Wie das Leben leicht wird

Humor, Geld, Party: Autor Samuel Pepys weiss Rat – obwohl er sein Tagebuch bereits vor 350 Jahren abschloss.

Genauer Beobachter des Alltags und Meister des lakonischen Witzes: Samuel Pepys, 1633–1703. Foto: John Hayls (National Portrait Gallery, London)

Genauer Beobachter des Alltags und Meister des lakonischen Witzes: Samuel Pepys, 1633–1703. Foto: John Hayls (National Portrait Gallery, London)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Was für eine Welt! Ein britisches Parlament, das im Chaos versinkt. Autokraten, die ihre Fesseln abstreifen und nach der absoluten Macht greifen. Ferne und nicht mehr allzu ferne Gegenden der Welt, in denen Bomben hochgehen. Und besorgt fragt man sich: Haben wir noch das richtige System? Bricht bald alles zusammen?

Samuel Pepys war mittendrin. Als Bewohner der Megacity London legte er eine steile Beamtenkarriere in der Marine hin, für die er Ausrüstung und Essen organisierte. Pepys, «Pieps» ausgesprochen, wurde 1633 geboren, 17 Jahre nach Shakespeares Tod. Gestorben ist er 1703, als sich der Parlamentarismus in England durchsetzte. Dazwischen überarbeitete, verheiratete, vergnügte er sich – und schrieb sein «Diary». Es wurde eines der ­heitersten und zugleich lehrreichsten Tagebücher der Literaturgeschichte, geschrieben mit herrlicher Lakonie. Wir haben aus Pepys’ Buch acht Lektionen herausgepickt.

Lektion 1: Liebe die Künste

1. März 1662: «Mit meiner Frau in Romeo und Julia. Das schlechteste Stück, das ich je gesehen habe, dazu schauderhaft gespielt.»

Samuel Pepys lässt keine Gelegenheit aus, ins Theater zu gehen. Zwar plagt ihn, den Puri­taner, deswegen immer mal ­wieder das schlechte Gewissen. Aber er geht dann trotzdem hin. Kunst ist für Pepys verdichtetes Leben: Was ist ein guter Satz? Wie bewegt sich ein virtuoser Schauspieler? Und vor allem: Wie zeigt uns der Dichter die Welt? So bildet der Beamte nicht nur einen recht eigenwilligen Geschmack aus, sondern konfrontiert seine Ansicht mit anderen Vorstellungen. Da Pepys seiner selbst nie zu sicher ist, kommt er nach seinen Theatergängen, Messebesuchen und Lektüren regelmässig ins Staunen. Es gibt für einen Samuel Pepys immer etwas zu denken und zu entdecken. Zu Hause fiedelt er gern auf der Geige.

Lektion 2: Lache über das Leben

6. April 1661: «Mr. Townsend erzählte mir von seinem Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.»

Pepys liebt die Skurrilitäten des Alltags und der Strasse, ist ein Sammler von Anekdoten und deshalb ein exzellenter Gesellschafter. Nichts erheitert eine Tischrunde mehr als eine prächtige Anekdote. Man lacht über eine bestimmte Existenz – und so stets auch über die mensch­liche Existenz an sich. Dass seine Schilderungen einen Tick zu hämisch aus­fallen, wenn sich berufliche Konkurrenten blamieren, und dass der Autor sich so auch selber entlarvt, dürfte Pepys nicht entgangen sein.

Lektion 3: Nimm dich selber auch nicht ernst

9. Januar 1661: «Ich stehe auf und stelle fest, dass alle Nachbarn bewaffnet vor ihren Häusern stehen; ich kehre um (mit ziemlich grosser Angst, will aber nicht ängstlich erscheinen) und hole meinen Degen und meine Pistole, für die ich allerdings kein Schiesspulver habe.»

Samuel Pepys weiss schon, wer er ist: ein lebenslustiger, nicht allzu wagemutiger Eierkopf. Manchmal lobt er sich ein bisschen, etwa wenn eine seiner Reden im Parlament gut ankam. Aber bewundern tut er sich nie.

Lektion 4: Mache deine eigene Party

4. April 1663: «Gedächtnis-Essen für meine Nierensteinoperation. Es gab Kaninchenfrikassee, Huhn, gekochte Hammelkeule, drei Karpfen, Lammfleisch, geröstete Tauben, vier Hummer, drei Torten, eine Pastete, Anchovis und verschiedene sehr gute Weine.»

Pepys arbeitet hart, weiss aber auch, wie man Feste feiert. Gewöhnliche Feiertage – aber auch ein selber kreiertes Fest wie die Nierenstein-Gedächtnis-Party, die er alljährlich ausrichtet. Mal ist er gerade auf Reisen und schenkt seinen Gefährten ein, mal bechert er zu Hause mit Londoner Freunden. Samuel Pepys erinnert sich mit diesem Fest daran, wie ihn die Operation von einem langen, schweren Leiden befreite und wie er den gefähr­lichen Eingriff unbeschadet überstand. Es ist ein Fest, in dem der barocke «Man of Pleasure» die Leitsprüche seiner Zeit, «Carpe diem» und «Memento mori», elegant kombiniert.

Lektion 5: Sei Teilhaber der Geschichte

28. März 1666: «Erfuhr heute Abend, dass die Königin von Portugal, die Mutter unserer Königin, vor kurzem gestorben ist.»

Man kann das Weltgeschehen als etwas Abstraktes begreifen, das einen hoffentlich möglichst in Ruhe lässt. Oder man kann sich wie Pepys als eine winzige, aber eben nicht gänzlich unbedeutende Figur im grossen Spektakel sehen, an dessen Wendungen leidenschaftlich teilhaben. Sicher, Pepys ist direkter involviert als andere. Aber für uns alle ist die Geschichte der Menschheit das intensivste Drama aller Zeiten.

Lektion 6: Halte dein Geld zusammen

3. Juli 1666: «Stelle zu meiner ­grossen Freude fest, dass ich jetzt mehr als 5600 Pfund besitze.»

Samuel Pepys, der sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat, ist keiner, der auf Pump feiert. Aber auch keiner, der den Rappen spaltet. Ab und zu ein Kontrollblick aufs Konto reicht völlig. Pepys haushaltet nach einer einfachen Devise: ohne Mittel kein Genuss.

Lektion 7: Spiele das Spiel der Mode

26. April 1662: «Mache mir Sorge wegen der Unscheinbarkeit meines Hutes, den ich mir geborgt habe, um meine Bibermütze zu schonen.»

Pepys ist ein Geck, beschäftigt sich ständig mit Strümpfen, Jacken, Hüten. Die Freude an der Mode ist für Pepys die Freude an den kleinen Dingen. Sie ist für ihn aber auch die Möglichkeit, sich im grossen Welttheater zu inszenieren – und Spass an der eigenen Wirkung zu haben.

Lektion 8: Streite dich, vertrage dich

2. Mai 1663: «Krach mit meiner Frau, ich nannte sie Bettlerin und sie mich Läuseknacker, was mich ärgerte.»

In Fragen der Erotik ist Samuel Pepys, das muss man hier leider auch sagen, ein mieser Ratgeber. Er hat Affären noch und nöcher, gern mit Dienstmädchen. Dazu die peinliche Eifersucht, ob es ihm seine Frau wohl gleichtue. Und doch halten die Pepys eine letzte Lektion für uns bereit: dass man nach jedem Streit wieder zusammenfinden kann, wenn man nur wieder zusammenfinden will. An Pepys’ « aufrichtiger und tiefer Zuneigung für seine Frau» könnten keine Zweifel bestehen, schreibt Helmut Winter, der das Tagebuch meisterhaft ins Deutsche übersetzt hat. Dass ein freches Mundwerk einer lebendigen Ehe nicht schadet – auch das lehren uns die Pepys. Selbstverständlich vorausgesetzt, beide Parteien verfügen über ein solches.

Samuel Pepys ist ein penibler Chronist. Er setzt sich selbst dann ans Schreibpult, wenn in London die Pest umgeht und Brände wüten. Doch am 31. Mai 1669 bricht sein Tagebuch ab. Neun Jahre lang hat er das Buch geführt, 36 Jahre ist er jetzt alt. Die Augen sind schlecht geworden, das Schreiben bei Kerzenlicht quält. Pepys’ letzter, untypisch düsterer Satz: «Und so beschreite ich denn diesen Weg, was bedeutet, dass ich mich fast meinem eigenen Grab entgegengehen sehe, für das und für alle Trübsal, die im Gefolge meiner Blindheit kommen wird, Gott in seiner Güte mich vorbereiten möge.»

Pepys begibt sich auf eine Kurreise, auf der seine Frau sich ein Fieber holt und stirbt. 1679 wird Pepys verdächtigt, einen Umsturzplan gegen den König ausgeheckt zu haben. Er verliert seine Ämter und wird zum Privatmann degradiert. Nach vier Jahren wird er rehabilitiert, macht nochmals Karriere, wird Staatssekretär. 1688 dann die Glorreiche Revolution, für einen altgedienten Beamten wie Pepys hat es nun definitiv keinen Platz mehr. Er stirbt 1703 im Alter von 70 Jahren. Pepys’ Tagebuch – sechs in Kalbsleder eingebundene Bände – geht danach vergessen. Es wird im 19.Jahrhundert erstmals veröffentlicht und im Jahrhundert darauf endlich gründlich ediert.

Eine amüsantere und zugleich ähnlich lebensnahe Lektüre muss erst noch geschrieben werden.

Samuel Pepys: Tagebuch. Aus dem Englischen von Helmut Winter. Reclam, Leipzig 2014. 510 S., circa 18 Fr.

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