Das Billard zur Weltkatastrophe

Der Historiker Christopher Clark beschreibt in seinem Buch «Die Schlafwandler» Europas Weg in den Ersten Weltkrieg. Und kommt zu neuen Antworten auf die Schuldfrage.

Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo, kurz vor dem tödlichen Attentat.

Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo, kurz vor dem tödlichen Attentat.

Martin Ebel@tagesanzeiger

Nach Leopold von Rankes berühmter Anweisung soll der Historiker erforschen und beschreiben, «wie es eigentlich gewesen» sei. Unbewusst oder bewusst betrachten aber viele Historiker das Gewesene durch die Brille der eigenen Gegenwart, deuten oder biegen es gar zurecht, im Dienste der aktuellen Politik. So war es nach dem Ersten Weltkrieg. Die Schuld der Deutschen an seinem Ausbruch war explizit im Versailler Vertrag festgehalten worden, und so setzten deutsche Historiker alles daran, dies zu widerlegen, während die Forscher der Alliierten das entgegengesetzte Ziel verfolgten.

Später beherrschte die These das Feld, alle Beteiligten seien in den Krieg «geschlittert», bis sich in den 60er-Jahren auch in Deutschland die Position durchsetzte, Hauptverursacher der Jahrhundertkatastrophe sei der deutsche Militarismus mit seinem Streben nach Weltmacht gewesen.

Grausame Zerstörungskraft

Jetzt steht womöglich ein neuer Paradigmenwechsel an. Das Buch «Die Schlafwandler» des Australiers Christopher Clark, der in Cambridge lehrt, hat schon bei Erscheinen der Originalausgabe für Furore gesorgt, jetzt, kurz bevor sich der Kriegsausbruch zum 100. Mal jährt, liegt es auch auf Deutsch vor. Es hat hymnische Besprechungen geerntet («Das Buch des Jahres»), aber auch Widerspruch. Denn verkürzt man die Ergebnisse seiner umfangreichen Untersuchung, könnte man eine Relativierung der deutschen Kriegsschuld daraus lesen: Das Deutsche Kaiserreich, so Clark, hat nicht mehr zum Ausbruch des Weltkrieges beigetragen als die anderen vier Grossmächte Frankreich, England, Russland und Österreich-Ungarn.

Mehr als die Schuldfrage interessiert den Australier, welche Kräfte wirkten, um ein Ereignis von nie da gewesener Zerstörungskraft zustande zu bringen, mit 20 Millionen Toten, 21 Millionen Verwundeten, drei untergegangenen Imperien – und das kein Beteiligter so gewollt hatte. Dafür hat Clark nicht nur die vorhandene Forschungsliteratur ausgewertet, sondern auch ein schier unüberschaubares Quellenmaterial – ein, wie er betont, dennoch lückenhaftes und vielfach tendenziöses Quellenmaterial. Clark gelingt es, die Jahre vor 1914 multiperspektivisch in den Blick zu nehmen. Betrachtet man nämlich nur einen Player, ordnen sich alle Ereignisse nur in Bezug auf dessen Ziele, Interessen und Ängste. Erst die Gegenüberstellung von mindestens fünf Sichtweisen (und der von Serbien und anderen kleineren Mächten) bringt den Betrachter der Wahrheit näher – auch wenn diese Wahrheit ungeheuer kompliziert ist.

Der multiperspektivische Zugang ist eine der Qualitäten dieses Buches. Eine weitere die Fähigkeit, wie eine Kamera mit Zoom mal mit dem Weitwinkelobjektiv das Geschehen zu betrachten, mal ganz nah heranzugehen, in die Parlamentssäle und die Hinterzimmer der Macht, in die Intrigenstadel der Kabinette, wo Mehrheiten und Entscheidungen aus manchmal recht unpolitischen Motiven zustande kamen.

Clark vergleicht das Spiel der Grossmächte mit einer Billardpartie, wo die Bahn jeder Kugel jede andere beeinflusst. Ein treffender und doch noch zu einfacher Vergleich: Denn hier ist jede Kugel «unrund», keine Bahn berechenbar, da im Innern jeder Kugel antagonistische Kräfte miteinander ringen.

In jedem Staat gab es im Machtzentrum Kriegstreiber und Pazifisten, kämpften Militärs, Diplomaten, Regierung und Parlament, einzelne Minister, Monarchen und Berater um die richtige Politik. Natürlich auch im Deutschen Reich, das nicht nur aus Kriegstreibern bestand, in dem die Militärführung allerdings eine fatal starke Stellung auch bei politischen Entscheidungen besass.

Viele Staaten hatten keine konsistente politische Strategie oder wechselten diese mehrfach. Dabei sandten sie missverständliche oder widersprüchliche Signale aus. Die Massenmedien verstärkten diese Signale noch, wurden aber auch von den Regierungen instrumentalisiert; ausserdem liess sich mit Verweis auf die «öffentliche Meinung» auch Aussenpolitik betreiben.

Es gab die friedliche Alternative

Clark ist ein vorzüglicher Disponent seines Materials; es gelingt ihm, die trockene Sprache diplomatischer Noten zum Leben zu erwecken, das Hin und Her von Kriegsbefürwortern und -gegnern nachvollziehbar zu machen und die verschiedenen Sichtweisen für den Leser in kluger Balance zu halten. Vor allem aber brilliert er in der Personenschilderung. Die Galerie der Charaktere, die er vor uns hinstellt, ist derart zwingend, dass man den Eindruck gewinnt, wenn nur eine einzige gefehlt hätte, wäre die Sache anders ausgegangen – gewissermassen der «Schmetterlingseffekt» in der Geschichtswissenschaft.

Eine dieser Figuren ist der serbische Ministerpräsident Nikola Pasic, politisches Urgestein mit einer bewegten Biografie und Schweizer Ausbildung (er hatte 1868 bis 1872 an der ETH Zürich Bauingenieurwesen studiert). Seine Stellung war ständig bedroht durch Extremisten im eigenen Land, die er nie vollständig kontrollieren konnte, auch weil er seine Macht ihnen verdankte. Expansionistisch im Ziel («Wo ein Serbe lebt, ist Serbien» – eine Attitüde, die sich bis zu den jüngsten Balkankriegen gehalten hat), terroristisch in den Mitteln (es gab schon damals Selbstmordattentate), trieben sie die Regierung Pasic vor sich her. Ein Ergebnis von Clarks Untersuchung ist: Es gab immer eine friedliche Alternative zum grossen Morden – bis zuletzt. Nichts ist unausweichlich. Sogar die Schüsse in Sarajevo am 28. Juni 1914, das letztlich kriegsauslösende Moment, wären zu verhindern gewesen. Die serbische Regierung wusste, dass sich eine Gruppe von Attentätern über die Grenze nach Bosnien-Herzegowina aufgemacht hatte, sie hatte auch eine Warnung nach Wien geschickt, aber so vage, dass sie dort keine Reaktionen auslöste (wäre sie konkreter gewesen, hätte sich die Regierung als Mitwisser kompromittiert).

Als Österreich nach der Ermordung seines Thronfolgers ein Ultimatum stellte – worin es unter anderem verlangte, mit eigenen Beamten in Serbien nach Hintermännern suchen zu dürfen –, überlegte die Regierung Pasic sogar, darauf einzugehen, wurde aber vom verbündeten Russland zur Ablehnung gedrängt. Russlands eigenes Szenario sah nämlich einen Balkankrieg vor, der dem Zarenreich die Kontrolle über die Meerengen am Bosporus verschaffen würde, ein im Frieden unerreichbares Ziel.

Zündender Balkan

Und hinter den Kulissen zogen die Franzosen die Fäden. Sie hatten das grösste Interesse an einer Revision der Landkarte: Sie wollten Elsass-Lothringen zurück, das sie 1870 verloren hatten. Das war aber nur möglich, wenn man Deutschland in einen Zweifrontenkrieg verwickelte. Dazu hatte Frankreich das Zarenreich infrastrukturell aufgerüstet: mit hohen Krediten und einem Eisenbahnnetz, das einen schnellen Truppentransport an die deutsche Grenze ermöglichte.

So wurde das Szenario Balkan (Schauplatz schon zweier Kriege, 1912 und 1913) zum «Zündmechanismus» (Clark) für die Weltkatastrophe. Österreich wollte nur gegen Serbien kämpfen, Russland nur gegen Österreich, Frankreich mit Russland gegen Deutschland – und mit England, wozu es die «Entente cordiale» verpflichtete, falls Deutschland als Angreifer auftrat (was aus militärtaktischen Gründen dann auch geschah). Die in den vorangehenden Jahren geschlossenen Bündnisse wirkten wie ein Zwangsmechanismus – aber nur, weil die vorhandenen Alternativen, die Clark aufzeigt, nicht genutzt wurden.

Lässt sich etwas daraus lernen? Ja – dass es für einen erfolgreichen Interessenausgleich nötig ist, jedem Land seine Interessen erst einmal zuzugestehen. Dies taten die Ententemächte gegenüber Österreich-Ungarn etwa nicht. Der Vielvölkerstaat galt als todgeweiht, seine Ansprüche als vernachlässigenswert. Ein Fehler für Clark. Die K.-u.-k.-Monarchie erfährt bei ihm eine deutliche Aufwertung. Gewiss, es war ein verkrustetes, bürokratisches, schwer manövrierbares Konstrukt, aber wirtschaftlich im Aufschwung, institutionell auf dem Reformweg, und die vielen Völker lebten dort relativ gut, besser jedenfalls, als es den Minderheiten in den nach 1918 gebildeten Nationalstaaten erging.

Tages-Anzeiger

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