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Er konnte den patriotischen Rausch erklären

Der Basler Historiker Guy Paul Marchal ist 81-jährig gestorben.

Claudius Sieber-Lehmann*
Guy P. Marchal (1938–2020). Foto: Robert F. Hausmann
Guy P. Marchal (1938–2020). Foto: Robert F. Hausmann

«Eine besondere Art des Umgangs mit Geschichte besteht darin, sie wie einen Gebrauchsgegenstand zu benutzen.» Der Satz tönt nüchtern, er verweist mit seiner ironischen Provokation aber auf die Energie, die Guy Marchal bei seiner Erforschung gängiger Geschichtsbilder antrieb. Dabei sah er sich nie als heroischen «Mythenzertrümmerer», sondern als Forscher, der erklären wollte, warum bestimmte Vorstellungen bis heute das Bild einer unverwechselbaren Schweizer Geschichte prägten.

Es war die Assistenzzeit bei František Graus, die Guy Marchal veranlasste, sich mit unseren vertrauten und immer noch faszinierenden Meistererzählungen zu befassen. Seine Habilitationsschrift behandelte bereits 1976 die Herkommenssage der Schwyzer und Oberhasler. Der Text «Die Antwort der Bauern» von 1987 erläuterte, warum die Eidgenossen seit dem 15. Jahrhundert ein Geschichtsbild pflegten, in dem die Erinnerung an blutrünstige Schlachten und demonstrative Frömmigkeit in kurioser Weise zusammenfanden: Die «Alten Eidgenossen» sahen in ihren Siegen ein Zeichen, dass sie das «auserwählte Volk Gottes» des Alten Testaments seien.

Letzteres bildet ein Versatzstück, das viele Nationalgeschichten befeuert, wie Guy Marchal im Kontext eines europäischen Forschungsprogramms später nachweisen konnte. Dabei ging es ihm nie darum, die Inbrunst eidgenössischer Geschichtstrunkenheit lächerlich zu machen, sondern sie zu erklären: Patriotischer Rausch sollte unter wissenschaftlicher Kontrolle weiterhin möglich sei.

Forschungsneugier

Dabei beschränkten sich Marchals Forschungen nicht auf das Spätmittelalter, sondern er wandte sich auch der Moderne zu. Das Geschichtsbild des 19. und auch 20. Jahrhunderts vermochte es bekanntlich, die alten Erzählungen in ein neues, nun entschieden nationales Konzept einer genuin schweizerischen Geschichte einzufügen. Der umfangreiche Artikel «Das Geschichtsbild von den ‹Alten Eidgenossen› im Wandel der Zeiten vom 15. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs» (2003) bezeugt diese ertragreiche Erweiterung von Marchals Forschungsfeld.

Neben dieser vielgestaltigen wissenschaftlichen Arbeit nahm Guy Marchal auch wichtige organisatorische Aufgaben wahr: Die Neuorganisation der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte und die Einrichtung der Geisteswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Luzern, wo er seit 1989 den Lehrstuhl für Allgemeine und Schweizer Geschichte innehatte.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 2003 konnte Guy Marchal seiner Forschungsneugier freien Lauf lassen. Auf Reisen – beispielsweise auf einem Containerschiff von Hamburg nach Südamerika – erkundete er Kontinente und Lebenswelten, die er bislang noch nicht kennen gelernt hatte. Dabei begleitete ihn seine langjährige Gattin Monika, die «Erstleserin mit heiterer Ironie und treffender Kritik».

Er schrieb auch «kontrollierte Fiktionen»

Wer die beiden zusammen erlebte, spürte immer ihre wechselseitige Anteilnahme, gepaart von Respekt und Freude über die Eigenwilligkeit des anderen. Bei ihren Reisen zeigte sich auch die visuelle Begabung von Guy Marchal, dessen Fotografien immer den richtigen Moment trafen. Der Sinn für Bilder und Farben findet sich heute bei ihrem Sohn Eric Marchal wieder, der wie seine Schwester Mi Hwa in Basel lebt.

Trotz schwerer Erkrankung behielt Guy Marchal seine Wachheit und seinen Forschungselan. Im Dezember 2019 erschien «Gustloff im Papierkorb», ein «Forschungskrimi», worin Marchal die trübe Nazivergangenheit eines angeheirateten Schwagers seines Vaters nachzeichnete, der selber überzeugt seinen Aktivdienst leistete.

Die schmale Quellenlage veranlasste den Autor, auch «kontrollierte Fiktionen» einzufügen. Er wollte damit verdeutlichen, dass historische Forschung immer wieder versucht, eine Verbindung von facts und fiction zu faction zu bewerkstelligen. Sofern dies offen und explizit geschieht, bleibt die Historie trotzdem eine überprüfbare Wissenschaft.

Beim letzten Besuch am Krankenbett Ende Februar wirkte Guy Marchal gelassen und zufrieden. Sein Wissen um den bevorstehenden Abschied teilte er mit Monika, und bei beiden erlebte man in berührender Weise das stoische Ideal der Galene, der heiteren Meeresstille der Seele. Am 3. März ist Guy Paul Marchal im Alter von 81 Jahren gestorben.

* Claudius Sieber-Lehmann ist Privatdozent für Geschichte des Mittelalters an der Universität Basel.

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