Ein Katalog an Schmähungen

Die Tagebücher des grossen Feuilletonisten Fritz J. Raddatz sind ein Fest für intellektuelle Voyeure. Beziehen doch ein Grass, Muschg oder Updike rhetorische Prügel.

Fritz J. Raddatz mit der Verleger-Witwe Inge Feltrinelli auf der Frankfurter Buchmesse (1982).

Fritz J. Raddatz mit der Verleger-Witwe Inge Feltrinelli auf der Frankfurter Buchmesse (1982).

(Bild: Keystone)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Erst mal muss man die Sache etwas niedriger hängen. Der «grosse Gesellschaftsroman der Bundesrepublik, endlich» – das sind die Tagebücher von Fritz J. Raddatz nicht. Diese hymnische Apostrophe auf dem Buchumschlag stammt von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, sie ist ein Zitat aus dem Buch selbst: Da besucht Schirrmacher Raddatz, blättert in dessen Tagebüchern und lobt drauflos, wie man das halt so macht bei freundlichen Besuchen und wenn man was will. Schirrmacher will abdrucken, Raddatz kommentiert: «Zerschlagen wird sich das, wie alles im Leben, am Jelde.»

Geld, Wertschätzung, Aufmerksamkeit

So ist im Tagebuch, das wir gerade lesen, vom Tagebuch die Rede als Objekt der Begierde, als Sensation und Ware zugleich. Geld, Wertschätzung, Aufmerksamkeit, dieser Dreiklang (und seine Verwechslung mit Zuneigung) durchzieht die 900 Seiten, deren Lektüre das Publikum teilt: in einen älteren und einen jüngeren Teil. Für den jüngeren – sagen wir: unter 40 – ist Raddatz gerade noch ein Name. Für die älteren schon – er lebt ja noch, fast 80 Jahre alt – eine Legende: Lektor bei Volk & Welt, dem grossen Auslandsverlag der DDR, dann im Westen in leitender Stellung bei Kindler und Rowohlt, 1976–1985 Chef des Feuilletons der «Zeit», das er prägte, politisierte und zum führenden intellektuellen Forum der Bundesrepublik machte.

Rastlos produktiv, immer unter Strom, ein geistiges Kraftwerk, das sich den klügsten Köpfen der Welt, die er porträtierte, ebenbürtig fühlte. Und der zugleich ein Angestellter in einem publizistischen Betrieb war, aus dem man ihn wegen eines läppischen Fehlers (der berühmte Frankfurter Bahnhof, den er in Goethes Lebenszeit ansiedelte) über Nacht entfernen konnte. Auf kränkende Weise, wenn auch mit üppigem Autorenvertrag. Die schizophrene Situation des anspruchsvollen Feuilletonisten – sich auf Augenhöhe mit seinen Gegenständen und Gegenübern bewegen zu müssen, zugleich aber nur ein Schräubchen in der publizistischen Maschinerie zu sein – hat sich bis heute nicht geändert, alles andere aber schon.

«Einer muss der Teuerste sein, warum dann nicht ich?»

Raddatz flog stets erste Klasse und stieg in Luxushotels ab, er wurde von Verlegern und Chefredaktoren hofiert und fürstlich bezahlt («Einer muss der Teuerste sein, warum dann nicht ich?»). Die «Zeit» hatte damals Geld, aber auch Lust, es für ihre besten Federn auszugeben. Das ist aber nicht das Entscheidende. Das einstige Raddatz-Feuilleton war ein geistiger Kampfplatz. Was sich dort tat, konnte niemand ignorieren, der «mitreden» wollte. Politisches und literarisches Feld berührten sich so stark wie nie zuvor und danach und entwickelten magnetische Anziehungskraft auf breite Kreise der Gesellschaft.

Adolf Muschg: Nett und flach

Deshalb ist es gar nicht mal grössenwahnsinnig, sondern realistisch, wenn Raddatz am Tag seines 70. Geburtstages notiert: «Ich war sicher, etwas vom Bundespräsidenten zu hören, vom Kanzler» – und tatsächlich kommt ein paar Tage später auch etwas, wenigstens ein «Referenten-Brief». Das ist natürlich nicht genug, wie überhaupt nie genug ist für diesen Unersättlichen, was an Lob, Geld, Ehr und Preis hereinkommt. Zu wenig, ohnehin, aber dazu noch falsch oder stillos: Gäste bringen nichts mit oder bedanken sich hinterher nicht; sie trinken ihm den Champagner weg und revanchieren sich mit billigem Fusel.

Am schlimmsten: Alle reden immer von sich, nur von sich. Keiner interessiert sich für ihn, Raddatz, der ja mehr sein will und mehr ist als ein Mikrofonhalter. Was will er denn sein? Alles. Oder in seinen Worten: «Mein Grundgesetz des Ewig-beides-(alles-)Wollens: Männer und Frauen, links sein und elegant, Kritiker und Romancier, verhasst und geliebt.» In einer anderen Passage ist er «stolz darauf, nicht einer dieser Stubenhocker-Literaten zu sein (und dennoch nicht dümmer als sie), sondern Sport und Bordeaux und im offenen Porsche durch die Pyrenäen und Knaben und Frauen.» Für ihn war der Streit für und wider ein Buch eine Lebensfrage, über der aber das Leben selbst nicht vernachlässigt werden durfte; Spitzenküche, geschmackvolle Wohnungen (für die Dauer dieser Tagebücher in Hamburg, auf Sylt, in Nizza), Kunst an den Wänden, bester Champagner, schwere Bordeaux, Caviar (mit C!), das jeweils passende Klima, anregende Gespräche nur mit den besten Köpfen. Und noch der Lebensfreund. Unersättlichst und anspruchsvollst: Vor diesen superlativischen Ansprüchen muss das Leben einfach versagen und auch jeder einzelne Mensch.

Das führt zu einem Katalog an Schmähungen, die den Voyeurismus jedes Lesers kitzeln. Sein Verleger Bucerius: ein «kleiner Mann». Hans Mayer: «verlogen». Augstein: dauernd besoffen, «ein immer grauslicher werdender Zwerg». Adolf Muschg: «nett, routiniert, flach: wie seine Literatur». Gräfin Dönhoff: «Inge Meysel des Journalismus». Die Führung der «Zeit» insgesamt: Alles Ignoranten – «die Bildung dieser Leute, die dann auch noch unsereins beurteilen, gar verurteilen, reicht bis zu Nicole Heesters, Ida Ehre und Justus Frantz. Und Siegfried Lenz ist ihr Proust. Puh.»

Die Kollegen stellen sich taub

Die Pointe zu dieser Passage: Später zerpflückt er auch Marcel Proust. Ebenso wenig halten Fontane, Updike, Gide, Balzac der kritischen Überprüfung durch FJR stand. Allerdings ist Raddatz hier weniger der Alleszermalmer (Nietzsche) als ein Alleszerbröseler, und er hat selbst am wenigsten davon. Denn was ihm wirklich fehlt, bei aller Eitelkeit, ist echtes Selbstbewusstsein. So wie es Rolf Hochhuth hat («selbstsicher wie die Siegessäule») und Günter Grass, der jede Kritik an sich als Majestätsbeleidigung begreift, aber im Kern davon seltsam unberührt bleibt. Im Glauben, der Grösste zu sein, kann ihn nichts erschüttern.

Zwar fallen immer wieder Sätze wie «Wir haben doch die Nachkriegskultur gemacht». Aber im tiefsten Innern weiss Raddatz, dass er nicht in derselben Liga spielt wie Grass oder Enzensberger. Deshalb die verzweifelt-unglückliche Liebe zu seinen Romanen, mit denen er so gern auf der anderen Seite angekommen wäre. Aber die Kollegen verreissen sie, die Verleger rümpfen die Nase, die Schriftstellerfreunde stellen sich taub. Für Grass, bemerkt Raddatz wohl nicht unrichtig, sei es empörend, dass überhaupt ein anderer neben ihm schreibe.

Neben dieser ständig neu aufgerissenen Statuswunde stehen die Lebenswunden, die die Tagebücher schmerzhaft grundieren: der Prügelvater, der Missbrauch erst durch diesen, dann durch den dennoch geliebten Adoptivvater, einen verheirateten Pfarrer, der brutale Überlebenskampf bei Kriegsende und danach. Kann jemand aus der Schweiz «unsereins überhaupt verstehen»?, fragt er sich, als Muschg ihm erzählt, er habe mit seinem Vater im Krieg immer in der Kronenhalle gesessen. Vielleicht kann man die ständige Gekränktheit, die einem streckenweise sehr auf den Geist geht, nur vor diesem Hintergrund begreifen. Als Trauma, wie alle Traumen nie kompensierbar.

Tages-Anzeiger

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