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Geschrieben gegen die Angst

Die Autorin Ruth Schweikert war an einem bösartigen Brustkrebs erkrankt. «Tage wie Hunde» ist ihre persönlich-literarische Auseinandersetzung mit Krankheit und Therapie.

Ihre Literatur wird gebraucht: Ruth Schweikert. Foto: Claudio Thoma
Ihre Literatur wird gebraucht: Ruth Schweikert. Foto: Claudio Thoma

Krebs ist kein gleichgültiger Buchstoff. Wohl jeder kennt jemanden gut, der daran erkrankt oder gestorben ist – oder hat zumindest selbst Angst davor. Mit einer gewissen Scheu nimmt man deshalb ein Krebsbuch zur Hand – tritt man doch mit der Lektüre in einen Angstraum ein.

Als Kritiker ist man auf mehrfache Weise gehemmt: Mehr als jeder andere autobiografische Stoff trennt der Krebs den Autor – hier: die Autorin – vom Leser: Diese hat die Krankheit (die oft genug eine zum Tode ist), jener nicht. Für diese zerfällt das Leben in zwei Teile, vor und nach der Diagnose; ist das Buch, das sie darüber schreibt, eines wie kein anderes. Für jenen steht es in einer langen Reihe von Lektüren, die eine Beurteilung verlangen. Wie aber beurteilt man ein derart persönliches Buch, ohne der, die darin ihren Überlebenskampf verarbeitet, zu nahe zu treten? Natürlich: nach der Gestaltung des Stoffes, oder, um die Autorin zu zitieren, nach der Gestalt, die «der Stoff auf seine eigene Weise» angenommen hat.

Blick in die Zukunft

Der Alltag der Schweizer Autorin Ruth Schweikert wird neben dem Schreiben stark von kulturpolitischen Engagements eingenommen sowie von einer Lehrtätigkeit im Jungen Literaturlabor. Am 9. Februar 2016 bekommt sie die Brustkrebsdiagnose. Sie hat die aggressivste Variante, «triple negative», eine Woche später wird sie operiert. Es schliessen sich Chemotherapien und Bestrahlungen an, Aufenthalte in einem homöopathischen und einem Ayurveda-Spital.

Die Wochentage zwischen Diagnose und Operation strukturieren das Buch (das keine Gattungsbezeichnung führt). In diesen Kapiteln greift die Autorin aber auch weit aus – in die Vergangenheit, von der Kindheit über das Studium bis zum Tod des Vaters; voraus in die Phase der Therapien, der Rekonvaleszenz, und ganz weit in die Zukunft, in ein Museum des 22. Jahrhunderts, das nicht nur verschwundene Objekte präsentiert (darunter «unheilbare Tumore»), sondern auch eine Vitrine zur Autorin, die demnach ihren Krebs überlebt, zwei Gletschertouren absolviert und einen Viertausender besteigt; «sie schrieb offenbar einige weitere Bücher, dann verliert sich ihre Spur», heisst es dort.

Nur auf diesem indirekten Weg, in der Distanz der dritten Person, traut sich Ruth Schweikert also, das «happy end», das Überleben, zu vermelden. Ein bisschen Aberglauben mag da auch mitspielen, bei Krebs weiss man ja nie. Eingestreut in den Krankheitsbericht sind Begegnungen mit Personen, die Ähn­liches erlebt haben, eine ganze Landschaft von Befallenen und Gestorbenen eröffnet sich da: Ist die Autorin von Krebskranken umgeben oder ist es die selek-tive Wahrnehmung, die schwangeren Frauen besonders viele Kinderwagenschieberinnen vor Augen führt?

Als weiteres Element treten SMS dazu. Solche, die die Autorin schreibt, mehr noch, die sie bekommt: Versuche der Anteil­nahme, des Trostes, der Aufmunterung – gut gemeint, aber doch allesamt Zeichen für den unüberwindlichen Graben, der die Schreiber von der Empfängerin trennt: Sie ist im «Krebsgefängnis», die anderen in Freiheit. Schliesslich wechselt Schweikert zwischen erzählenden und reflektierenden Passagen.

Den Graben überbrücken

Die «Gestalt», die der Stoff «auf seine eigene Weise» angenommen hat, ist also höchst heterogen. Es ist auch etwas gewollt Fragmentarisches darum, ein «Nicht-fertig-werden-Können» mit dem Erlebten, das sich bis in die einzelnen Absätze hinein ausdrückt, die ohne Punkt enden (und oft auch ohne «ordentlichen» Satzschluss).

Der Krebs öffnet auch in der Person selbst einen Graben: zwischen dem Körper, der plötzlich ein Fremd-Körper wird, und dem Ich, das von diesem Fremd-Körper attackiert und vielleicht vernichtet wird. Überbrücken kann Ruth Schweikert diesen Graben als Autorin. Unmittelbar nach der Diagnose weiss sie: Darüber wird sie schreiben. Der Krebs wird zum Stoff, die Bedrohtheit des Ich zum Material. Der geradezu emphatisch aufgeladene Status der Schriftstellerin balanciert die versehrte Körperlichkeit aus.

Literatur, die sie schreibt, wird gebraucht: zuallererst von ihr selbst, als Überlebenshilfe, Lebenssinn, Identität; aber auch von anderen. Dafür ruft Schweikert kurz vor Schluss des Buches die deutsche Kollegin Katharina Hacker als Zeugin auf, die der Autorin schreibt: «Gegen die Angst und Verzagtheit und vor allem müde Stumpfheit ... braucht es das eine oder andere nächste Büchelchen von dir.»

Erleichterung zum Schluss

Die Sprache des Buches ist spröde; eine literarisch glänzende Oberfläche ist auch die letzte Sorge von Ruth Schweikert. Manche Formulierung schrammt hart an der Banalität vorbei («Wenn wir erzählen, beschreiben wir die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie sie uns vorkommt»), manch andere wirkt bemüht und ansprüchlich («Das Rötlichbeige erinnert an jenes der fünften Version der Böcklin’schen Toteninsel»). Und hin und wieder waltet die Genderbürokratie ihres Amtes.

«Tage wie Hunde» erreicht nicht die reflexive Tiefe und Brillanz von Susan Sontags «Krankheit als Metapher», auch nicht die literarische Konsequenz von David Wagners «Leben». Aber man legt das Buch nicht aus der Hand, ohne erschreckt, berührt und erleichtert zu sein: Die Autorin lebt, und der Leser auch.

Ruth Schweikert: Tage wie Hunde, S. Fischer, Frankfurt 2019. 200 S., ca. 32 Fr. Lesung: 15. April, Literaturhaus Zürich.

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