Von Traurigkeit durchtränkt

Im Roman «Männer in meiner Lage» des norwegischen Schriftstellers Per Petterson ist ein Mann ganz unten.

Arvid Jansen, der Protagonist von «Männer in meiner Lage», unternimmt nächtliche Streifzüge durch Oslo. Foto: Florian Frey

Arvid Jansen, der Protagonist von «Männer in meiner Lage», unternimmt nächtliche Streifzüge durch Oslo. Foto: Florian Frey

Markus Wüest

Arvid Jansen ist ein Schriftsteller in Oslo. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und seine drei Töchter, Vigdis, Tine und Tone mitgenommen. Ist Arvid traurig? Ja, er ist traurig. Hat er ein Recht darauf, traurig zu sein? Ja, das hat er. Denn er liebt seine Frau und seine drei Mädchen. Diese Traurigkeit durchtränkt jeden Satz, jede Seite des neuen Romans «Männer in meiner Lage» von Per Petterson, als sei eine Zweiliter-Flasche voll Tränen darüber verschüttet worden.

Das Buch ist in Ich-Form geschrieben. Wir sind also als Leser ganz nahe dran an diesem Arvid, dem Schriftsteller, der aus der Hand eines Schriftstellers entstanden ist. Wir sehen nur immer seine Sicht auf die Dinge und müssen uns also vorstellen, was dieser Arvid für eine Aussenwirkung hat, um ein bisschen besser verstehen zu können, was ihm geschieht – und warum.

Er selbst beziehungsweise sein Schöpfer Per Petterson (im deutschsprachigen Raum vor allem mit «Pferde stehlen» einem grösseren Publikum bekannt geworden) macht sich auch nicht die Mühe, sein Leben für uns zu ordnen. Will heissen: Die zeitliche Abfolge der Erinnerungen, die Arvid notiert, ist keineswegs chronologisch.

Fetzen der Erinnerung

Er mischt Erinnerungsfetzen wild durcheinander, ohne sich die Mühe zu machen, diese in die chronologisch richtige Reihenfolge zu bringen. Das heisst, das eine ergibt sich nicht zwingend aus dem anderen. Das Bild fügt sich nur nach und nach zum Ganzen. Das ist für eine Erzählung, die eine längere Zeit umfasst, vielleicht sogar realistisch, aber es ist nicht leserfreundlich. Dieser Aufbau, diese zeitliche Zerstückelung erschwert jedenfalls die Lektüre von «Männer in meiner Lage». Man findet sich nicht immer gleich zurecht.

Erstaunlicherweise sind auf der Innenseite des Klappendeckels zwei Karten angebracht, bei Romanen heute selten zu sehen. Zum einen die Stadt Oslo, zum anderen Oslo und Umgebung. Als würde uns die Verortung helfen können, wenn schon die Datierung schwierig ist.

Es ergibt sich schliesslich schon ein Bild: Wir begreifen, dass Arvid auf mehr oder weniger ein Jahr Anfang der 90er-Jahre fokussiert. Das Jahr, nachdem ihn Turid samt den Kindern verlassen hatte. Er ist halt- und ruhelos. Er trinkt viel, geht oft abends in die Osloer Innenstadt, in Bars und Clubs. Er fängt an, Frauen aufzureissen. Gewohnheitsmässig, in aller Regel nur gerade für eine Nacht.

Anfangs hat er jedes zweite Wochenende die Kinder bei sich in der Wohnung, wo er mit ihnen gelebt hat. Als er bei einem Ausflug mit ihnen genervt ist und in seiner Wut fast einen schlimmen Autounfall baut, kommen Vigdis, Tine und Tone nachher nicht mehr.

Ein Jahr bevor Turid ausgezogen ist, sind Arvids Eltern und einer seiner Brüder beim Brand auf einem Fährschiff ums Leben gekommen. Aber Turid gibt ihm einmal zu verstehen, dass sie vorher schon den Entscheid getroffen hatte, mit ihm zu brechen. Das heisst, es ist nicht die Trauer um Vater, Mutter und Bruder, die die Paarbeziehung hat scheitern lassen. Ausschlaggebend ist wohl eher diese Grundtrauer, die Arvid in sich trägt.

Diese Vermutung mag sich damit erhärten lassen, dass er in den Frauen, die ihn mitnehmen oder die er zu sich in die Wohnung nimmt, in erster Linie den Beschützerinstinkt zu wecken scheint.

Makelloser Sound

Pettersons Sprache ist, wie immer, makellos, was den Sound, den Rhythmus, die Präzision angeht. Es braucht zwar einen Moment, um beim Lesen diesen Rhythmus anzunehmen, sich auf ihn einzulassen, aber er trägt. «Nichts lag hinter mir, alles, was ich erlebt hatte, stand Schlange und war jetzt», ist einer dieser Sätze, die einfahren.

Trotzdem ist die Lektüre harzig, vor allem wegen des Themas. 285 Seiten Traurigkeit, Ruhe- und Rastlosigkeit oft inkohärent erzählt, fordern viel Geduld ab, wenn man selbst nicht mit dieser Grundeinstellung durchs Leben geht. Zudem sind die Dialoge typografisch nicht abgesetzt, sondern immer Teil eines Absatzes mit «ich sage», «sie sagt» als Verständnishilfe.

Erst im sechsten und letzten Teil des Buches, nur gerade zwölf Seiten lang, passiert etwas, das die Dinge verändert, das Arvid aus seinem Trott reisst. Etwas gar spät. Per Petterson hat bei seinem jüngsten Roman die Balance verloren, genauso wie sein Held.

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