Die Lehren des Kirchenrebellen

Eugen Drewermann entrümpelt die christliche Dogmatik. Der Theologe predigt einen Glauben, der den Trost im Christentum neu leuchten lässt.

hero image
Michael Meier@tagesanzeiger

Der Paderborner Theologe Eugen Drewermann schwingt sich in seinem neuen Buch zur Höchstform auf. Man kann «Wendepunkte, oder: Was eigentlich besagt das Christentum?» durchaus als Summe seiner bisherigen Werke lesen. Und man ahnt sogleich, wieso ihm Rom das Lehren und priesterliche Feiern verboten hat. Provozierend und inspirierend zugleich löst der Rebell den hohen Anspruch ein, den er sich selber vorgibt: Er will die Theologie vom Kopf auf die Füsse stellen. Er will den totalen Perspektivenwechsel vollziehen von einem institutionell-äusserlichen zu einem existenziell-innerlichen Christentum.

So kämmt er in «Wendepunkte» Kapitel für Kapitel alle sechs Hauptfächer der klassischen Dogmatik von aussen nach innen: die Schöpfungslehre, die Erlösungslehre, die Lehre von Jesus Christus, die Lehre von der Kirche, die Lehre von den letzten Dingen und die Gotteslehre. Aus reichem Fundus schöpfend, führt er vor Augen, wie die Kirche in all diesen Disziplinen die mythischen Bilder des Glaubens verdinglicht und zu historischen Tatsachen macht. Wahr und wirklich ist für sie nur das objektiv Festgelegte und Festgestellte. Das Subjektive hingegen ist unsicher, eingebildet und unzureichend. Mit aller Konsequenz also entrümpelt Drewermann die Dogmensprache, die Existenzaussagen in Seinsaussagen überhöht.

Beispiel Jesus Christus, der Sohn Gottes. Das Dogma macht aus dem mythischen Bild des Gottessohnes eine metaphysische Seinsaussage. Wobei für Drewermann der Einfluss der ägyptischen Königsmythologie der Pharaonen auf die christliche Vorstellung des Gottessohnes und Messias auf der Hand liegt. Es waren griechisch denkende Christen, «die das altägyptische Bild des Pharao zum Christusdogma entwickelten und eben dadurch die untergegangene Macht der Pharaonen mitten im römischen Imperium als Kirchenmacht zurückgewannen».

Ägyptische Königsmythologie

Eugen Drewermann liest die gesamte christliche Dogmatik als Versuch, das mythische Bild des Königs als Gottessohn mit rationalen Begriffen als eine historische Tatsache begreifbar zu machen. Aus Jesus von Nazareth wird Christus, der Sohn Gottes und die zweite Person der Trinität. Zugleich hat das christliche Dogma das, was in den Mythen der Völker von Gottessöhnen überliefert wurde, als Lügengespinst abgetan: Allein im Christentum, so sein Anspruch, ist der Sohn Gottes eine geschichtliche Realität.

Auch das Dogma vom dreieinigen Gott geht laut Theologe Drewermann auf die altägyptische Mythologie zurück, auf den Mythos der göttlichen Dreiheit von Osiris, Isis und Horus. Darum habe sich die frühe Kirche vor allem in der griechisch-römisch geprägten Kultur des alten Ägypten auszubreiten vermocht. Das Dogma der Trinität aber wurde zum Instrument der Spaltung zwischen den Christen und anderen Religionen. Und die kirchliche Apologetik leugnet bis heute die religionsgeschichtlich unübersehbaren Einflüsse aus ägyptischer, griechischer, persischer und kleinasiatischer Kulte auf das christliche Dogma.

Drewermanns Credo: Mythen und Bilder behalten ihre symbolische Stringenz und ihre poetische Pracht nur so lange, als sie nicht wörtlich genommen werden. Sonst wird aus der Mythologie und ihrer allverbindenden Poesie «eine Ideologie der Einmaligkeit des Eigenen mit der Pflicht zum Ausschluss von allem anderen».

Während Dogmen trennen, laden Bilder ein. Denn in allen Religionen redet Gott in Bildern, in Archetypen, die in der Seele aller Menschen angelegt sind. Darum ist für Eugen Drewermann das Ungeschichtliche der biblischen Berichte gerade nicht bedauerlich, sondern begrüssenswert. Er setzt alles daran, den Mythen und Symbolen ihre eigene Poesie zurückzugeben: «Das Sagen- und Legendenhafte, das Mythische und Märchenhafte ihrer Darstellungsweise lädt förmlich dazu ein, sich in der Seele derer, die es hören, fortzuträumen und in ihrem Leben selbst sich zu verdichten».

Das ist Drewermanns ganz und gar existenzieller Ansatz: Die Bilder religiöser Überlieferung beanspruchen ihre Gültigkeit nicht als historische Wahr­heiten, sondern darin, «dass sie in der Existenz der Glaubenden bewahrheitet werden».

Wider den Machtapparat

Und das ist auch die Wurzel von Eugen Drewermanns notorischer Kritik an der Kirche als Machtapparat. Die Kirche verfehlt ihr Wesen, wenn sie meint, mit den Sakramenten oder mit der Amtsgnade der Bischöfe die objektive Heils­sicherheit garantieren zu müssen. Sie verfehlt ihre Aufgabe aber auch, wenn sie Religion auf Ethik reduziert. Das Christentum ist für den Theologen keine Morallehre, sondern eine Erlösungs­religion.

Kein Verbots- oder Pflichtenkatalog hat für den Paderborner Wissenschaftler Macht über die Urgewalt der Angst, die den Menschen in die Verzweiflung treibt. Nur gläubiges Vertrauen vermag die Existenzangst zu beruhigen. «Wenn sich aber die Grundfragen des Lebens nur durch Vertrauen lösen lassen, wenn das allein im Gegenüber eines väterlichen Gottes möglich wird, so wird es zur wichtigsten Frage, wie man Religion vermittelt.»

Nicht jedenfalls mit der Verdinglichung des Höllenmythos als Realort ewiger Not und Pein. Gerade der Leidende sehne sich nach einem Ende der Qual, sagt Eugen Drewermann und redet allen Höllenpredigern ins Gewissen: «Wer anderen auf immer gönnt, in ihrem Unglück zu verkümmern, hat der nicht selber sich von einer guten Seele in einen bösen Geist verwandelt?»

Ein plastisches Leseerlebnis

Das genau tut die traditionelle Dogmatik, für die Höllenstrafen selbst verschuldet sind: «Grund der ewigen Verdammnis ist der eigene freie Wille», zitiert Eugen Drewermann den aktuellen Präfekten der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller. Das Buch wird zum fast plastischen Leseerlebnis, weil der Paderborner Kirchenrebell Müllers Dogmatik mit ihrem verdinglichten Glaubensverständnis konsequent als Negativfolie seiner eigenen existenziellen Glaubensinterpretation nutzt.

Gerade so bringt Eugen Drewermann das Trost- und Sinnpotenzial der christlichen Religion neu zum Sprechen und zum Leuchten.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt