Die Entdeckung Amerikas

Journalismus vom Feinsten: In seinen Essays und Reportagen erkundet der US-Amerikaner John Jeremiah Sullivan seine Landsleute und ihre Kultur. Die Kritiker sind von seinem Sammelband «Pulphead» begeistert.

  • loading indicator

Er schreibt über Michael Jackson und Axl Rose, über die Tea Party und ein christliches Rockfestival, über Fidel Castros Kuba und den eigenen Bruder – der Journalist John Jeremiah Sullivan hat ein breites thematisches Spektrum. Auch formal ist er nicht leicht einzuordnen: Seine Texte bewegen sich zwischen Essay und Reportage und lesen sich oft wie Kurzgeschichten, ganz selbstverständlich benutzt er das Wort «ich».

Lesen kann man ihn in einem soeben in Übersetzung erschienenen Sammelband namens «Pulphead» oder in renommierten Zeitschriften wie dem «New York Times Magazine» oder dem «GQ», die wissen, was sie an ihm haben: Für manche Texte hatte er bis zu einem halben Jahr Zeit für Recherche und Ausarbeitung.

Michael Jacksons Ururgrossvater

Diese Zeit ist auch nötig, denn Sullivan will es genau wissen. Wenn er sich ein Thema vorgenommen hat, liest er sich erst mal gründlich ein, macht Interviews mit Experten und macht sich schliesslich auf, um einen persönlichen Augenschein zu nehmen und die Leute zu treffen.

Bei Michael Jackson ging das offensichtlich nicht mehr, umso tiefer vergrub sich der Journalist in den Archiven und ging zurück bis zu Jacksons Ururgrossvater Prince Screws, einem Sklaven aus Alabama. Dass Jackson seinen Sohn nach diesem Prince benannte, zeigt eine grössere Verbundenheit mit der afroamerikanischen Geschichte, als ihm gemeinhin zugestanden wird – ihm, der sich mit plastischer Chirurgie möglichst weit von seinen Ursprüngen entfernte. Eines wird schnell klar: «Aber von all den Dingen, die Michael unbegreiflich gemacht haben, ist der Glaube, ihn verstanden zu haben, der irreführendste.»

Den Popstar verstanden zu haben, gibt auch Sullivan nicht vor. Dafür zeigt er neue Facetten eines Menschen, der praktisch von Geburt an im Licht der Öffentlichkeit stand.

«Ein Volk gefühlsduseliger Barbaren»

Dies ist typisch für Sullivan: Ob er Axl Rose' Heimatstadt besucht und Jugendfreunde ausfindig macht oder in Kingston mit Bunny Wailer den Mythos Bob Marley ergründet – Sullivan bringt überraschende Erkenntnisse, weil er seine investigative Arbeit sehr persönlich und assoziativ macht. Immer im Blick hat er das grosse Ganze, die amerikanische Nation: «Das sind wir: Ein Volk gefühlsduseliger Barbaren, weinend und Gewichte stemmend.»

Als seine besten Geschichten vor einem Jahr im Band «Pulphead» erschienen, war das Lob gross, auch und gerade von Literaturkritikern. Als die grosse amerikanische Geschichte wurde «Pulphead» bezeichnet, als Neuentdeckung des Kontinents. Davon hat er aber langsam genug. Er will sich vermehrt auf der ganzen Welt nach Themen umsehen.

Ein Beispiel davon erschien vor wenigen Tagen, als er über eine Kuba-Reise schrieb. Viele Kritiker wünschten sich auch literarische Texte von ihm. Sullivan meint dazu, seine bisherigen diesbezüglichen Versuche seien unbefriedigend gewesen. Das ist zwar schwer vorstellbar, aber eigentlich gar nicht so wichtig, denn die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben, und das ist Sullivans Stoff.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt