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Eine grosse Stimme der Palästinenser ist verstummt

Mahmud Darwisch galt als einer der einflussreichsten zeitgenössischen Lyriker arabischer Sprache, jetzt ist er 67-jährig in den USA gestorben.

Mahmud Darwisch: Der palästinensische Dichter starb nach einer Herzoperation.
Mahmud Darwisch: Der palästinensische Dichter starb nach einer Herzoperation.
Keystone

«Unfortunately, It was Paradise», heisst ein Band mit Gedichten von Darwish, die Munir Akash und Carolyn Forché für die University of California Press ins Englische übertragen haben. Der Titel, eine Gedichtzeile, fasst alles zusammen, was diesen Autor ausmacht: «Unglücklicherweise war es das Paradies», dieses Palästina, in dem Darwish noch unter dem britischen Mandat zur Welt kam. Den Schmerz um die verlorene Heimat hat er in Metaphern gefasst, so knapp, klar und eindringlich, dass er heute als einer der bedeutendsten Lyriker der arabischen Sprache gilt. Für zwei Generationen von Palästinensern ist er der Dichter schlechthin.

Der 67-jährige Darwish starb am Samstag in Texas nach einer Herzoperation. Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas ordnete eine dreitägige Trauer an. Laut palästinensischen Quellen soll der Verstorbene am Dienstag in Ramallah beerdigt werden. Die israelische Zeitung «Haaretz» berichtete allerdings, dass Abbas die israelischen Behörden ersucht hat, Darwisch in seinem angestammten Dorfes in Nordgaliläa bestatten zu dürfen, wo ein Teil seiner Familie immer noch lebt. Würde die israelische Regierung dies zugestehen, zollte sie dem Poeten in seiner Heimat späte Anerkennung.

Darwish wurde am 13. März 1941 in Birwe nahe Akko geboren. Dort besass seine Familie Land. Im Krieg von 1948 wurde das Dorf von israelischen Verbänden erobert und zerstört wie mehr als 500 andere arabische Dörfer im Gebiet, auf dem damals der jüdische Staat entstand. Die Familie Darwish floh vor den Kämpfen in den Libanon, kehrte jedoch ein Jahr später heimlich zurück und liess sich in einem Nachbardorf nieder. Die Rückkehr erfolgte indes zu spät, als dass Israel diese Familie noch als arabische Bürger im jüdischen Staat anerkannt hätte, wie es das gegenüber einer palästinensischen Minderheit tat, die im Land ausgeharrt hatte. Mahmoud Darwish zählte fortan zu jenen intern Vertriebenen, die nach israelischen Gesetzen als «anwesende Abwesende» bezeichnet werden.

Die kafkaeske Situation des Fremdseins im eigenen Land hat Darwish schon als Schüler beklagt, schon als Teenager kam er dafür in israelische Haft. Palästinenser sein das stand für ihn bald für die Condition humaine überhaupt. Um diesen Topos drehte sich sein Gefühl des Ausgeworfen- und Ausgeliefertseins, die Frage «Wer bin ich?» wurde zur wiederkehrenden Chiffre seines Werks.

1969 ging Darwish für ein Jahr nach Moskau, um dort zu studieren. Danach lebte er stets im Exil, erst in Kairo und Beirut, später in Tunis und Paris, in Ammann und Ramallah. Lange Jahre war er für die PLO aktiv, 1993 trat er aus, weil er nicht glauben mochte, dass der Oslo-Prozess zu einem gerechten Frieden für die Palästinenser führen würde. Zuletzt setzte er sich dezidiert für die Zweistaatenlösung ein, geisselte den Fundamentalismus beider Seiten, auch jenen der Hamas. Er attackierte die «antidemokratische Natur» des radikalen Islam. Gleichzeitig betonte er, dass nur wenn sich Israels Politik revolutioniere, eine Aussöhnung mit der palästinensischen Bevölkerung möglich sei.

Als Dichter stand Darwish ganz zur eigenen Zerbrechlichkeit. Poesie verglich er mit dem «Grashalm, der sich aufrichtet, wenn Armeen darüber getrampelt sind». Dafür strömten am Ende Tausende zu seinen Vorträgen in Haifa und Ramalllah.

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