«Die Dichter leben, die ‹Krrritikerr r ’› sterben»

Bern

Jawohl, bei dem Kritiker mit den vielen R denkt auch er an Marcel Reich-Ranicki. Der Kabarettist, Autor und Musiker Georg Kreisler (88) war in Bern. Auf der Bühne aggressiv, als Gesprächspartner sympathisch.

Grosse Brille und immer noch spitze Zunge. Vor seinem Auftritt kommentiert Georg Kreisler im Hotel Allegro-Kursaal das moderne Theater: «Wenn es uns nicht passt, gehen wir in der Pause.»

Grosse Brille und immer noch spitze Zunge. Vor seinem Auftritt kommentiert Georg Kreisler im Hotel Allegro-Kursaal das moderne Theater: «Wenn es uns nicht passt, gehen wir in der Pause.»

(Bild: Walter Pfäffli)

Peter Steiger

Der Mann ist voll da. Mit 88 ist er auf der Bühne immer noch ein Hundertprozenter. Georg Kreisler artikuliert zwei Stunden lang glasklar, keine Versprecher, keine Lücken, keine Aussetzer. Zwar hat ers mit den Beinen, eine Krankheit mit einem überaus komplizierten Namen. Jetzt kann er nicht mehr lange stehen und gehen. Als ihn das Publikum beim Schlussapplaus mehrmals auf die Bühne holt, muss er mühsam das Treppchen erklimmen. Zu hoffen ist, dass der Beifall der Zuschauer die Schmerzen übertönt.

Der Wiener Kabarettist, Chansonnier, Autor, Musiker und Komponist Georg Kreisler gastierte mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Barbara Peters, am Sonntagabend in der ausverkauften Berner Cappella. Am einzigen Auftritt in der Schweiz lasen die beiden aus Kreislers aktuellen Büchern, «Anfänge» und «Zufällig in San Francisco». Nach der Pause setzten sie einige seiner Lieder szenisch um. Sie gingen auch «Tauben vergiften im Park», Kreislers grösster Hit. Wenn hochbetagte Künstler nochmals auf die Bühne stehen, sind das oft Kleenex-Auftritte. Die letzten Lieder sind Abschiedsklänge, die ans Herz gehen. Nicht so bei Kreisler. Er ist bissig wie eh. Vor allem österreichische Politiker kriegen Watschen.

«Regisseuse» jetzt in Zürich

Zu einer allerdings charmanten Abreibung kommt auch Bern einige Stunden vor dem Auftritt. In der Bar des Hotels Allegro-Kursaal erinnert sich Georg Kreisler an eine Vorstellung im hiesigen Stadttheater vor einigen Jahrzehnten. «Nach seinem Auftritt muss man das Theater gehörig ausräuchern, um hier wieder Klassiker wie den ‹Hamlet› spielen zu können», schrieb eine Tageszeitung. Nein, das war nicht ironisch gemeint. Und nein, es war nicht diese Zeitung, sondern die andere.

«Aber das Berner Publikum war und ist sehr angenehm», sagt er. Das ist zwar ein PR-Standardsatz. Aber dem sonst bitterbösen Kreisler nimmt man ihn ab. Auf der Bühne sei er aggressiv, als Nachbar sympathisch, hat er mal gesagt. Gewinnend ist er auch als Gesprächspartner. Er hört zu und stellt Fragen.

Und kommt dann, wie man es erhofft hat, in Fahrt, wenn man ihn mit seinen Lieblingsreizthemen ködert. Mit dem Theater etwa. Georg Kreisler verrät, dass er die Pause als Mittel zur Kritik einsetzt: «Wir gehen, wenn es uns nicht gefällt, in der Pause wieder heim», sagt er.

Dank seinem Promistatus hat der Pausenprotest durchaus Wirkung. In Basel etwa. Dort hat Kreisler 15 Jahre lang bis 2007 gelebt. Während dieser Zeit inszenierte hier Barbara Frey. «Sie ist eine ‹Regisseuse› und hat keine Fantasie», spottet er über die jetzige Intendantin des Zürcher Schauspielhauses.

Heute leben Georg Kreisler und seine Frau Barbara Peters in Salzburg. Und touren von dort aus mit ihrem Leseabend durchs deutschsprachige Europa. Acht Auftritte hatten sie in den vergangenen zwei Monaten. Unterwegs sind sie, weils Spass und Sinn macht. «Nein, ich muss nicht dem Geld hinterherhetzen.» Er sei kein reicher Mann, aber gut versorgt. «Wissen Sie, die Tantiemen.»

Keine Angst vor dem Sterben

«Dichter leben, Krrritikerrr sterben», sagt er. Ein Satz zum Nachdenken. Und zum Schmunzeln. Denn die vielen R beschwören Kreisler berühmtes Chanson herauf, jenes über den Musikkritiker. Und sie erinnern an Marcel Reich-Ranicki, mit dem er in herzlicher Feindschaft verbunden ist. «Wenigstens schreibt Reich-Ranicki keine Gedichte», sagt Kreisler. «Noch nicht.»

Literatur ist unsterblich. Ob auch sein Werk überlebt, will er nicht voraussagen. Immerhin wisse man das bald. Er sei alt. «Nein, ich habe keine Angst vor dem Sterben.» Zum Leben gehöre das Scheitern. Dazu passt, was er später auf der Bühne der Cappella sagen wird: «Man legt uns in die Wiege, man legt uns ins Grab. Und dazwischen fallen wir immer wieder um.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt