seinen Weltautor. Der Uruguayer Onetti ist ein Klassiker, sogar eine deutsche Werkausgabe hat er bei Suhrkamp. «Das kurze Leben» (1950) stellt einen Büroangestellten vor, der sich in fiktive Existenzen hineindenkt, so lebendig, dass Onetti sie in späteren Büchern verwendet.

Costa Rica

Wieder hilft der Unionsverlag, eine Lücke auf dem literarischen Globus zu schliessen. Der Roman «Tenochtitlán» (1986) erzählt die Eroberung Mexikos aus der Perspektive der Verlierer und vermittelt dabei allerlei Kenntnisse über eine Hochkultur, die von den spanischen Eroberern aus Gier und Dummheit zerstört wurde.

England

Gründe, ihn zu rühmen, gibt es genug. Hier ist es eine sportlich-psychologische Passage: Im Roman «Saturday» (2005) beschreibt McEwan einen Squash-Match, in dem spielerische Rivalität umschlägt in plötzlichen Hass – und fast eine lange Freundschaft ruiniert. Fast, aber immerhin. Eine deutliche Warnung.

Italien

Wer «Die Verlobten» (1825/26) noch nicht kennt, dem steht ein Leserausch ohnegleichen bevor. Der bedeutendste Roman der italienischen Literatur trennt und vereint ein Liebespaar, lässt das Schicksal walten, die Pest und Söldner wüten – wie schade, denkt der Leser, dass man heute nicht mehr so erzählen kann!

Schweiz

Um jedem Neid unter Deutschschweizern vorzubauen, fällt die Wahl auf diesen Berserker aus der Romandie, dessen grosses Epos «Moravagine» (1926) gerade neu erschienen ist. Es führt den Helden aus der Irrenanstalt heraus in die russische Revolution, zu den Indianern Amerikas und in den Ersten Weltkrieg.

Ecuador

Der wichtigste Autor seines Landes begann mit politischem Theater und schrieb dann den sozialkritischen Roman «Huasipungo» (1934) über Indios, die von den Grossgrundbesitzern ausgebeutet werden und durch vermutete Ölvorkommen auch ihr eigenes Stück Land, eben den Huasipungo, verlieren.

Frankreich

Natürlich, Proust ist mein allergrösster. Aber im Weltkriegs-Jubiläumsjahr liegt Céline doch etwas näher. Dessen Held Bardamu gerät immer in den tiefsten Schlamassel, an die Front, in die Kolonien, in einen tristen Pariser Vorort. Célines Sprache ist rau, fragmentarisch, widerborstig, fern aller klassischen Glätte.

Honduras

Eine Ausnahme muss sein. Denn natürlich ist Kapuscinski kein Honduraner, sondern Pole. Aber seine Reportage «Der Fussballkrieg» zeigt die Folgen verbissenen sportlichen Ehrgeizes. 1969 eskalierten nach der WM-Quali Fankrawalle zwischen Honduras und El Salvador. Es kam zum Krieg, 2100 Menschen starben.

Kroatien

«Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution» (1969) spielt in Belgrad, aber geboren ist Cosic in Zagreb. Er erzählt vom Weltkrieg und der kommunistischen Machtergreifung in Jugoslawien, heruntergebrochen auf den Alltag und gesehen von verständnislosen Kinderaugen. Ein Buch voll Sarkasmus und Melancholie.

Argentinien

Politisch nicht ganz korrekt, literarisch aber über jeden Zwei- fel erhaben. Seine Erzählungen (vor allem die Sammlungen «Das Aleph» und «Fiktionen», 1944/1952) kondensieren ganze Welten, reale wie fiktive, auf wenigen Seiten. Kaum ein Autor kommt ihm an Dichte und geistiger Universalität gleich.

Bosnien-Herzegowina

Ein bisschen gemogelt ist das schon. Denn als Ivo Andric lebte, war das Land noch Teil Jugoslawiens. Aber bei einem Nobelpreisträger sei das gestattet. «Die Brücke über die Drina» (1945) erzählt von vier Jahrhunderten Multikulti, Handel und Krieg in Višegrad. Am Ende ist die titelgebende Brücke gesprengt.

Iran

Kennen Sie Eric Claptons «Layla»? Dann sollten Sie auch seine Quelle kennen, ein persisches Epos aus dem 12. Jahrhundert, das ein Liebespaar schildert, das – die Eltern! – nicht zusammenkommen kann, worauf der Liebende dem Wahnsinn verfällt. «Leila und Madschnun» inspiriert noch heute Bollywood.

Nigeria

Das bevölkerungsreichste Land Afrikas hat auch die reichste Literatur. Da fällt die Wahl schwer – oder auch leicht, denn Teju Cole – er lebt seit langem in den USA – kommt jetzt nach Zürich, als neuer Writer in Residence. «Open city», seinen Roman eines Flaneurs durch New York, kann man jetzt schon lesen.

Deutschland

Da hier die Wahl noch quälender ist, optieren wir für Ror Wolf. Der hat jedenfalls die meisten Texte über Fussball verfasst, etwa «Das nächste Spiel ist immer das schwerste». Wer Handke vermisst und seine «Angst des Tormanns vorm Elfmeter»: Handke ist Österreicher, und die können besser schreiben als kicken.

Portugal

Den Nobelpreis bekam sein Landsmann Saramago, Kenner schätzen aber ihn höher: Er war Militärarzt in Afrika und brachte das Grauen des Kolonialkrieges in eine mäandernde, metaphernreiche, vielstimmige Prosa. «Die Rückkehr der Karavellen» (1988) bringt die Eroberer als Elendsgestalten zurück: prophetisch.

Ghana

Auch in Afrika gedeiht der Krimi. «Die Spur des Bienenfressers» (2009) führt in ein Dorf im ghanaischen Hinterland, wo sich der Gerichtsmediziner Kayo mit Übersinnlichem, der Bürokratie und Palmwein herumschlagen muss – und der Erwartung, dass Aufklärung funktioniert wie in der TV-Serie CSI.

Mexiko

In Mexiko, meinte Fuentes, ist die Vergangenheit lebendig. Erst recht in seinen Romanen. Der üppigste, barockste, monumentalste heisst «Terra nostra» (1975) und schlägt auf 1000 Seiten einen Bogen vom Alten Rom bis in die Gegenwart. Darin kommt man Helden wie Philipp II. so nahe, als seien sie Zeitgenossen.

USA

Viele wunderbare Romane hat er geschrieben, sein «Rabbit» gehört zu den unvergesslichen Gestalten der Literaturgeschichte. Hier steht er aber wegen eines Essays: «Hub Fans Bid Kid Adieu», einer Abschiedshommage an einen legendären Baseballstar. Und Updikes Essay wurde selbst zur Legende der Sportliteratur.

Belgien

Etliche verrätselte Romane hat der gebürtige Belgier geschrieben, aber hier interessiert der Essay «Zidanes Melancholie» von 2006. Toussaint, ein Fussballkenner, wohnte dem Endspiel Frankreich – Italien bei und machte aus dem berühmten Kopfstoss Zidanes eine philosophisch-fantastische Etüde.

Algerien

Die «weibliche Stimme des Maghreb», Friedenspreisträgerin von 2000, schreibt über die komplexe sprachliche und soziale Situation der Frauen in Algerien, über Berberkultur und die Zerstörung der Intelligenz («Weisses Algerien», 1996), über die Sprache des Körpers und die Hoffnung auf Demokratie.

Russland

Tolstoi, Dostojewski, Tschechow: ok, unvergängliche Werte. Diese Autorin aber transportiert klassische Erzählkunst in den sowjetischen und postkommunistischen Alltag. Der Roman «Ergebenst, euer Schurik» (2004), porträtiert einen untypisch sanften Mann, der nicht prügelt und nicht ständig Wodka säuft.

Südkorea

Zum Schluss ein Lyriker. Und ein Gedicht: «Ein Spinnennetz, den ganzen Tag durchnässt vom / Monsun-Regen - / du machst ja wirklich allerhand mit.» Es stammt aus «Blüten des Augenblicks» (2006), von einem Dichter, der zwischen Krieg, Kloster, Foltergefängnis und Suizidversuchen allerhand mitgemacht hat.

Kamerun

Geboren in der afrikanischen Provinz, wurde Beti zum Bildungsfranzosen (Abschluss an der Sorbonne, Französischlehrer in Rouen) und scharfem Kolonialismuskritiker. Sein Roman «Liebe Sonne Tod» (1999) schildert, verpackt in einer Politkrimihandlung, sein Land im Taumel des Wahlkampfs.

Spanien

«Nada», Nichts, heisst Laforets berühmtester Roman. Sie schrieb ihn mit 23 Jahren und erhielt 1944 den ersten Premio Nadal: für die Schilderung albtraumartiger Verhältnisse in einem Land, dem der Bürgerkrieg tiefe Wunden gerissen hat, das in Elend, Trostlosigkeit und familiärer Enge versinkt. Grossartig.

Niederlande

Er war der Grossmeister der niederländischen Literatur, er wusste und zelebrierte es. Sein Opus magnum: «Die Entdeckung des Himmels» (1992), in dem es um zwei Freunde, zwei Engel und Moses’ Gesetzestafeln geht. Enzyklopädisch, fantastisch, witzig und: Klassen besser als der «sakrilegische» Dan Brown.

Chile

Kann man einen Kontinent in einen Gedichtzyklus fassen? Pablo Neruda konnte es. Sein «Grosser Gesang» (1950) umfasst 15 000 Verse und besingt Flora und Fauna, die Conquista und die Befreiungskämpfe. Für viele Lateinamerikaner gilt er so viel wie die Bibel – oder mehr.

Australien

Auch der fünfte Kontinent hat seinen Literaturnobelpreisträger, Patrick White heisst er. Sein «Tree of Man» (1955) wurde von Heinrich Böll übersetzt: eine «australische Genesis» um Stan und Amy Parker, ihre Nachkommen und ihren Kampf mit Natur und Zivilisation.

Kolumbien

An dem kürzlich gestorbenen Nobelpreisträger kommt man nicht vorbei. Sollte man auch nicht: Süffiger und raffinierter zugleich, realistischer und magischer, politischer und erotischer schrieb niemand auf dem ganzen Kontinent. «Hundert Jahre Einsamkeit» ist sein grösster Wurf.

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