Die Wundertüte Buch

Die Kunsthalle Palazzo nimmt sich des Literatur-Nobelpreisträgers Carl Spitteler an.

In den Vitrinen liegen die Schätze.

In den Vitrinen liegen die Schätze.

(Bild: Niggi Messerli)

Das Vorwort zum Ausstellungskatalog nennt Ross und Reiter. Im Jubiläumsjahr wollte man im Kanton Baselland nicht untätig bleiben und regte eine Kunstausstellung über Carl Spitteler im Palazzo Liestal an, der 1845 hier im Kantonshauptort geboren wurde. Schliesslich gilt es, 2019 die Verleihung des Literatur-­Nobelpreises an den Autor vor 100 Jahren zu feiern. Man kann sich fragen, wie sinnvoll es ist, eine Kulturinstitution derart in kulturpolitische Verantwortung zu nehmen, zumal Ausstellungen über Literatur nicht eben zu den leichtesten Übungen gehört. 

Massimiliano Madonna und Konrad Tobler sind erfahren genug, sich der Herausforderung zu stellen. In ihrem Vorwort benennen sie gleich zwei «Knacknüsse«: Da ist Spittelers eher marginaler Zugang zur Kunst, zum anderen gehört er zu jenen Autoren des 19. und frühen 20. Jahrhundert, die nur einem Spezialpublikum bekannt sind. 

Was bleibt also? Die beiden Kuratoren machen das Werk zu einer Art Wundertüte, auch wenn sie dadurch ein gewisses Mass an Beliebigkeit in Kauf nehmen. «Imago. Geschichtsbilder, Frauenbilder, Spiegelbilder» haben sie die prominent besetzte Ausstellung zu Ehren des Literaturnobelpreisträgers nach einem Roman Spittelers genannt. Warum aber nicht Peter Wüthrich als Leitkünstler nehmen, in dessen Kunst Bücher eine Hauptrolle spielen? Indem er sie wie eine Schwalbe auf Reisen schickt, das Lesebändchen wird dann zum Schwanz. Oder sie vor einem alten Käfer mit dem vielsagenden Kennzeichen «978-SEX» in Position bringt.

Der neutrale Standpunkt

Ohne Vitrine geht es dann doch nicht. Und vielleicht sollte man sogar hier starten. Denn die Exponate erinnern an die Zeitumstände von Carl Spitteler. Da ist der Erste Weltkrieg, der unter anderem mit Fotos von Verwundeten präsent ist. Spitteler hält 1914 in Zürich seine Rede «Unser Schweizer Standpunkt», in der er sich für eine Neutralität der Schweiz aussprach.

Und da ist ein Foto von Jérôme Leuba, der für seine Werkgruppe «Battlefields» einmal wirklich zu einem Schlachtfeld fuhr und die überwachsenen Bombentrichter der versehrten Landschaft bei Verdun dokumentierte. In diesem Raum sind aber auch Fotos und Illustrationen aus Spittelers Skizzenbüchern ausgestellt. Darunter sind radfahrende Frauen, Nymphen, aber auch die Reklame für den elektrischen Kochapparat Prometheus, der von einer Frau beworben wird. Ein schöner, ironischer Verweis auf das gleichnamige Werk Spittelers – diese Projektionen des 19. Jahrhunderts werden unter dem Stichwort «Frauenbilder» in der Schau aktualisiert.

«Imago» als Leitidee

In den Vitrinen findet sich aber auch ein Zitat des Literatur-­Nobelpreisträgers von 1915, Romain Rolland, der damals bereits die «Blindheit der Welt» gegenüber diesem «genialsten Dichter» beklagt. Wer ihn nicht verkannte, waren die Psychoanalytiker. Ihr Publikationsorgan, die «Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften», benannten sie nach Spittelers 1906 erschienenem Roman «Imago». Als Geschichtsbild, Frauenbild und Spiegelbild ist es die Leitidee der Ausstellung. Bei Porträts von Balthasar Burkhard oder Marc Bauer, der mit einer Margaret Thatcher vertreten ist, darf man getrost den Spitteler-Bezug vergessen. Die Schau ist vor allem ein Resonanzraum für Bilder und Erinnerung. So dürfen auch die beiden Arbeiten von Annelies Strba gelesen werden, individuelle Gesichtszüge lösen sich hier in Unkenntlichkeit auf.

Klarer ist der Bezug rund um das Liestaler Spitteler-Denkmal von August Suter, der Prometheus als Alter Ego des Dichters nahm, dem sich die Seele nähert. Literatur und bildende Kunst begegnen sich auf Augenhöhe, bleiben aber autonom.

Kunsthalle Palazzo, Poststr. 2, Liestal. Di–Fr 14–18 Uhr, Sa/So 13–17 Uhr. Bis 13. Oktober. www.palazzo.ch

Basler Zeitung

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