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«Die Schweiz hat keine grosse Literatur»

«Gute Literatur schürt die Unzufriedenheit gegenüber der Welt, wie sie ist», sagt Mario Vargas Llosa. Foto: François Bouchon (Le Figaro/laif)
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Ich hatte eigentlich gedacht, Sie würden dieses Gespräch absagen.

Weil sich das Coronavirus in Madrid besonders rasant ausbreitet und Sie in Ihrem Alter ein beträchtliches Risiko eingehen. Trotzdem haben Sie mir bei der Begrüssung sogar die Hand gereicht. Haben Sie keine Angst?

Die Sterblichkeitsrate beim Coronavirus ist wahrscheinlich rund zehnmal höher als bei einer Grippe. Und weil etwa jeder fünfte Infizierte ins Spital muss, ist in der Lombardei das Gesundheitssystem nahezu kollabiert.

Ihre Zuversicht erstaunt mich. Wir erleben gegenwärtig die grösste globale Gesundheitskrise seit der Spanischen Grippe. Es droht eine weltweite Rezession. Hat Ihre demonstrative Gelassenheit vielleicht damit zu tun, dass die Globalisierung, die Sie immer so vehement verteidigen, eine Ursache dieses Unheils ist?

Wie erklären Sie es sich, dass in reichen, demokratischen und liberalen europäischen Ländern der sogenannte Rechtspopulismus besonders stark ist?

«In einem freiheitlichen System ist es den Menschen erlaubt, die Falschen zu wählen.»

Mario Vargas Llosa

Als Verteidiger von Wirtschaftsliberalismus und Globalisierung müssten Sie etwas selbstkritischer sein. Die Erwartung, der durch die Globalisierung geschaffene Reichtum werde allen zugutekommen, hat sich nicht erfüllt.

Und hintergründig?

Das osteuropäische Land, das Ihre wirtschaftsliberalen Rezepte am eifrigsten umgesetzt hat, ist Polen. Und wer regiert heute in Polen? Rechtspopulistische Antidemokraten. Irgendetwas an Ihrer Weltanschauung kann nicht stimmen.

Nämlich?

«Gerade die Krise um das Coronavirus beweist, dass Fortschritt und Diktatur unvereinbar sind.»

Mario Vargas Llosa

Ist Ihr Optimismus unerschütterlich?

In Ihrem Buch «Der Ruf der Horde» schreiben Sie, eine freie Marktwirtschaft sei in einem autoritären System undenkbar. China beweist das Gegenteil.

Ich verstehe nicht, was das Coronavirus am ökonomischen und technologischen Fortschritt ändert, den China trotz seiner autoritären Regierung erzielt hat. Aber ich schlage vor, wir wechseln das Thema. Sprechen wir über Literatur.

Ihr neuer Roman handelt vom guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Arbenz, den Teile der Armee mithilfe der CIA 1954 stürzten. Welches ist die historische Bedeutung dieses Ereignisses?

Der Vorwurf war falsch?

Wie haben die Menschen in Lateinamerika auf Arbenz’ gewaltsame Entmachtung reagiert?

Inwiefern?

Castro hätte auch so eine Diktatur errichten können.

«Wenn ich mir selber ein Etikett aufkleben müsste, dann wäre es jenes des Realismus.»

Mario Vargas Llosa

Die international bekannteste linke Ikone, die für den vergeblichen Widerstand gegen die Einmischung der Amerikaner in Lateinamerika steht, ist aber nicht Arbenz, sondern der Chilene Salvador Allende.

Ihr Gesamtwerk umfasst viele historische Romane. Verbirgt sich dahinter ein Misstrauen gegen die rein fiktionale Erzählung?

Waren Sie nie versucht, sich jener magisch-surrealen Erzählweise anzunähern, die viele in Europa bis heute mit der lateinamerikanischen Literatur assoziieren?

Wie erklären Sie es sich dann, dass die schlimmsten Verbrechen gegen Menschlichkeit und Zivilisation im 20. Jahrhundert in zwei Ländern mit grosser literarischer Tradition begangen wurden, in Deutschland und Russland?

«Weltliteratur entsteht in Ländern mit grossen politischen und sozialen Konflikten.»

Mario Vargas Llosa

In der öffentlichen Wahrnehmung verliert die Literatur an Bedeutung.

Das gilt selbst für grosse kinematografische Werke?

Das ist eine elitäre Haltung.

Was halten Sie von der Schweizer Literatur?

«Die Verbreitung von Klatsch ist ein zentrales Element der zeitgenössischen Kultur.»

Mario Vargas Llosa

Sie haben vor zehn Jahren den Nobelpreis erhalten. Ihre Lebensgefährtin ist die Ex-Frau von Julio Iglesias. Dadurch sind sie so berühmt geworden, dass Sie angeblich von Paparazzi verfolgt werden wie ein Rockstar. Stimmt das?

Ein abgeschirmtes Leben ohne Kontakt zur Alltagsrealität könnte die literarische Qualität künftiger Romane mindern.

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