Baustahl und Maschendrahtzaun

Der Art Parcours verlagert sich von öffentlichen Plätzen und Museen in private Terrains und Stadtämter.

Eine der rostige Skulpturen des französischen Künstlers und Bildhauers Bernar Venet auf dem Vorplatz des Ramsteinerhofs.

Eine der rostige Skulpturen des französischen Künstlers und Bildhauers Bernar Venet auf dem Vorplatz des Ramsteinerhofs.

(Bild: Jerome Depierre)

Die 19 Stationen des Parcours, der dieses Jahr vom Basler Kurator Samuel Leuenberger organisiert wurde, sind rund um den Münsterhügel verteilt. Was auf dem Plan nach kleinen Distanzen aussieht, zieht sich beim Abspazieren bei schlechten Wetter­verhältnissen in die Länge. Kein Grund allerdings, sich die einzigartigen Kunstwerke und Performances arrivierter Künstler, darunter Jim Dine, Laurence Weiner oder Bernar Venet, aber auch weniger bekannter Kunstschaffender entgehen zu lassen, im Gegenteil: Der Regen erzeugt ein Gefühl melancholischer Poesie, die ganz gut zum über- geordneten Thema des Parcours passt.

«Wie fühlt sich der Mensch in der heutigen Welt?», könnte die Fragestellung lauten. So hätten laut Leuenberger viele Positionen einen direkten Bezug zum Betrachter, sodass sich das Publikum angesprochen fühle. Man hat ­tatsächlich den Eindruck, dass viele der Werke figurativer Natur sind oder bewusst eine klarere Vorstellung von der Idee hinter dem Werk vermitteln – öfter jedenfalls als generell in der zeitgenössischen Kunst.

Abstrahierte menschliche Figur

Die imposanten, grob ausgebildeten und deshalb urtümlich anmutenden Messingskulpturen, die auf dem Münsterplatz thronen und vom einzig verstorbenen am Parcours beteiligten Künstler Hans Josephsohn stammen, erscheinen daher wie das inoffizielle Zentrum des Parcours – auch wenn sich die Nummer eins laut Plan in der St.-Alban-Vorstadt befindet. Josephsohns Werk (1920–2012) konzentrierte sich ausschliesslich auf die stark abstrahierte menschliche Figur.

Das gross angelegte begehbare Labyrinth aus Maschendrahtzaun des amerikanischen Künstlers Sam Durant (1961) nimmt den verbleibenden Raum des Münsterplatzes Richtung Rittergasse ein. Der Künstler bezieht sich mit «The Labyrinth» (2015) unter anderem auf die griechische Mythologie, in der das Labyrinth als Gefängnis für den stierköpfigen Minotaurus diente, und auch auf das Labyrinth als Ort der Kontemplation und der Meditation. Das Material, aus dem es Durant herstellen liess, weckt ausserdem eine Unmenge an Assoziationen und lässt das Werk beim Betreten zu einer beklemmenden Erfahrung werden.

Geht man der Rittergasse entlang, trifft man auf vier weitere Stationen. Zwei davon befinden sich auf Privat­anwesen und bilden in Kombination mit den Kunstwerken eine äusserst interessante Mischung aus historischer Bau­ästhetik und zeitgenössischem Schaffen architektonisch-poetischer Natur. Der Vorplatz des Ramsteinerhofs, ein ehemaliger Adelspalast, wird beinahe ­flächendeckend von einem Werk des französischen Künstlers und Bildhauers Bernar Venet (1941) überdeckt. Der Künstler durfte seine riesigen rostigen Skulpturen aus wetterfestem Baustahl im Jahr 2011 beispielsweise im riesigen Aussenbereich des Château de ­Versailles ausstellen. «Effondrements: Arcs» (2016) und «Zusammensturz: Bögen» beziehen sich sowohl auf die Kunst- geschichte, Peter Paul Rubens’ «Höllensturz der Verdammten» (1620) wie auch auf das fragile Gleichgewicht und ein allgemeines Interesse an Schwerkraft, Unfällen und Verteilung von Elementen im Falle eines Umsturzes. Auch dieses Werk ist begehbar und schafft dadurch wiederum eine besondere Beziehung zum eigenen (Fremd-)Körper in Form der massiven gebogenen Stahlstriemen.

Sanft und anmutig wirken dagegen die fünf Steinbänke und die darauf plazierten Hunde unterschiedlicher Rasse. Sie sind über den traumhaften und ­märchenhaft gepflegten Vischer’schen Garten verteilt und wurden vom Italiener Alberto Garutti konzipiert. Auf jeder Bank steht klein eingraviert «Der hier gezeigte Hund gehört einer Familie aus Trivero. Diese Arbeit ist ihnen gewidmet sowie den Menschen, die hier sitzen und über sie reden.»

Garutti wollte durch die Metapher der Hunde eine Nähe zum Ort, in dem sie leben, und zu den Menschen, mit denen sie zusammenleben, schaffen. Er betrachtet den Hund ausserdem als ein Gleichnis für Kunst, da auch diese jeweils einen persönlichen Dialog eröffnet, ebenso wie für den ortsspezifischen Kontext, da die Tiere die vertraute Gegend in der Nase hätten. Der ruhevolle herrschaftliche Ort eignet sich wunderbar für diese Arbeit. Bei trockenem Wetter wäre man versucht, den Hunden auf den Bänken Gesellschaft zu leisten. Ob man das wohl darf?

Politstrategische Täuschung

Die Frauen sind, wie so oft, auch beim Parcours unterrepräsentiert – mit fünf von 19 Kunstschaffenden. Die Amerikanerin Virgina Overton (1971) ist, passend zum Vorplatz des Bau- und Verkehrsdepartements, mit der Skulptur eines zerlegten Pick-up-Trucks vertreten. Sie bezieht sich in ihrer Arbeit auf den amerikanischen Minimalismus, aber auch auf die Arbeiterklasse, das Objet trouvé und in gewisser Weise auch das Readymade.

Im Garten des Zivilstandsamts zeigt die Südafrikanerin Tracey Rose (1974) zusammen mit der ebenfalls aus Süd­afrika stammenden Dragqueen Chris Martin die Performance «False Flag: A Deed in 2 Acts» (2016). Die beiden sind einerseits als auf dem Rasen kniende Braut und andererseits als wehklagender Ball verkleidet. Der Titel verweist auf eine politstrategisch motivierte Täuschung der Öffentlichkeit, beispielsweise durch Terrorakte. Die Performance scheint jedoch sehr codiert.

Die erstmals eingerichtete Parcours Bar bietet eine schöne Abwechslung – und etwas Erholung – zu den teils eindringlichen Kunstwerken. Neben dem Barbetrieb im ersten Stock des Spira Popstores in der Freien Strasse wird der Ort ausserdem zur Bühne für regionale Offspaces. Am Montag bespielte «deuxpiece» die Bar mit der Live-Performance «Things you do seldom». Es handelt sich um eine Kollaboration von Musikern aus Hudson und Basel: Aus 100 gefundenen Materialen wurde eine Klang­bibliothek erstellt. Die Klänge wurden abgespeichert und in einen musikalischen Kontext eingebaut, die innovative, durchsichtig-verdrahtete Klangbox kann auch interaktiv genutzt werden.

Art Basel Parcours. Diverse Orte. Bis 19. Juni, 11–19 Uhr. Parcours Night: Samstag, 18– 24 Uhr. www.artbasel.com/basel/parcours

Basler Zeitung

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