Mein Lehrer, mein Freund, mein Prozac

In Frankfurt ist Buchmesse, aber das gedruckte Buch hat nicht mehr den selben Status wie früher. Eine Liebeserklärung.

Wo Bücher noch gelesen werden: Studenten in der New York Public Library. Foto: Alain Schröder (Hemis, Laif)

Wo Bücher noch gelesen werden: Studenten in der New York Public Library. Foto: Alain Schröder (Hemis, Laif)

Michèle Binswanger@mbinswanger

Das gute alte Buch wird aussterben. Vielleicht geht es noch ein paar Jahre, vielleicht auch ein paar Jahrzehnte. Dann aber wird es dem Buch ähnlich gehen wie dem Säbelzahntiger oder dem Beutelwolf: Es wird nur noch in der Erinnerung weiterleben.

Vielleicht werden die Menschen der Zukunft des Lesens noch mächtig sein, auch wenn ich da nicht ganz sicher bin. Vielleicht werden sie auch noch in ihren E-Readern blättern, und sicherlich wird es irgendwo noch Bibliotheken geben, in denen man verstaubte Exemplare gedruckter Bücher aufbewahrt. Aber als Gebrauchsgegenstand hat das gute alte Buch ausgedient.

Das Buch mit Eselsohren und Kaffeeflecken, mit zerfleddertem Papier, weil es beim Lesen in der Badewanne aus den schweissigen Fingern gerutscht ist, wird aus dem Alltag verschwinden. Es ist zu sperrig, zu schwer, zu unpraktisch, zu analog und also unfit für die digitale Zukunft.

Gibt es eine edlere Erfindung als das Buch – das Konzentrat menschlicher Gedanken auf Papier?

Was für ein Verlust. Denn gibt es eine edlere Erfindung als das Buch – das Konzentrat menschlicher Gedanken auf Papier, das Behältnis für Geschichten mit einem Anfang, einem Höhepunkt, einem Ende? So banal das tönt, so viel macht es aus. Denn in der digitalen Welt ist alles gleichzeitig, ohne Anfang, ohne Ende rauscht alles an uns vorbei. Dabei weiss jeder Leser, dass eine Geschichte erst eine Geschichte ist, wenn sie einen Anfang und ein Ende hat.

Ich werde es vermissen, das Buch. Denn obschon ich natürlich auch elektronische Bücher lese und obschon es vermutlich viel mehr schlechte als gute Bücher gibt, habe ich eine seltsam emotionale Beziehung zum gedruckten Buch, auch als Gegenstand. Wir blicken auf eine lange und intensive Beziehung zurück. Seit ich die ersten Buchstaben kennen und sie mühsam zu Wörter zusammensetzen lernte und von da zu Sätzen, die schliesslich zu Erzählungen wurden – seit ich lesen kann also –, waren Bücher meine treusten Freunde.

Als Kind ritt ich mit ihnen über die Prärie, entdeckte als Teenager in ihnen meine Sexualität, ich fragte und erhielt Antworten. Sie liessen mich in die Köpfe anderer Menschen blicken, waren meine Reiseführer durch die Geschichte der Menschheit, der Philosophie und der Literatur, sie bescherten mir Glücksmomente, machten mich traurig, gaben mir zu denken. Sie waren meine Lehrer, so viel klüger, so viel geduldiger als ich. Sie waren meine Medizin gegen Schwermut.

Bücher vermittelten die Ideen, die einen prägen und begleiten, bis heute.

Bücher sind mein Psychopharmakon, ihre reine Anwesenheit tröstet mich. Sie liegen überall in meiner Wohnung: kreuz und quer neben dem Bett, drängeln um Platz im Regal, stapeln sich in den Ecken. Selbst wenn ich seit Jahren nicht mehr darin gelesen habe, wie zum Beispiel in meinen Ziegelsteinen von Philosophie-Schmökern, bleiben sie bei mir – man weiss ja nie, vielleicht muss man plötzlich doch den einen oder anderen Gedankengang nachlesen, den man auch nach Jahren nicht vergessen hat.

Und selbst wenn man ihn nie nachliest, ist es trotzdem wichtig, dass das Buch noch da ist, physisch. Das macht ja die Bindung zu Büchern aus: Sie vermittelten die Ideen, die einen prägen und begleiten, bis heute. Deshalb geben Bücher auch ein Gefühl von Heimat, einen Sinn seiner selbst. Denn ohne Bücher wüsste ich nichts von der Welt und wäre nicht, wer ich bin.

Es ist schwer vorstellbar, dass das Buch dereinst nicht mehr sein wird. Aber bis es so weit ist, werde ich noch so viele lesen, wie es geht.

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