Warum Klischees nicht harmlos sind

Nachdem Autor Thomas Meyer den Antisemitismus-Vorwurf von Matthias Lorenz gekontert hat, wiederholt der Professor seine Kritik an dessen umstrittenen Roman «Wolkenbruchs Reise».

Antisemitisch oder nicht? Der Zürcher Autor Thomas Meyer und der Berner Germanistik-Professor Matthias Lorenz sind geteilter Meinung über Meyers Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse».

Antisemitisch oder nicht? Der Zürcher Autor Thomas Meyer und der Berner Germanistik-Professor Matthias Lorenz sind geteilter Meinung über Meyers Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse».

Der Autor Thomas Meyer hat einen komischen Roman geschrieben, in dem Juden klischeehaft dargestellt werden. Ich habe in einer Besprechung (hier nachzulesen) herausgearbeitet, dass dieser Roman bestimmte literarische Strategien aufweist, die von der Antisemitismusforschung gemeinhin in einschlägigen Texten identifiziert werden.

Nun ist der Autor mit diesem Befund nicht einverstanden. Er wisse gar nicht, welches Motiv er haben sollte, einen antisemitischen Text zu schreiben. Allerdings hatte ich bereits in meiner Besprechung erwähnt, dass die Motive eines Autors relativ unerheblich dafür sind, welche Aussagen, Bilder und Wertvorstellungen ein Text entfaltet. (Und auch die Frage, ob er Jude ist oder nicht.)

Antisemitismus ohne Antisemiten

Es ist übrigens ein Charakteristikum der Zeit nach 1945, dass der Antisemitismus weitgehend ohne bekennende Antisemiten auskommen muss, weil er (im Gegensatz zu früher) nicht mehr salonfähig ist. Dass es deswegen aber keinen Antisemitismus mehr gäbe, wäre ein Trugschluss. Es liegt auch nicht im Interesse der Literaturwissenschaft, die diesbezüglichen Selbsteinschätzungen der Dichter zu überprüfen; sie ist allein den literarischen Texten verpflichtet, die, sind sie erst einmal in der Welt, für sich stehen. Die Texte können sowohl klüger als auch dümmer, raffinierter, aber auch abgründiger als der Autor selbst sein. Das macht nicht zuletzt den Reiz literarischer Texte aus: dass sie sich erst im Auge des Betrachters vervollständigen.

Jeder Leser liest sein Buch, und kein Leser von «Wolkenbruchs Reise» muss sich nun des Antisemitismus überführt sehen. Aber nicht jede Lektüre geht von den gleichen Voraussetzungen aus, und vor allem ist nicht jede Lesart gleich plausibel. Noch einmal: Meine Frage ist nicht, ob Juden Antisemiten sein können (wofür sich sehr wohl historische Beispiele anführen liessen). Die Frage nach literarischem Antisemitismus ist komplizierter, haben wir es dabei doch nicht mit unverstellten Aussagen wie auf einem Flugblatt zu tun, sondern mit ästhetischen Gebilden, die durchaus andere Perspektiven als die des Autors einnehmen können und der Interpretation bedürfen.

Stereotype werden fortgeschrieben, ohne sie zu reflektieren

Martin Gubser hat in seiner Fribourger Dissertation Kriterien dafür entwickelt, wie sich Antisemitismus in literarischen Texten manifestiert. Gubser nennt die Verwendung antisemitischer Klischees (von Geld- über Sexualstereotype bis hin zur «jüdischen Nase»), die sprachliche Diffamierung der Juden (durch ein als defizitär wahrgenommenes, verballhorntes Jiddisch), die Konstruktion einer jüdischen Alterität («sie» sind anders als «wir», weil «sie» Juden sind), eine dichotomische Organisation jüdischer und nichtjüdischer Figuren (die einen dienen als Negativfolie für die anderen) und einen abwertenden Erzählerkommentar.

Ich werfe dem Roman vor, dass er diesen Katalog geradezu mustergültig bedient. Antisemitische Stereotype werden fortgeschrieben, ohne ihre Geschichte zu reflektieren und ihre Effekte zu hinterfragen, ohne sie zu problematisieren oder zu entkräften. Zu einem Grossteil bezieht der Roman seine Komik aus solchen Klischees, die ein Bild von orthodoxen Juden zeichnen, als hätten wir es mit dem putzigen Volk der Schlümpfe zu tun: Alle sind gleich und gleich lächerlich.

Das «böse Gedächtnis» der Literatur

Klischees strukturieren zwar unseren Alltag und auch die Literatur. Das Problem ist hier jedoch, dass Bilder vom Judentum über Jahrhunderte im europäischen Kulturraum tradiert worden sind, die dann eine folgenschwere Wirkungsgeschichte erfahren haben. Es waren kollektive Projektionen, die es ermöglichten, Juden verächtlich zu machen oder zu dämonisieren, sie zu brandmarken und zu verfolgen. Diese lange weithin geteilten, negativ besetzten Vorstellungen über «die Juden» sind nicht vom Himmel gefallen, sie sind kulturell ­eingeübt worden.

Insofern gibt es nicht nur ein «gutes Gedächtnis» der Literatur, sondern auch ein sozusagen «böses Gedächtnis», in dem die dunklen ­Wünsche von der Verachtung bis zur Vernichtung abgespeichert sind. Die Verwendung solch prekärer Klischees aus dem Fundus der europäischen Kulturgeschichte des Antisemitismus kann nicht mehr unschuldig sein. Die Opposition eines jüdischen Umschleichens vs. eines nichtjüdischen Sich-Stellens zum Beispiel, die Meyers Roman aufruft, speist sich aus diesem Fundus. Eine Komödie, die hieraus ihre Komik generieren will, operiert an einem Abgrund.

Basler Zeitung

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