«Ich muss mein Äusseres pflegen, damit Kritiker was zu schreiben haben»

Exklusiv

Der britische Nobelpreisträger V. S. Naipaul behauptet, Frauen könnten nicht schreiben. Autorin Sibylle Berg hält dagegen.

Michèle Binswanger@mbinswanger

Frauen können nicht schreiben: Was würden Sie ihm entgegnen, wenn Naipaul das zu Ihnen sagt? «Ja, Herr Dings, Sie haben durchaus recht», würde ich sagen und mit einem freundlichen Lächeln abgehen. Es kann nicht meine Aufgabe sein, Sexisten, Rassisten oder andere Geisteskranke zu kurieren. Es würde auch nichts ändern. Ich bin ja nur eine Frau, nicht wahr. Vielleicht hatte der Mann eine schlechte Kindheit, oder mit der Sexualität funktioniert etwas nicht. Das ist bedauerlich für ihn, doch der Welt ist es egal. Es gab einen ähnlichen Fall vor Jahren, ein deutscher Autor, Herr Buch, den Namen kann man sich merken, jammerte in ähnlich alberner Art gegen die Konkurrenz an, die ihm seiner Meinung nach plötzlich von den Frauen drohte. Da war der Fall auch klar: Ein frustrierter, schlechter Autor fühlt sich verkannt und schimpft gegen die, denen vermeintlich alles besser gelingt.

Finden Sie, gibt es einen Unterschied in männlicher und weiblicher Schreibe? Es gibt gute Autoren und schlechte. Das ist eigentlich der wesentliche Unterschied. Das Geschlecht ist komplett egal, und dass Frauen früher immense Schwierigkeiten hatten, als Künstlerinnen zu arbeiten, dass ihnen der Weg zu Bildung und Öffentlichkeit sehr schwer gemacht wurde, ist ja nichts Neues. Dass sie darum weniger in der Klassik vertreten sind, der berühmte weibliche Shakespeare, den es nicht gibt, ist eine alte Geschichte. Sehr viele Autoren, die ich kenne, sind eitler als die weiblichen Kollegen. Schneller zufrieden. Oder, siehe Herr Buch und Herr Dings, schneller frustriert, wenn nicht Alleen nach ihnen benannt wurden.

Haben Sie sich je als schreibende «Frau» reflektiert? Dass ich eine Frau bin, die schreibt, wird mir nur immer durch die Presse klargemacht, die meine Arbeit gerne nicht auf ihre Qualität hin untersucht, sondern sexistische Parameter ansetzt. Es gab eine wunderbare Doktorarbeit einer Frau, die Parallelen in der Rezeption Elfriede Jelineks und bei mir untersucht hat. Grossartig. Es lagen 30 Jahre zwischen den Kritiken, und es schien, als hätte man heute bei mir von den damaligen Besprechungen abgeschrieben. Ein Drittel der meisten Besprechungen wird meist unserem Äusseren gewidmet, irgendwann folgt immer die Feststellung, dass wir als Person frustriert sein müssen und dass man so, also sooo als Frau, doch nicht schreibe. Was auch immer das heisst. Es finden sich auf hundert Besprechungen sicher 50, die versuchen, unsere Arbeit wegen unseres Geschlechtes abzuwerten. Dabei könnte man doch einfach schreiben: schlechtes Buch, auf Wiedersehen.

Naipaul sagt, die Unfähigkeit der Frauen liege am «begrenzten Blick auf die Welt und ihrer Sentimentalität». Während Ersteres eine infame Behauptung ist, scheinen Frauen tatsächlich gefühlsbetonter zu schreiben. Beobachten Sie das auch? Nein, da sehe ich keinen Unterschied, dies liegt auch nur wieder an der allgemeinen Wahrnehmung, dass immer davon ausgegangen wird, dass Frauen über sich und ihr Erleben schreiben, eine Art Tagebuch gegen den Wahnsinn führen, sich therapieren müssen und bei männlichen Autoren selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass jede Geschichte ihrer immensen Fantasie entspringt.

Lesen Sie lieber männliche oder weibliche Autoren/Innen? Ich lese fast nur noch Sachbücher, in der Badewanne, ich komme ja zu nix mehr, ich muss mein Äusseres pflegen, damit die Kritiker was zu schreiben haben. Welches sind Ihre Lieblingsautorinnen und warum? Im Moment liebe ich Silvia Bovenschen. Sie ist mir gerade sehr nahe.

Welche können Sie nicht ausstehen? Mich regt nichts auf, weil ich ja nur in der Badewanne lese. Da rutscht schon mal das eine oder andere Buch aus Versehen ins Wasser.

baz.ch/Newsnet

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