Am Schluss verliert sie sogar die Sprache

Die kambodschanische Prinzessin Vaddey Ratner hat ein erschütterndes Buch über ihre Kindheit unter dem Terrorregime der Roten Khmer geschrieben.

Vaddey Ratner hat die Deportation aufs Land, Zwangsarbeit, Hunger und Krankheit überlebt, aber einen grossen Teil ihrer Familie verloren. Foto: PD

Vaddey Ratner hat die Deportation aufs Land, Zwangsarbeit, Hunger und Krankheit überlebt, aber einen grossen Teil ihrer Familie verloren. Foto: PD

Martin Ebel@tagesanzeiger

«Im Schatten des Banyanbaums» ist kein Buch, das man wegen seines literarischen Wertes lesen müsste. Aber es ist ein bewegendes document humain, und es erinnert an Gräuel der jüngsten Vergangenheit, die in unserem Bewusstsein längst von neuen überdeckt sind: vom Morden in Syrien, von den Massakern im Irak. Der Steinzeitkommunismus von Pol Pot und seinen Roten Khmer führte zum gewaltsamen Tod von fast zwei Millionen Kambodschanern. Er fand seinerzeit übrigens auch unter Europas Studenten seine fernen Anhänger und Propagandisten, und seine Verbrechen wurden bis heute nicht geahndet. Ein Sondertribunal, erst 2006 ins Leben gerufen, verhandelt mühsam gegen alte Männer, die sich an nichts erinnern.

Vaddey Ratner hat die Deportation aufs Land, Zwangsarbeit, Hunger und Krankheit überlebt, aber einen grossen Teil ihrer Familie verloren. Sie war fünf, als die Roten Khmer Phnom Penh eroberten und die Bewohner aufs Land trieben, sie war neun, als die vietnamesischen Truppen dem Horror ein Ende machten. Mit ihrer Mutter kam sie nach Thailand und später in die USA. In immer neuen Anläufen hat sie versucht, das Erlebte aufzuschreiben. Das jetzt in Romanform vorliegende Ergebnis ist nur leicht fiktionalisiert. So ist die Heldin Raami zwei Jahre älter, um manche Gedanken und Einsichten glaubhafter zu machen.

Vaddey Ratner erzählt, wie ein Kind aus einer privilegierten Welt – ihr Vater war ein Prinz aus einer jüngeren Linie des kambodschanischen Königshauses – herausgerissen wird und nach und nach alles verliert: Sicherheit und Komfort, Vater, Onkel, die kleine Schwester; vor Hunger und Überanstrengung fast das Leben und schliesslich, weil es für das Erlittene keine Worte gibt, auch die Sprache. Als Raami gerettet wird, ist sie verstummt.

Systematische Zerstörung

Dieser rasanten Abwärtsentwicklung entspricht erzählerisch eine Beschleunigung und Verknappung. Anfangs wird der Exodus noch ausführlich geschildert, auf Lastwagen und Ochsenkarren, in Booten, zu Fuss. Die Familie wird auseinandergerissen und dezimiert. Eine Zeit lang sind Mutter und Tochter bei ­einem alten Bauernpaar untergebracht, das sie gewissermassen adoptiert, bis den Roten Khmer auch diese menschliche Bindung zu viel wird.

Die Autorin berichtet von bescheidenen Versuchen, sich im Elend einzurichten, ein bisschen Würde zu bewahren, einen Rest von Ordnung im Chaos. Vergeblich. Immer ist zu wenig Essen da, das Arbeitssoll ist immer zu hoch, und immer sind da die misstrauischen Augen der Funktionäre, die das «Bessere» dieser Neubauern spüren.

Die Autorin hält die Kinderperspektive, erklärt nichts, weil es in dieser monumentalen Sinnlosigkeit, dieser systematischen Zerstörung von Zivilisation und Menschlichkeit, nichts zu erklären gibt. Aber sie ist eine gute Beobachterin, sie merkt sich Demütigungsstrategien und Parolen wie «Dich zu behalten ist kein Gewinn / dich zu töten kein Verlust» und kontrastiert sie mit den Lehren des Vaters, der ein Dichter war und die Schönheit besang.

Die letzte Phase der Schreckensherrschaft verläuft dann wie im Zeitraffer, fast ohne Details und Anschauung. Auch die Erinnerung scheint verkümmert, bis der Helikopter das stumme Mädchen ausfliegt. Erst in den USA findet es die Sprache – eine neue Sprache – wieder.

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