«Frauen schlagen ihre Männer als Forschungsobjekte vor»

Svante Pääbo hat das Neandertaler-Genom entschlüsselt. Im Interview spricht der Spitzenforscher über die tödliche Stagnation des Urzeitmenschen, ähnliche Gene – und ziemlich merkwürdige Fantasien.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Gibt es Tage, an denen Sie nicht an den Neandertaler denken? Ich bin eben zurück aus den Familienferien. Da gab es tatsächlich Tage, an denen ich nicht an ihn dachte. Aber das ist natürlich die Ausnahme. Seit zwanzig Jahren ist der Neandertaler das unbestrittene Hauptobjekt meiner Forschung.

Träumen Sie von ihm? Nein. Denn ich träume praktisch nichts. (lacht)

Was können wir über uns Menschen lernen, wenn wir den Neandertaler studieren? Der Neandertaler ist unser allernächster evolutionärer Verwandter. Wir modernen Menschen haben in den letzten 100'000 Jahren eine extreme, aussergewöhnliche Entwicklung durchlaufen, wie sie die Neandertaler während ihrer 300'000-jährigen Geschichte nie gekannt haben. Wenn wir das Erbgut der beiden Gruppen vergleichen, sehen wir allerdings eine grosse Übereinstimmung. Gering sind die Erbanteile, die alle jetzt lebenden Menschen gemeinsam haben, die sie mit den Neandertalern aber nicht teilen. Eine Hoffnung ist, dass sich in ebendieser Liste von Veränderungen einige Veränderungen verbergen, die die einzigartige Entwicklung des modernen Menschen in Technologie und Kultur ermöglicht haben.

Haben Sie schon Vermutungen, was den Menschen entscheidend vom Neandertaler abhob? Die haben wir nicht. Uns interessieren allerdings besonders veränderte Gene, die im Gehirn eingeschaltet sind. Aber auch andere Gene sind von Interesse. Wir und auch andere Gruppen werden sie in den nächsten Jahren untersuchen.

Aus Ihrer Studie wird herausgelesen, dass Asiaten und Europäer über Neandertaler-Gene verfügen, Afrikaner hingegen nicht. Es gibt die Befürchtung, dass diese Erkenntnis Rassisten als Steilvorlage dienen könnte. Nichtafrikaner haben natürlich dieselbe Gene wie Afrikaner, nur haben sie manche Varianten dieser Gene von den Neandertalern bekommen. Allgemein würde ich meinen, dass Rassisten sich auch darauf stürzen würden, wenn es genau umgekehrt wäre. In anderen Forschungsprojekten zeigt sich überdies, dass andere ausgestorbene Menschenformen in Afrika durchaus ihre Spuren hinterlassen haben könnten.

In Ihrem Buch kombinieren Sie nüchterne Schilderungen mit sehr privaten Einblicken: «Wir liefen nackt an den unberührten Stränden entlang, schnorchelten mit Fischen.» Lässt sich Wissenschaftsliteratur nur mit solchen intimen Einsprengseln verkaufen? (lacht) Ich wurde von einem befreundeten Agenten, dem New Yorker John Brockman, zu diesem Buch überredet. Ich überlegte es mir und sagte dann: «Okay, ich machs. Aber es soll ein Buch werden, das nicht nur Genetiker, sondern auch meine Kinder interessiert.» Ein Vorbild war dabei der amerikanische Biochemiker Jim Watson mit seinem Buch «The Double Helix». Er beschreibt darin auch, wie der Wissenschaftsbetrieb und Wissenschaftler als Menschen funktionieren.

Ihre Forschung war sogar im «Playboy» ein Thema. Der Titel der Story lautete «Neandertaler-Liebe: Würden Sie mit dieser Frau schlafen?» und zeigte, ich zitiere sie, «eine untersetzte, sehr schmutzige Frau, die auf einem schneebedeckten Bergrücken stand und einen Speer schwang.» (lacht) Es ist schon verblüffend, welche Gedanken sich die Leute über den Neandertaler machen. Ich bekomme ja auch immer wieder Mails von Männern, die sich selber als Neandertaler bezeichnen. Und es gibt anderseits auch Frauen, die uns ihre Gatten als Forschungsobjekte vorschlagen…

In Ihrem Buch stellen Sie scherzhaft die Rechnung an, wie gross die Wahrscheinlichkeit eines 100-prozentigen Neandertalers heute ist. Ungefähr ein Prozent des Genoms eines europäischen oder asiatischen Individuums stammt vom Neandertaler. Es wird zufällig in die nächste Generation weitergegeben; ein 100-prozentiger Neandertaler ist also ausgeschlossen.

Die Oxforder Forscher Thomas Wynn und Frederick Coolidge stellen in ihrem Buch «How to Think like a Neandertal» die These auf, dass die manuellen Fertigkeiten und die Lernfähigkeit des Neandertalers ihn befähigen würden, heute als Automechaniker zu arbeiten. Was halten Sie davon? Das ist Spekulation. Fest steht: Die Neandertaler lebten in sozialen Gruppen, stellten die gleichen Werkzeuge her wie der damalige Mensch. Sie mischten sich mit Menschen, und die dadurch erzeugten Kinder wurden offensichtlich nicht ausgestossen, sondern als Gruppenmitglied unter den modernen Menschen akzeptiert. Allerdings ähneln die Werkzeuge der Neandertaler, die vor 300'000 Jahren angefertigt wurden, den Werkzeugen, die sie vor 30'000 Jahren hergestellt hatten, sehr stark. Unsere Technologie hat sich dagegen in den letzten 100'000 Jahren drastisch entwickelt.

Sie beschreiben die Neandertaler-Forschung auch als sehr praktischen Wettlauf um Ressourcen: Welches DNA-Forschungsteam kommt schneller an Neandertaler-Knochen? Wie stellt sich die Lage heute dar? Könnte die Forschung an Ressourcenknappheit zugrunde gehen? Diese Gefahr sehe ich nicht. Einerseits kann man mit neuen Techniken aus kleinerem Knochenteil mehr Informationen gewinnen als zu Beginn unserer Forschungsarbeit. Andererseits ist es jetzt auch möglich, durch DNA-Untersuchungen kleine Knochenfragmente als Neandertalerstücke zu identifizieren.

Wie könnte sich der Fokus der Neandertaler-Forschung in den nächsten fünf, zehn Jahren verändern? Der Fokus dürfte sich zunehmend auf andere ausgestorbene Menschenarten richten, zum Beispiel auf Vorfahren des Neandertalers wie den Homo heidelbergensis. Und dann geht es wie erwähnt auch darum, die funktionellen Unterschiede zwischen dem Neandertaler und dem modernen Menschen zu verstehen. Vielleicht lassen sich dadurch die genetischen Voraussetzungen nachweisen, die die einzigartige Geschichte des modernen Menschen ermöglicht haben – eine fantastische Vorstellung!

baz.ch/Newsnet

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