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Kanon der Quarantäne, Folge 1: «Gedanken» von Blaise Pascal

Das Kulturprogramm ist stark eingeschränkt. Jetzt ist die Zeit, um die Klassiker zu lesen.

«All unser Unglück rührt daher, dass es uns nicht gelingt, ruhig in unserem Zimmer zu bleiben»: Dieser Satz wird gegenwärtig, wo wir eben möglichst ruhig in unserem Zimmer bleiben sollen, von gebildeten Kommentatoren gern zitiert. Meist wohl aus einem Zitatenbuch. Es lohnt sich aber, zu den Quellen zu gehen, zu Blaise Pascals «Pensées» («Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände»).

Dabei handelt es sich nicht um ein durchgearbeitetes philosophisches Werk, vielmehr um eine Sammlung von Fragmenten, Aphorismen und Mini-Essays, die um die «condition humaine» kreisen, die Existenz des Menschen. Sie sind für den Weltmann seiner Zeit geschrieben, also stilistisch brillant, und auch für den heutigen leicht zu lesen, vor allem, weil man sie sich in Sprüngen und Häppchen vornehmen kann, gerade wie es die Aufmerksamkeitsspanne eines zur Zwangs-Ruhe Verurteilten zulässt.

Pascal lebte im 17. Jahrhundert, wurde keine 40 Jahre alt, war ein genialer Mathematiker und Physiker, einer der klügsten Menschen seiner Zeit. Die Vernunft macht den Menschen aus, sagt er in einem der berühmtesten Fragmente, dem «Roseau pensant»: «Nur ein Schilfrohr, das Zerbrechlichste in der Welt, ist der Mensch, aber ein Schilfrohr, das denkt. Es braucht nicht die Macht des Weltalls, ihn zu vernichten: Ein Windhauch, ein Wassertropfen reichen hin, um ihn zu töten.» Oder ein Virus, möchte man ergänzen.

Die Vernunft vom Thron stürzen

Dennoch arbeiten die «Pensées» daran, die Vernunft vom Thron zu stossen. Pascal hält dem Menschen die Widersprüche seiner Natur vor, seine Fähigkeit zu menschlicher Grösse und zur Verworfenheit, seine Unfähigkeit, glücklich zu werden, weshalb er sich den «divertissements» hingeben muss, Zerstreuungen, die seine Zeitgenossen in adligen Salons fanden und unsere etwa bei Netflix.

In einer grossartigen Stelle setzt er den Menschen den beiden Unendlichkeiten aus, entwirft eine Vision des Weltalls mit seinen Galaxien in immer grösseren Dimensionen, um sich dann wie mit dem Mikroskop ins unendlich Kleine zu versenken, wo sich seinerseits Welten auftun. Der Mensch – keine Mitte, sondern zerrissen zwischen diesen Dimensionen, ort- und ruhelos.

Dann kommt der «Trick»: Denn Pascal, obzwar ein scharfer Kritiker der jesuitischen Moral (der edle Zweck heiligt auch die schändlichsten Mittel), wurde nach einem Erleuchtungserlebnis ein tiefgläubiger Christ. Da ein solches nicht jedem Weltmann gegeben ist, entwarf er für diese die berühmte «Wette»: Wer auf Gott wettet, gewinnt Unendliches, andernfalls verliert er nur Endliches, Nichtiges. Mitwetten muss man nicht. Aber lesen. Denn einen tiefgründigeren Analytiker menschlicher Verhältnisse wird man kaum irgendwo finden.

Erhältlich in Reclams Universal-Bibliothek. Online im Projekt Gutenberg: www.projekt-gutenberg.org

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