Die Schweizer Literatur im Knast

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift «Quarto» geht es um das Gefängnis. Es erweist sich dabei als überaus produktiver Ort für literarische Fantasie.

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Andreas Tobler@tobler_andreas

Die Schweiz als Gefängnis: Wie kein Zweiter hat Friedrich Dürrenmatt mit seinem Knast-Bild die literarische Wahrnehmung unseres Landes geprägt. Um das Gefängnis im eigentlichen Sinne – und nicht nur als Metapher – geht es in der neuen Ausgabe von «Quarto», der Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs in Bern, das in den 1990er Jahren auf Initiative von Friedrich Dürrenmatt gegründet wurde. In den «Quarto»-Aufsätzen erweist sich das Gefängnis als ein überaus produktiver Ort für die literarische Fantasie: Cervantes begann im Knast von Sevilla mit der Niederschrift seines «Don Quijote», Ezra Pound schrieb als amerikanischer Kriegsgefangener seine berühmten «Pisaner Cantos». Und die Schweizer, um die es im neuen «Quarto» geht? Die waren ebenfalls im Gefängnis – als Reporterin wie Annemarie Schwarzenbach, die über die Zustände in den Gefängnissen in den amerikanischen Südstaaten ihre sozialkritische Reportagen schrieb; als Inhaftierte wie Ludwig Hohl, der nach einem Drogenexzess und einer Schlägerei in einem Pariser Gefängnis traumatische Erfahrungen machte. Oder als Dienstverweigerer wie der 1949 geborene Christoph Geiser, in dessen Werk das Gefängnis zur Chiffre für das menschliche Dasein wurde.

Die intensivsten Erfahrungen in Sachen Gefängnis machte der drogenabhängige Friedrich Glauser, der 1918 entmündigt und danach mehrfach interniert wurde. 1932 wandte sich Glauser mit einem Essay gegen die damalige Willkür der Schweizer «Administrativjustiz», der es erlaubt war, Alkoholiker, entlassene Sträflinge, «geistig minderwertige Personen» oder «Zigeuner» auf unbestimmte Zeit in Anstalten zu versorgen. Solche «Störenfriede» sind Glauser zufolge aber «notwendig, unausrottbar, ja ihr Ausrotten sei sogar eine Unmöglichkeit, denn ohne sie gäbe es ja keine Ordnung», also keinen Massstab für das, was als normal angesehen wird. Wir brauchen also die Gefängnisse, um uns unserer Normalität zu versichern – und die störrische Fantasie der Autoren, damit diese Norm infrage gestellt wird.

baz.ch/Newsnet

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