Manche wünschen ihn auf den Scheiterhaufen

Roger Liggenstorfer kämpft seit 30 Jahren mit seinem Nachtschatten Verlag gegen Unwissen und Fehlinformation. Dabei stösst er die Drogengegner vor den Kopf.

Dialog am Strand. Der LSD-Entdecker Albert Hofmann (r.) mit Roger Liggenstorfer in Griechenland.

Dialog am Strand. Der LSD-Entdecker Albert Hofmann (r.) mit Roger Liggenstorfer in Griechenland.

(Bild: Nachtschatten Verlag)

Mischa Hauswirth

Staatsanwalt und Richter wollten an ihm ein Exempel statuieren. Weil Roger Liggenstorfer an seinem Marktstand Anfang der 1980er-Jahre neben Schmuck, indischen Kleidern und Räucherstäbchen Bücher über Hanf und Haschisch verkaufte, nahm die Polizei ihn fest. Später verurteilte ihn die Solothurner Justiz in erster und in zweiter Instanz wegen «Anstiftung zu Drogenkonsum» zu drei Wochen auf Bewährung. Die Bücher wurden verbrannt.

Dass die gleichen Bücher in Buchhandlungen unter dem Etikett «Wissenschaft» legal verkauft wurden, spielte für die Richter keine Rolle. Für sie war dieser Liggenstorfer ein langhaariger Hippie und Gesellschaftsfeind, einer, der den Drogenkonsum verherrlichte und dafür eingesperrt gehörte. Die Richter fanden in Liggerstorfer den Beweis dafür, dass jemand wegen dieses Hascherzeugs auf den falschen Weg geriet, denn wie sonst hätte sich erklären lassen, dass einer eine Banklehre absolviert, sehr gut abschliesst und dann einen Marktstand einer Karriere als Filialleiter vorzieht?

Statt mit Groll oder Auswanderung reagierte Liggenstorfer mit seiner eigenen Art von freundlicher Hartnäckigkeit, mit der er bis heute für Aufklärung, Entscheidungsfreiheit und gegen Unwissen kämpft. Er gründete einen Verlag und begann Bücher herauszugeben.

Schwimmen gegen den Strom

«So gesehen bin ich heute dem Staatsanwalt dankbar, dass er mich angeklagt hat», sagt Liggenstorfer (55). Seit jenen Tagen bildete ein Satz des chinesischen Urphilosophen Konfuzius sein Lebensmotiv: «Um an die Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen.» Übertragen auf Liggens­torfer heisst das: Wer wissen will, was es mit einer Sache wirklich auf sich hat und wie gefährlich sie tatsächlich ist, der muss in den Kern vordringen und darf sich nicht von dem, was ihm zu denken vorgeschrieben wird, beeindrucken lassen.

Dieses Jahr darf Liggenstorfer für seinen Verlag dreissig Kerzen anzünden. Und mindestens so viele Tänze tanzen für den Erfolg, den er sich erarbeitet hat. Vom unbekannten Solothurner Kleinverlag mauserte sich Liggenstorfer zum bekanntesten Herausgeber von Informationen über psychoaktive Substanzen, Drogen und deren kultisch-historischen Hintergrund im deutschsprachigen Raum.

Seine Bücher haben einen grossen Anhängerkreis – nicht weil sie Drogen verherrlichen, wie ihm Gegner und Kritiker immer wieder vorwerfen, sondern weil sie die einzigen fundierten Textinformationen bieten, die es gibt.

Los ging es 1984 mit «Hanf in der Schweiz», herausgegeben vom späteren Basler Drogendelegierten und heutigen Stadtentwickler Thomas Kessler. Ein Jahr später wurde dieses Buch überarbeitet und unter dem Titel «Cannabis Helvetica» ein Meilenstein in der Schweizer Drogenpolitik. Kessler zeigte nicht nur auf, dass der heimische Hanf genauso potent sein kann wie Haschisch, sondern stellte bereits sein Modell einer regulierten Abgabe vor, welche Bundesverteilstrukturen sowie die Landwirtschaft miteinbezog und den illegalen Drogenhandel erledigen sollte. Pikant: Heute diskutiert die Schweiz wieder (oder immer noch) über eine Abgabe von Hanf (Cannabis) an Erwachsene, und Kesslers Modell gilt unter Fachleuten als eines der ausgereiftesten Konzepte.

Hanf und Cannabis blieben eines der Steckenpferde von Liggenstorfer, aber er es folgten andere Pflanzen und Drogen, über die er Bücher schreiben liess oder selbst Texte verfasste: Bilsenkraut, Tollkirsche, LSD oder Ecstasy. Auch verlegte Liggenstorfer Bücher zur Geschichte und zum rituellen Gebrauch von Zauberpilzen bei den Mayas oder den Azteken sowie über heimische Zauberpilze. Das führte ihn mit dem Mann zusammen, der LSD entdeckt und die heimischen halluzinogenen Pilze chemisch analysiert hatte: Albert Hofmann.

«Es ist ein grosses Geschenk, dass ich Albert Hofmann kennenlernen durfte. Die Zusammenarbeit mit ihm war etwas vom Schönsten. Ein Highlight in meinem Verlegerleben», sagt Liggens­torfer. Der Nachtschatten Verlag nahm sich ab den 1990er-Jahren der Bücher, Betrachtungen und Aufsätze Hofmanns an. Mit Hofmann verband Liggenstorfer eine Freundschaft, an die er sich heute noch gerne erinnert.

Im Zorn der Drogengegner

Liggenstorfer war und ist auch an der Drogeninformationsfront tätig. So half er den Verein Eve & Rave gründen, welcher bei Partys den Drugcheck anbietet, damit die Konsumenten erfahren, was genau in den Pillen ist. Ist das moralisch vertretbar? «Drogen wurden und werden immer konsumiert, es geht darum, das Wissen zu vermitteln, in welchem Rahmen man es tun sollte, und es geht darum, das Risiko abzuschätzen», sagt Liggenstorfer. «Dann kann jeder selber entscheiden, ob er das will oder nicht. Denn wer einen Rausch ohne Alkohol erleben möchte, lässt sich kaum von Verboten oder moralischen Drohfingern abhalten, weshalb das Wissen um die richtige Anwendung oder die Risiken, auf die man sich einlässt, um so wichtiger sind.»

«Drogenmündigkeit» nennt Liggens­torfer das und provoziert immer wieder, zum Beispiel mit Publikationen wie «Die berauschte Schweiz» (1998), ein Buch nach dem Fliegenpilz-Motto «High dir Helvetia». Damit bringt er vor allem im rechtskonservativen Lager die Anhänger einer rigorosen Law-and-­Order-Strategie zur Weissglut. «Es gibt Populisten, die mich am liebsten auf dem Scheiterhaufen sehen würden», sagt Liggenstorfer und übertreibt damit keineswegs. Denn die fanatischen Züge gewisser Drogen-Prohibitionsanhänger und bigotter Kreise haben durchaus Parallelen mit den Anfängen der Inquisition, als Menschen verbrannt wurden, weil sie Hanf, Bilsenkraut, Mandragora oder Fliegenpilze in Biere mischten oder als Arznei benutzen.

Liggenstorfer ist ein Büchermensch. In seinem Wohnzimmer im Solothurner Altstadthaus gegenüber dem Naturmuseum biegen sich die Bücherregale unter den Hunderten von Büchern über Psychedelik, Psychonautik, Substanzen, Pflanzen und Drogen. Der Verleger lebt und arbeitet unter dem Dach. Im ersten Stock hat er seinen kleinen Verlag untergebracht, und im Parterre betreibt er die Absinth-Bar.

Auch bei Absinth war Liggenstorfer ein Aufklärungspionier. Nachdem die Schweizer Politik die «Grüne Fee» 2005 aus ihrem fast hundertjährigen Prohibitionsgefängnis entliess, brachte der Nachtschatten Verlag ein Büchlein heraus: «Absinthe – die Wiederkehr der Grünen Fee». Es zeigt historisch genau auf, warum die Konstellation zwischen wirtschaftlichen Interessen der Weinbauern und fanatischen Alkoholgegner zum Verbot führen konnte.

Den Absinth im Blut

Vielleicht kommt Liggenstorfers Skepsis gegenüber Verboten und ihrer löchrigen Wirkung aus der Jugendzeit. Sein Grossvater wohnte im Berner Jura und brannte heimlich Absinth «la bleue», um sein Gehalt mit dem Verkauf aufzubessern. Ob Hanf, Absinthe oder andere Substanzen – für Liggenstorfer schafft ein Verbot mehr Probleme, als es löst. Und wie die Geschichte seines Grossvaters zeigt, profitiert eigentlich nur der Schwarzmarkt.

«Das Problem mit den Drogen ist auch ein Problem der Gewinnmaximierung. Die, die an der Sache am meisten verdienen, sind überhaupt nicht daran interessiert, dass die Drogen legalisiert werden. Dann würde es ja die Gewinne minimieren», sagt Liggenstorfer. Er will sich weiter mit Büchern in die Diskussionen einmischen. Für ihn ist die Quelle des Stroms noch lange nicht erreicht.

Basler Zeitung

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