«Die grosse Liebe? Die habe ich nie erlebt»

Rosamunde Pilcher ist tot. In einem Alter, in dem andere in Pension gehen, wurde sie zur Meisterin der Herzschmerzliteratur.

«Ich habe in meinem Leben mehr gebügelt als geliebt»: Bestseller-Autorin Rosamunde Pilcher. (Video: Tamedia/Youtube)

Das wohl erstaunlichste Bekenntnis Rosamunde Pilchers betrifft das Innerste ihrer Kunst: «Ich bin nicht so der romantische Typ», erklärte die Autorin vor vielen Jahren bei einem Besuch in ihrem Landhaus im schottischen Longforgan bei Dundee. Schmetterlinge im Bauch? Herzklopfen? «Ich bitte Sie!», rief sie, und es klang fast wie eine Drohung, wohl auch, weil es mit rauer, tiefer Stimme aus ihr herausbrach; sie hatte über Jahrzehnte Kette geraucht.

Rosamunde Pilcher, geboren 1924 in Cornwall, hat mit Liebesromanen Millionen gemacht, mit Geschichten von stürmischen Eroberungen und unerfüllten Sehnsüchten. Vor mehr als 80 Jahren schrieb sie als Jugendliche ihre ersten Erzählungen, nach ihrem freiwilligen Kriegsdienst im damaligen Ceylon und in Indien packte sie als junge Hausfrau und Mutter ihre Schreibmaschine wieder aus und verfasste weitere Schmonzetten, da noch unter dem Namen Jane Fraser. Beim Groschenromanverlag Mills and Boon war sie Stammautorin, Zeitschriften druckten ihre Liebesgeschichten.

Im deutschsprachigen Raum sehr viel bekannter

Fast vier Jahrzehnte dauerte es bis zu ihrem grossen Durchbruch, den schaffte sie 1987 mit «Die Muschelsucher». Der Wälzer stand zwei Jahre auf der Bestsellerliste der New York Times. Pilcher war da 63 Jahre alt. Während andere an die Rente dachten, schrieb sie Roman um Roman.

Am Ende waren es fast drei Dutzend. Sie hiessen «September», «Wilder Thymian», «Sommer am Meer» und «Karussell des Lebens», mehr als 65 Millionen Mal sollen sich ihre Bücher verkauft haben, mehr als 100 Millionen Pfund soll sie damit verdient haben. Sie war schon weit in den Achtzigern, als sie im Jahr 2012 für sich entschied, dass es gut sein solle mit «der schönen Literatur», wie sie ihre Arbeit selber nannte. Sie fühle sich zu alt, sagte sie, um weiterzuarbeiten.

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In Grossbritannien gehört es zum guten Ton, zu behaupten, nie etwas von Rosamunde Pilcher gehört zu haben. Sich als Leser von Kitschliteratur zu outen bringt selten intellektuelle Statusvorteile. Doch tatsächlich war sie, obwohl auch Bestsellerautorin in ihrer Heimat und von Prinz Charles mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet, im deutschsprachigen Raum sehr viel bekannter. Manche hielten sie für eine Deutsche. Das hat damit zu tun, dass sich das ZDF von 1993 an ihrer Stoffe annahm.

Es gibt inzwischen 145 Verfilmungen von Romanen und Erzählungen der Autorin, in denen üppigst serviert wird, was Zuschauer gerne von den britischen Inseln sehen wollen: grüne Landschaften, ehrwürdige Herrenhäuser, herzverwirrte Damen in Blumenkleidern, stattliche Herren in Tweedsakkos. Immer dampft irgendwo ein Tee, viele Szenen spielen vor einer dramatischen Küstenkulisse in Cornwall. Das hat bis heute zur Folge, dass jedes Jahr mehrere Zehntausend deutsche Touristen durch die Landschaft streifen, um sich womöglich erhabener oder zumindest erholter zu fühlen.

Oder, um Pilcher zu suchen. Die wohnte da allerdings seit Jahrzehnten nicht mehr, sie war gleich nach dem Krieg mit ihrem Mann Graham nach Dundee gezogen. Er starb vor fast zehn Jahren, sie waren 62 Jahre lang verheiratet, aber bis zum Schluss sagte Rosamunde Pilcher: «Die grosse Liebe? Die habe ich nie erlebt.» Ihre Beziehung sei durch eine «ruppige Herzlichkeit» geprägt gewesen.

«Lesen ist eine Art von Flucht in eine andere Welt»

«Eine Ehe, die allein auf Leidenschaft gebaut ist, hält nicht, Respekt und Pragmatismus, darauf kommt es an.» Oft sahen im Schnitt sechs Millionen Menschen die tränenreichen Verfilmungen im Fernsehen, was Kritiker der öffentlich-rechtlichen Sender von einer «Pilcherisierung» des gebührenfinanzierten Programm sprechen liess. Marcel Reich-Ranicki war einer der schärfsten Gegner der Seichtgebiete im Fernsehen. Allerdings legten die Verfilmungen sehr viel Weichzeichner über die Vorlagen, denn darin geht es zwar auch um Leidenschaft, aber auch um selbstbewusste Frauen, die so resolut und humorvoll sind wie Pilcher selbst.

Die Autorin hatte mit dem Prädikat der seichten Unterhaltung kein Problem. «Flucht ist kein schmutziges Wort, es ist manchmal ganz gut, der Welt zu entfliehen», sagte sie damals in Longforgan, ein allzu genaues Abbild der Realität sei kontraproduktiv. Selbst eiserne Ladys fliehen bisweilen in diese Gefilde: Margaret Thatcher soll sich mit Romanen von Rosamunde Pilcher vom Regieren erholt haben. Ihr Sohn Robin Pilcher, der ein Dorf weiter in Schottland wohnt und ebenfalls Liebesromane schreibt, sagte dem britischen Guardian, dass seine Mutter am Sonntag einen Schlaganfall erlitten habe. Am Donnerstag ist sie gestorben. Sie wurde 94 Jahre alt.

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