Das Leben kann so kurz und blöd sein

Die kroatisch-schweizerische Autorin Ivna Žic hat keinen Migrantenroman üblicher Bauart verfasst. Wenige Seiten Lektüre genügen, und man steigt nicht mehr aus.

Ivna Žic wurde 1986 in Zagreb geboren. Heute lebt sie als Theaterregisseurin und Autorin in Zürich und Wien.

Ivna Žic wurde 1986 in Zagreb geboren. Heute lebt sie als Theaterregisseurin und Autorin in Zürich und Wien.

(Bild: Keystone)

Christine Richard

Wie aus dem Nichts kommt die junge Schweizer Autorin Ivna Žic mit ihrem ersten Roman «Die Nachkommende». Keine experimentellen Faxen. Inhalt und Sprache gehen wie magisch ineinander auf. Ein Roman über den Verlust von Heimat. Und über den Verlust des Geliebten. So unbedingt, wie Lust einen anderen Körper braucht, so dringlich sucht sich dieser Roman eine andere Form. Er scheint von sich aus; eine starke Neu-Erscheinung.

Worum geht es? Eine junge Frau sitzt im Zug von Zürich nach Zagreb. Drei Tage zuvor sass sie noch im TGV nach Paris, um sich von ihrem Geliebten endgültig zu verabschieden. Aber es ging nicht. Die beiden können sich nicht trennen. Einerseits. Andererseits «war es auf eine bestimmte Art vorbei». Wieso vorbei?

Wir reisen mit der Frau weiter. Auf Gleisen, Schienen, Spuren der Erinnerung. Es ist ein kleines literarisches Wunder, wie es die Fantasiearbeit der Autorin schafft, den Leser mitzunehmen. Wenige Seiten Lektüre genügen, und man steigt nicht mehr aus. Die junge Frau hat sich in einen verheirateten Mann verliebt. Sie kann nicht bei ihm bleiben, sie kann sich nicht von ihm lösen. Auch nicht von ihren Grosseltern in Kroatien. Die Frau pendelt zwischen Zürich, Zagreb und der kroatischen Insel, wo die Grossmutter ist. Auf dieser heimatlichen «Grossmutterinsel» lernte sie im letzten Sommer den Mann kennen. Die beiden waren berührt voneinander, ohne sich zu berühren. Ein erster Hinweis, dass auf den Mann daheim eine andere wartet. Erste Berührung, erste Verletzung.

Erotische Spannung

Liebe, wunderbar sinnlich beschrieben. Und sehnsüchtig vor allem. Denn ein verheirateter Mann ist nicht greifbar. Die wahre erotische Spannung liegt deshalb im Text selber, seinem Verschweigen, seinen Andeutungen.

Die Frau sitzt im Zug. Draussen vor dem Fenster huscht die Wirklichkeit vorbei, im Innern der Frau die Erinnerung. Die Erzählerin hängt am seidenen Faden ihrer Imagination. Sie hat nichts anderes. Sie schwebt zwischen den Zeiten. Die Grossmutter-Heimat ist Vergangenheit, die Liebe zum verheirateten Mann hat keine Zukunft. Halt bieten nur die Erinnerungen. Die Suche nach der verlorenen Zeit ist derart existenziell und derart vergeblich, dass sie sich zu einer einzigartigen Sprachform verfestigt. Zu einer Art poetisch-nüchternen Sehnsuchtssinfonie.

Es ist die Sehnsucht der entwurzelten «Nachkommenden» nach Heimatlichkeit. Nach Sicherheit, Beständigkeit, schweigendem Einverständnis. Es ist auch die Sehnsucht nach den Händen des Mannes, seinem Leib. Dieser Mann ist als Körper präsent, aber als Person ist er abwesend. Er kommt und geht, wann er will. Er ist ein verheirateter Mann wie der Grossvater der Frau. Der fuhr einst von Kroatien nach ­Paris, um Maler zu werden. Er malte dort das Bild einer Frau in Türkis. Später, als Ehemann, vernichtete der Grossvater fast alle Gemälde. Nur «Die Frau in Türkis» blieb an der Wand.

Die Grossmutter war eifersüchtig. Welche Frau hatte ihr Mann da gemalt? Seine Pariser Geliebte? Es ist, als wiederhole sich das Schicksal der Ich-Erzählerin in der Geschichte ihrer Grosseltern.

Ein Rest von Begehren

Wir können ahnen, wie alles endet. Der Grossvater «hörte auf». Wegen seiner Familie und um der Sicherheit Willen hörte er einfach auf: mit Paris, mit dem Malen, mit den Abenteuern. Ein Rest von Begehren bleibt. Beim Grossvater ist es die Frau in Türkis – das Sehnsuchtsbild. Bei der Erzählerin ist es die Sprache des Begehrens – der Roman.

Die Frau fährt Richtung Kroatien. «Einer nur sitzt nicht im Zug.» Wir wissen schon, wer gemeint ist. Wer der Erzählerin so sehr fehlt, dass sie es nicht sagen kann. Das Wichtigste ist stets ­unsagbar. Je stärker sie sich Kroatien nähert, desto deutlicher werden die Erinnerungen an die Familie. Der Krieg von damals, die schöne Stadt Zagreb heute, «ein übergrosses Café, eine Promenade des Betrachtens».

Ivna Žic wurde 1986 in Zagreb geboren. Heute lebt sie als Theaterregisseurin und Autorin in Zürich und Wien. Es ist zu vermuten, dass persönliche Erfahrungen in ihren Roman einflossen. Aber das ist Nebensache. «Die Nachkommende» ist kein Migrantenroman üblicher Bauart. Ivna Žic spielt nicht die angeblich «warme» Heimat gegen die vorgeblich «kalte» Schweiz aus.

Eine von vielen Szenen: Wie die Grossmutter auf ihrer Insel wartet und den Rosenkranz betet. Sie ist still. «Eine sagt nicht viel.» Aber das Wenige wiegt, wenn die Grossmutter sagt: «Wie das Leben so kurz und blöd sein kann.» Die Alten sprechen nicht viel. Nicht von ihrer Einsamkeit, nicht von ihrer Verletztheit. «Die Nachkommende» spricht für sie. Sie sagt es auf ihre indirekte Weise, die so direkt wirkt wie Musik.

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