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Ein Plagiat aus Verehrung

Der Schriftsteller Urs Mannhart hat sich der Figuren des österreichischen Autors Thomas Brunnsteiner bedient. Obwohl als Liebeserklärung gedacht, treffen sich die beiden wahrscheinlich vor Gericht.

Bankrotterklärung des Romanciers: Urs Mannhart wagt sich nur mit «verbürgten» Figuren in die Fiktion . Foto: Beat Schweizer
Bankrotterklärung des Romanciers: Urs Mannhart wagt sich nur mit «verbürgten» Figuren in die Fiktion . Foto: Beat Schweizer

Es war ein deutliches Mea Culpa. Einen «grossen Fehler» habe er begangen, gestand Urs Mannhart bereits Ende Juli in einem E-Mail-Brief an den österreichischen Autor Thomas Brunnsteiner. «Ich wollte Sie nicht verletzen, ich wollte Ihnen nichts wegnehmen, ich wollte mich nicht an Ihnen bereichern, ich wollte nicht Ihren Zorn wecken, ich wollte das Gegenteil von all dem!» Als Gründe dafür, wieso er Brunnsteiner nicht frühzeitig über seine Aneignungen aus dessen Reportagen informiert habe, nannte Mannhart etwa seine «Schüchternheit», den jahrelangen Schreibprozess sowie seine Abneigung, sich im Roman als «Narziss» und «Selbstdarsteller» nur auf eigene Reportagen zu beziehen.

Die Zeichen stehen schlecht für eine aussergerichtliche Einigung. Der Verlag ist nicht auf die Forderungen Brunnsteiners eingegangen, der dem Vernehmen nach zusätzlich zu einem Vorwort in Mannharts Roman eine Entschädigung von 30'000 Franken und eine Neuauflage seines vergriffenen Reportagebuchs verlangt hat. Vor vier Wochen hat das Zürcher Handelsgericht auf Antrag Brunnsteiners eine vorsorgliche Massnahme gegen Mannhart bzw. dessen im Secession-Verlag erschienenen Roman «Bergsteigen im Flachland» angeordnet. Brunnsteiner hatte vor Gericht geltend gemacht, Mannhart habe seine Urheberrechte verletzt, da er sich für zahlreiche Passagen seines Romans an Brunnsteiners auch in Buchform erschienenen Reportagen («Bis ins Eismeer») angelehnt sowie Personen, Motive, einzelne Beschreibungen und teils wörtliche Zitate übernommen habe. Er legte eine Dokumentation mit 114 Textstellen vor.

Gang vors Bundesgericht

Brunnsteiner hat noch bis 31. Oktober Zeit, Klage einzureichen, worauf das Handelsgericht das Hauptverfahren eröffnen wird. Bis zum Abschluss des Verfahrens bzw. bis zur Aufhebung der vorsorglichen Massnahmen ist es Mannhart verboten, öffentlich aus dem Roman zu lesen – was er nun auch bei «Zürich liest» dezidiert nicht getan hat. Dem Verlag ist der Vertrieb des Romans und die Werbung für ihn untersagt. Willi Egloff, der Berner Anwalt Mannharts, hat mittlerweile eine Beschwerde beim Bundesgericht eingereicht mit dem Ziel, zu einem «schnelleren Ergebnis» zu gelangen.

Als Präzedenzfall zitiert Egloff einen Entscheid des Bundesgerichts von 1959. Damals wurde der Dramatiker Curt Goetz eingeklagt, weil er im Stück «Dr. med. Hiob Prätorius» Holmes und Watson auftreten liess. Die Erben Arthur Conan Doyles fanden das überhaupt nicht amüsant, blitzten aber mit ihrer Klage ab. Unter anderem hielt das Bundesgericht damals fest, die freie Benutzung eines literarischen Werkes sei zulässig, wenn dadurch eine «eigenartige Schöpfung» hervorgebracht werde. Sollte das Bundesgericht zugunsten von Urs Mannhart entscheiden, hätte dies aufschiebende Wirkung – und die vorsorglichen Massnahmen wären zumindest bis zur Hauptverhandlung aufgehoben.

Material «produktiv verarbeitet»

Die «eigenartige Schöpfung oder auch «Schöpfungshöhe» fragt danach, ob ein Werk trotz inkriminierter Anleihen an ein anderes Werk über einen eigenen literarischen Horizont verfügt, eine eigene Ästhetik hat und ob sich durch die Übernahme originelle Bezugswelten eröffnen. Mannhart hat sich die in der Tat problematische Freiheit genommen, einige von Brunnsteiners porträtierten Menschen als Vorlage für seine Fiktion zu verwenden, und hat einer realen Figur gar eine fiktive Familiengeschichte angedichtet. Die Verteidiger nehmen Mannhart in Schutz, indem sie pauschal und wenig überzeugend darauf hinweisen, dass er lediglich Material und Fakten aus journalistischen Berichten «aufgenommen» (Verlag) bzw. «produktiv verarbeitet» (Chefredaktor des Magazins «Reportagen») habe. Oder sie berufen sich kurzerhand auf die «erlaubte freie literarische Inspiration» (der Verband der Autorinnen und Autoren in einer Solidaritätserklärung).

Klar ist jedenfalls bei einer vergleichenden Lektüre, dass Mannharts Epos mit seinen mindestens sieben Protagonisten und zahllosen Schauplätzen nicht auf die – im Verhältnis zum Gesamtumfang eher geringfügigen – Stellen mit den Reisen des Reporters Steinhövel nach Osteuropa reduziert werden kann. Gleichzeitig wird ein Gericht den – subjektiven, nicht justitiablen – Plagiatsvorwurf kaum differenziert behandeln können, sondern muss Urheberrechtsverletzungen konkret an Textstellen festmachen. Und eines ist auch unbestritten: Brunnsteiners hochgelobte Reportagen haben literarische Qualitäten, sind beileibe keine blossen Faktensammlungen oder gar ein Informationssteinbruch.

Eine Bankrotterklärung

Auch wenn man Mannhart eher Naivität vorwerfen muss als Arglist, ist sein Verhalten doch schwer nachvollziehbar. Ausgerechnet der weit gereiste Reporter verteidigt sich mit dem sonderbaren Argument, dass er Skrupel hätte, Figuren zu «erfinden», deren Lebenswelt ihm vollkommen fremd sei. Er habe daher auf Brunnsteiners «wahre Figuren» zurückgegriffen und deren Aussagen aus Gründen der Authentizität im Wortlaut übernommen. Wieso hat er es nötig, bei einem Berufskollegen aus Gründen der «literarischen Wahrheit» abzuschreiben? Die Skrupel des Reporters, der sich den Sprung in die Fiktion offenbar nur mithilfe «verbürgter» Figuren zutraut, kommt einer eigentlichen Bankrotterklärung des Romanciers gleich. Mannharts Roman jedoch ist durchaus lesenswert, trotz des Plagiats aus Verehrung.

Urs Mannhart tritt am Freitag bei «Zürich liest» auf, an der Veranstaltung «Literarisches Speed-Dating», u. a. mit Anna Stern, Beat Portmann und Tatjana Kruse. Cabaret Voltaire, 19 Uhr.

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