Die «Tricks» der Rechten

Der grosse Philosoph Theodor W. Adorno hielt 1967 einen Vortrag über Rechtsradikalismus. Seine Ausführungen sind aktueller denn je.

In der deutschen Stadt Chemnitz randalierte im Spätsommer 2018 tagelang ein rechter, gewaltbereiter Mob. Foto: Getty Images

In der deutschen Stadt Chemnitz randalierte im Spätsommer 2018 tagelang ein rechter, gewaltbereiter Mob. Foto: Getty Images

Andreas Tobler@tobler_andreas

Nie kann man genug wissen, warum die extreme Rechte Zulauf hat – gerade heutzutage, da gleich in mehreren westeuro­päischen Ländern die Rechtspopulisten auf dem Vormarsch sind. Nicht zuletzt, weil etwa der «Neuen Zürcher Zeitung» nichts Besseres einfällt, als aus wirtschaftlichen Erwägungen durch raunende Artikel über sogenannte Sprechverbote und das Ankläffen gegen einen vermeintlichen Mainstream – etwa in Bezug auf die Flüchtlingspolitik Angela Merkels – auf den deutschen Markt vorzupreschen.

Dabei wird die Tür so weit aufgemacht, dass sich alle möglichen Rechten angesprochen fühlen. Und diese durch kleinste gemeinsame Nenner allmählich zu einem breiten Spektrum verschmelzen – von den EU-Gegnern über die AfD-Wähler bis hin zu den Extremisten.

Daher ist es zu begrüssen, dass nun ein Vortrag über «Aspekte des neuen Rechtsradikalismus» als Buch erscheint, den der grosse deutsche Philosoph Theodor W. Adorno 1967 an der Universität Wien hielt – und der bereits seit einiger Zeit als Mitschnitt auf Youtube verfügbar ist. Gehalten hat Adorno seinen Vortrag vor dem Hintergrund des damaligen Aufstiegs der rechtsradikalen NPD, die sich 1964 gegründet hatte.

Angst vor Automatisierung

Gewiss: Vieles, worauf Adorno im Zeitalter des Kalten Krieges abhebt und was für ihn – aufgrund seiner Exilerfahrung während des Zweiten Weltkriegs – zentral war, ist heute nicht mehr aktuell, etwa die Existenz von zwei politischen Blöcken. Aber in seinen Grundzügen sind die «losen Bemerkungen», wie Adorno seinen scharfsichtigen Vortrag selbst nannte, noch heute relevant.

Da ist zunächst das Argument, demzufolge das Aufkommen von Bewegungen am rechten Rand nicht durch wirtschaftliche Konjunkturen, etwa durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 oder anderen Baissen, erklärt werden kann. Vielmehr sorgen die auch sonst bestehende ungleiche Verteilung von Vermögen, die Konkurrenz durch Billiglöhner aus dem Osten und die Automatisierung dazu, dass breite gesellschaftliche Schichten permanent von Abstiegsängsten umgetrieben werden. Gemäss Adorno sind dies Schichten, die sich eigentlich als bürgerlich verstehen, die an diesem Status gerne festhalten würden, ihn gar «verstärken» möchten, sich aber in diesem Wunsch bedroht fühlen.

Ja, der Philosoph erwähnte bereits vor einem halben Jahrhundert die Automatisierung, die in den USA – Adornos Exilland während des Krieges – durch den Fordismus bereits stark vorangeschritten war und auch bald Europa einholte, wie es Adorno prognostizierte.

Im Zuge der Digitalisierung wird sie sich noch weiter verstärken, so viel ist gewiss. In der Geschichte gibt es bisher aber keine Belege, dass durch die Automatisierung die absolute Zahl der Arbeitsplätze zurückgeht. Vielmehr kam es bisher zu einer Verlagerung von der Industrie in den Dienstleistungssektor, wo neue Berufe entstanden. Es ist zu erwarten, dass diese Tendenz auch in den nächsten Jahrzehnten anhalten wird.

Dieser Ansicht war wohl auch Adorno: Er sprach in seinem Vortrag von einem «Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit», also etwas, das im Kopf entsteht. Gemeint war damit die Angst vor der Möglichkeit, nicht mehr gebraucht zu werden, «potenziell überflüssig» zu sein, wie es der Philosoph formulierte, sich als «potenzieller Arbeitsloser» zu fühlen. Obwohl man nach wie vor eine Stelle und ein Einkommen hat.

«Salami-Methode»

Die real empfundene, aber letztlich irrationale Angst vor einer Möglichkeit macht es den Rechtspopulisten leicht: Sie können die Angst für ihre Zwecke instrumentalisieren – und Hass im Namen von Überzeugungen und Ideologien schüren.

In der Bewirtschaftung von übertriebenen Ängsten sah Adorno denn auch die Gefahr der radikalen Rechten: Einige würden es nur zu gut verstehen, durch Propaganda «rationale Mittel und irrationale Zwecke» miteinander zu vermischen. Adorno erwähnt in seinem Vortrag neben der «Technik der plumpen Lüge» gleich mehrere «Tricks», mit denen Rechtspopulisten dies gelingen kann. Indem sie sich etwa als «Garanten» für eine bessere Zukunft aufspielen und behaupten, sie hätten bereits grosse Erfolge vorzuweisen. Oder indem sie mit Kenntnissen protzen, die Autorität in Anspruch nehmen, selbst wenn sie einer Prüfung nicht standhalten.

Dennoch haben die vorgeschützten Kenntnisse bei ständiger Wiederholung die Macht, selbst wissenschaftliche Fakten in Zweifel zu ziehen. Adorno nennt dies die «Salami-Methode», weil mit ihr die Wahrheit Stück für Stück beschnitten wird. Ein Anwendungsversuch dieser Methode lässt sich gegenwärtig bei der Diskussion rund um den Klimawandel beobachten.

Am gefährlichsten werden Überzeugungen und die geschürten Ängste immer dann, wenn sie jeglichen Bezug zur Wirklichkeit verlieren – und sich durch eine Art Autosuggestion verselbstständigen, wie Adorno meint. Dieses Argument widerspricht der Annahme, es handle sich bei den radikalen Rechten um Positionen, mit denen gewisse konservative Werte verteidigt werden sollen. Anders Adorno, demzufolge es bei allen erwähnten Tricks letztlich nur um Erringung und stumpfe Ausübung von Macht geht. Was dies bedeutet, hat er selbst während der Hitlerzeit erlebt.

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