Die dümmste Idee

Die SVP will Drogen wieder stärker kriminalisieren. Wohin das führt, zeigt Journalist Johann Hari.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Andrea Geissbühler, Berner SVP-Nationalrätin und Polizistin, macht mit einem Vorstoss auf sich aufmerksam: Cannabiskonsumenten sollen künftig nicht mehr nur gebüsst, sondern wieder angezeigt werden. Geissbühler schreibt damit – ob wissend oder nicht – die Geschichte der Kriminalisierung und der Bekriegung der Drogen um ein kleines Kapitel fort.

Wo diese Geschichte begann und welche brutalen Wendungen sie nahm, zeigt der Journalist Johann Hari in seinem neuen, brillanten Buch. Der britisch-schweizerische Doppelbürger, der für die «New York Times» und den «Guardian» arbeitet, recherchierte drei Jahre lang für «Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges». Die Zeit war auch ein Sabbatical für den heute 37-Jährigen, der als Wunderkind der britischen Presse mit dubiosen Zitaten und Drogenexzessen in die Kritik geraten war. «Drogen» rehabilitierte Hari und stiess von Noam Chomsky bis Glenn Greenwald auf Begeisterung. Die Übersetzungen des Buchs kommen zur richtigen Zeit – nun, da in Europa mit den Konservativen auch die Idée fixe der repressiven Drogenbekämpfung wieder erstarkt.

Aus dem Bernischen kommend

Haris Erzählung beginnt verblüffend, nämlich mit einem ärmlichen Coiffeur aus Geissbühlers Kanton. Ein gewisser Robert Anslinger emigrierte Anfang der 1880er aus dem Bernischen in die USA, weil er seine Familie nicht mehr ernähren konnte. Sein 1892 geborener Sohn Harry J. Anslinger machte Karriere in Washingtons Bürokratie. Als 1930 das Federal Bureau of Narcotics (FBN) gegründet wurde, übernahm Anslinger die Leitung. Erst 1962 sollte er sie wieder abgeben. Zu diesem Zeitpunkt hatten die USA ihren Drogenkrieg auf die Welt ausgeweitet; Ländern, die ihre Repression hinterfragten, wurde der Dialog verweigert und auch schon mal der Entzug von Entwicklungsgeldern angedroht. Hari beschreibt, wie der Kampf gegen den Rausch von Anfang an mit heissen Herzen und wirren Köpfen geführt wurde. Harry Anslingers Psychogramm zeigt eindrücklich, dass eine bestätigte Verschwörungstheorie noch immer die beste Hefe für eine gedeihende Paranoia ist: Als Jugendlicher hatte Anslinger bei der Eisenbahn gearbeitet und die sehr konkrete Macht der Mafia kennen gelernt – und das, obwohl deren Existenz damals offiziell noch bestritten wurde. Seither misstraute Anslinger dem Common Sense und öffentlichen Verlautbarungen und witterte ständig Verschwörung und Gefahr.

Anslinger war besessen davon, Drogen zu verbieten und ihren Konsum mit allen möglichen Mitteln zu verfolgen. Zugleich war er ein Karrierist. Sein unbedeutendes Bureau konnte er nur deshalb zur mächtigen Institution ausbauen, weil er sich – wie heute Geissbühler – auf Cannabis stürzte. Die Verfolgung harter Drogen allein hätte für seinen Aufstieg nicht genügt. Anslinger überzeugte Politik und Öffentlichkeit in den 1930ern von der ungeheuren Bedrohung des Cannabis, der bis dahin als harmlos galt. Anslinger raunte: «Falls das grässliche Monster Frankenstein dem Monster Marihuana von Angesicht zu Angesicht gegenüberstünde, würde es vor Angst tot umfallen.» Er sammelte Zeitungsartikel, die die Bösartigkeit der Droge zu belegen schienen: eine mexikanische Familie, die dem kollektiven Wahnsinn verfiel, nachdem sie eine Hanfpflanze gegessen hatte; ein «vernünftiger, junger Mann», der ein paar Züge Marihuana nahm, sofort irrsinnig wurde und seine Eltern in Stücke hackte. Wenn Ärzte gegen solche Übertreibungen protestierten, wurden sie vom FBN ignoriert oder mit Drohungen zum Schweigen gebracht. Unaufhaltsam wurde seine Kampagne, als Harry Anslinger sie mit dem mächtigsten Ressentiment überhaupt koppelte: dem Rassismus. Kokain und Cannabis, erklärte die FBN-Propaganda, liessen die berauschten Schwarzen und Asiaten ihren minderwertigen Platz in der Gesellschaft vergessen. Die Bekämpfung der Drogen wurde so zur existenziellen Aufgabe der weissen Elite stilisiert – und Anslinger konnte sich plötzlich Geld und Personal wünschen, so viel er wollte.

Ein Teufelskreis

Die Passagen, in denen Hari mit nüchterner Sprache solche Mechanismen des Drogenkriegs offenlegt, gehören zu den stärksten des Buchs. Erstaunlich ist auch die Einsicht, dass Anslingers Bureau in den 1930ern eigentliche «Staatsjunkies» zu produzieren begann. Dünn dosierte Opiate, bis dahin in Apotheken als Nervenmittelchen legal erhältlich, wurden eins nach dem andern verboten. Bürger, die sich die Mittelchen trotzdem verschaffen wollten, mussten sich jetzt auf der Strasse umsehen. Weil die Opiate verboten waren, wurden sie hoch dosiert gehandelt. Wer Drogen schmuggelte, schmuggelte möglichst effektiv, also in möglichst hoher Dichte. Die Gefahr stieg, dass die Süchtigen deutlich höhere Dosen zu sich nahmen als bisher – und sich daran gewöhnten. Zeitgleich gab Anslinger zu Protokoll: «Ich kenne keine Opfer. Wer zum Junkie wird, hat sich selbst zum Opfer gemacht.» Es war ein Teufelskreis, der in Washington begonnen hatte – und ein Fest für die Drogenkartelle, denen Anslinger einen höchst lukrativen Markt geschaffen hatte, einen Markt, der nun seine eigenen, monströsen, zugleich logischen Gesetze auszubilden begann.

Die gegenwärtige Gewalt der mexikanischen Drogenhändler etwa, zeigt Hari, folgt grossteils durchaus rationalen Überlegungen. Denn wenn ein Kartell Angst verbreiten kann, verschafft es sich einen Wettbewerbsvorteil. Wenn Kartell A einen Menschen köpft, muss Kartell B nachziehen – etwa indem es einen Menschen köpft und das Video dazu auf Youtube stellt. So gewinnt es den Wettbewerbsvorteil zurück, weil es sich als schrecklicher erwiesen hat als Kartell A. Letzteres muss wiederum nachziehen und sich einen noch brutaleren Racheakt ausdenken.

Auftritt Ruth Dreifuss

Johann Hari kombiniert seine Analysen mit einem aufwendigen lokaljournalistischen Ansatz. Der Journalist verbrachte Wochen an Orten und mit Personen, an denen sich der Drogenkrieg kristallisiert. Indem er Junkies ebenso porträtiert wie Wärter von Heilanstalten und renommierte Suchtexperten, zeigt Hari bittere Nahaufnahmen dieses Kriegs. Weil Hari auch nach Auswegen aus dem Drogenkrieg sucht, führt ihn die Recherche schliesslich nach Genf. Ruth Dreifuss, der Mutter der Schweizer Vier-Säulen-Politik, räumt er viel Platz ein. Das Fazit seines Buchs ist eindeutig und einleuchtend: Eine Kombination einer liberalen Drogenpolitik mit der medizinischen Behandlung von Süchtigen ist der konservativen Repression weit überlegen. Junkies überleben öfters, Kartelle verlieren ihre Einnahmequellen – und die Allgemeinheit spart sogar noch Geld, weil Süchtige weniger häufiger verelenden und kriminell werden.

Nicht erklären kann Hari, weshalb Harry Anslingers Geist noch immer die Drogenpolitik so vieler, wenn nicht der meisten Länder inspiriert, weshalb seine Repressionspolitik weiterhin attraktiv ist. Ist es die instinktive Abneigung gegenüber verwahrlosten Junkies, die Hari bei vielen Bürgern, aber auch an sich selber feststellt (und bekämpft)? Die Angst der Leistungsgesellschaft vor dem rauschbedingten Kontrollverlust? Eine konservative Vorstellung von «Willensstärke» beziehungsweise im Fall der Süchtigen von «-schwäche»? Darauf weiss der Autor keine Antwort. Es bleibt bei der einen übergeordneten Erkenntnis, die der Leser aus dieser sehr fundierten Erzählung des globalen Drogenkriegs zieht: Wenn eine Idee sich als stumpfsinnig und in der Praxis als notorisch erfolglos erweist, heisst das noch lange nicht, dass sie deswegen nicht Jahrzehnte lang vehement verteidigt werden könnte.

baz.ch/Newsnet

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