«Zuerst die Hexe, dann der Brandstifter»

Interview

2007 hat Walter Hauser die Hinrichtung von Anna Göldi als Justizmord entlarvt. Nun, genau 150 Jahre nach dem Brand von Glarus, deckt der Journalist auf, wer wirklich hinter der Jahrhundertkatastrophe steckte.

  • loading indicator

In Glarus war man sich während 150 Jahren sicher: Am tragischen Grossbrand war der Föhn schuld. Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, dass etwas anderes als der Wind hinter der Feuersbrunst stecken könnte?Ich hatte keine Ahnung, auf was ich da stossen würde. Nach meinem letzten Buchprojekt zu Anna Göldi, der letzten Hexe von Glarus, habe ich anlässlich des 150. Gedenktages zum Glarner Grossbrand begonnen, zu diesem Thema zu recherchieren.

Wie sind Sie auf das Archivmaterial gestossen?Ich habe mich durch die Akten im Bundesarchiv Bern gelesen. Nach zwei oder drei Besuchen im Laufe eines halben Jahres habe ich mich darüber gewundert, dass es so wenig Material zu diesem historischen Grossereignis gab. Ausserdem wurden die polizeilichen Ermittlungen nach nur drei Wochen eingestellt – verdächtig schnell. Für mich war schon immer klar: Der Föhn hatte das Feuer vielleicht verbreitet, aber ausgelöst konnte er es nicht haben. Durch Zufall bin ich dann auf die Akten über Augusto Engeler und Ulrich Göldi und das Auslieferungsgesuch der Schweiz gestossen. Ich wurde neugierig und habe gemerkt: Da könnte noch viel mehr dahinter stecken.

Als Sie merkten, was für eine Entdeckung Sie gemacht haben, was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?Mein journalistischer Spürsinn ist erwacht. Ich habe mich richtig für das Thema begeistert und wusste, dass ich daraus ein Buchprojekt machen wollte. Aber selbst zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, was ich alles erfahren würde. Als ich dann konkrete Anhaltspunkte und Akten fand, habe ich Historiker beigezogen und während rund zweier Jahre weiterrecherchiert.

Wie kam es denn nun wirklich zu der Feuerkatastrophe?Bereits bekannt war, dass in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1861 in einer Scheune auf dem Landsgemeindeplatz in Glarus ein Feuer ausgebrochen war. Anfänglich vermutete man hinter dem Feuer eine Nachlässigkeit des Scheunenbesitzers, des Ratsherren Tschudi. Doch dieser wurde schnell entlastet und seither galt die Brandursache als unbekannt. Aufgrund der amtlichen Akten, die ich im Bundesarchiv Bern und im Archivio di Stato in Rom gefunden habe, wissen wir nun, dass Engeler 1867 gestand, den Stall angezündet zu haben. Sie hätten aber keinen Grossbrand beabsichtigt.

Warum gestanden die beiden sechs Jahre nach der Tat?Die Katholiken Engeler und Göldi waren nach Rom geflüchtet und hatten sich dem Söldnerheer des Papstes verpflichtet. 1867 wurden sie unter anderem wegen Fahnenflucht verhaftet und vom vatikanischen Militärtribunal vorgeladen. Während der Untersuchungshaft brüstete sich Engeler angeblich damit, Glarus angezündet zu haben. Bei einer Befragung gestand er die Tat.

Warum wurden sie nicht an die Schweiz ausgeliefert?Der Schweizerische Generalkonsul in Rom überprüfte die Aussagen der zwei mutmasslichen Brandstifter. Aus Angst vor einem internationalen Skandal schaltete sich dann sogar Kardinal Antonelli, die linke Hand des Papstes, ein und verhinderte die Auslieferung an die Schweiz, obwohl der Bundesrat diese explizit forderte. Um weiteres Aufsehen in der Öffentlichkeit zu verhindern, schickte Kardinal Antonelli die beiden jungen Schweizer auf die Galeeren. Antonellis Urteil ist schriftlich überliefert.

Wie ging es mit Engeler und Göldi weiter?Über Engeler wissen wir, dass er nach vier Jahren in der Verbannung, erst 26 Jahre alt, verstarb. Wo, kann nicht nachgewiesen werden. Von Göldi haben wir jegliche Spur verloren.

Wie sind die Reaktionen aus dem Glarnerland? Immerhin haben Sie die Geschichte von Glarus neu geschrieben.Der Grossbrand ist das vielleicht wichtigste Ereignis in der Glarner Geschichte. Die meisten Leute sind sehr interessiert an den neuen Aspekten und Fakten eines wichtigen Teils der Geschichte. Die Historiker müssen sich nun neu orientieren und hinterfragen, wie sie den Glarner Brand künftig darstellen wollen. Selbst wenn man nicht alle Dokumente so interpretiert wie ich, sind durch das Buchprojekt neue amtliche Dokumente und Akten aufgetaucht. Diese Fakten gilt es in den Prozess der Geschichtsschreibung einzubeziehen.

Einer der beiden Brandstifter heisst Göldi und stammt aus Sennwald im St. Galler Rheintal. Genau wie die «letzte Hexe» Anna Göldi, die 1782 in Glarus hingerichtet wurde, über die sie ihr letztes Buch geschrieben haben und deren Rehabilitation Sie erwirkten. Ein Zufall?Diese Parallelen sind tatsächlich mysteriös, aber bis jetzt habe ich keine Hinweise über allfällige Verbindungen. Dem nachzugehen, könnte ein nächstes Projekt sein: Zuerst die Hexe, dann der Brandstifter. Aber vorerst werde ich mich ein bisschen zurücklehnen und nicht mehr recherchieren, auch wenn das meine Leidenschaft ist.

Haben Sie eigentlich eine bestimmte Recherchemethode?Vieles mag Zufall sein. Sicherlich gehe ich mit einer guten Portion Verbissenheit und Beharrlichkeit ans Werk. Und ich habe ein gewisses Gespür dafür entwickelt, wie Menschen funktionieren. Ich finde, die Geschichtsschreibung wird viel zu selten hinterfragt. Was in den Geschichtsbüchern steht, wird zu schnell als absolute Wahrheit angenommen und weitererzählt, ohne je überprüft zu werden.

«Stadt in Flammen» von Walter Hauser, erschienen im Limmat Verlag Zürich.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...