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Die kleinen Tricks des Portiers

Eine Ferienlektüre der anderen Art: Philosoph Jacob Tomsky sagt in seinem Buch, wie es hinter der Fassade der Spitzenhotels zuweilen zugeht.

New York war Tomskys Tummelfeld: Das Waldorf Astoria. (12. November 2001)
New York war Tomskys Tummelfeld: Das Waldorf Astoria. (12. November 2001)
Keystone
Tadellose Etikette: Ein Portier des Montreux Palace grüsst. (25. September 1998)
Tadellose Etikette: Ein Portier des Montreux Palace grüsst. (25. September 1998)
Keystone
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Die Situation ist bekannt: Man hat Koffer vom Bahnhof Richtung Hotel geschleppt und möchte sie auch die restlichen paar Schritte ins Zimmer tragen. Doch da kommt ein Page hergewuselt und greift sich das Gepäck – ob man will oder nicht. Und schon schwebt vor der Nase eine ausgestreckte Hand, die Trinkgeld einfordert.

Es gehe darum, erklärt der New Yorker Jacob Tomsky, den anreisenden Gast in die Bredouille zu bringen: «Sie kämpfen mit dem schlechten Gewissen, weil Sie sich eigentlich das Trinkgeld sparen wollen, und gleichzeitig haben Sie Angst davor, dem Pagen (entschlossene Miene, Schlüssel in der einen, Koffer in der andern Hand) kurz und bündig ins Gesicht zu sagen, dass Sie Ihr Gepäck auch alleine tragen können.» Ausserdem sollte der Page sich immer sogleich mit Namen vorstellen, um eine persönliche Bindung herzustellen, die der Kunde eigentlich nicht möchte, die er aber unmöglich zurückweisen kann, ohne als asozial zu gelten.

Italiener in die schlechten Zimmer

«Wer eincheckt, hat verloren» heisst das Buch von Jacob Tomsky, der Philosophie studiert und zehn Jahre in Luxushotels gearbeitet hat. Der Name ist Programm: Frank und frei erklärt Tomsky, mit welchen Tricks Gäste ertragreich angehimmelt, skrupellos ausgenommen und kalt abgewimmelt werden. So erklärt Tomsky etwa, nach welchen Kriterien die Zimmer belegt werden («... kümmerten uns erst mal um die Italiener, verteilten sie allesamt auf unsere definitiv unattraktivsten Zimmer, wohl wissend, dass 97 Prozent von ihnen eh nicht gut genug Englisch sprachen, um sich richtig beschweren zu können.»).

Oder er erklärt, wie er einem Gast ein «Upgrade» – im harmlosen Fall eine Flasche Rotwein – schmackhaft macht und so mal zwanzig, mal fünfzig Dollar abgreift. Oder mit welchen Mitteln das Reinigungspersonal säumige Gäste spätmorgens aus den Zimmern treibt. Oder wie er sich per PC-Bildschirm mit seinem Kollegen an der Réception über die eincheckende Kundin lustig machte. Zugleich gibt Tomsky Einblicke in die Dynamik und Psychologie, die innerhalb des Personals walten, derbe Herzlichkeiten inklusive. Strategisch geschickt streut der 38-Jährige seine Anekdoten und überbrückt so die ziemlich häufigen Allgemeinplätze – freundliche Gäste sind beliebter als unfreundliche, Zornausbrüche führen nicht zum Ziel und dergleichen. Jedoch bleibt das Buch deswegen Stückwerk, zu abrupt ist auch der Wechsel zwischen den einzelnen Hotels, in denen Tomsky gearbeitet hat, zu farblos bleibt das vielköpfige Personal. Und so eignet sich «Wer eincheckt, hat verloren» vor allem als beiläufige Lektüre für Vielreisende oder solche, die in der Hotelbranche tätig sind.

Allen anderen sei George Orwells Debütroman «Down and Out in Paris and London» aus dem Jahr 1933 empfohlen, in dem der Brite seine Zeit als Küchengehilfe in französischen Luxushotels verarbeitet und realitätsnahe Sozialkritik mit literarischer Raffinesse verbindet.

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