Per Livestream ins Jenseits

Ein Haus, ganz allein für die elektronischen Künste. Das aus dem plug.in und dem Shift-Festival hervorgehende Haus für elektronische Künste zeigt erstmals, was in ihm steckt.

Die Möglichkeiten der neuen Räume müssen erst noch genutzt werden. Im Bild: eine Arbeit von Kit Galloway und Sherrie Rabinovitz.

Die Möglichkeiten der neuen Räume müssen erst noch genutzt werden. Im Bild: eine Arbeit von Kit Galloway und Sherrie Rabinovitz.

(Bild: Roland Schmid)

In exakt einem Jahr von heute gerechnet werden einige Basler einen mysteriösen Anruf erhalten. Jemand wird betrunken ins Telefon gröhlen oder auch nur schüchtern «Hallo» sagen. Oder aber: Er wird berichten, wie gut ihm die Eröffnungsausstellung «Together in Electric Dreams: Abwesende Anwesenheit» im Haus für elektronische Künste gefallen hat. Wobei er sich sicherlich entweder beim Ausstellungstitel verhaspeln oder fälschlicherweise «Haus der elektronischen Künste» sagen wird, so kompliziert ist das alles. Und irgendwann wird der Angerufene merken, dass er selbst am anderen Ende der Leitung ist.

In der ersten Ausstellung im Provisorium des Hauses für elektronische Künste an der Oslostrasse auf dem Dreispitzareal – zusammengestellt vom hauseigenen Kurator Raffael Dörig – kann man nämlich einen Coupon des schwedischen Kollektivs Unsworn Industries kaufen: Dieser erlaubt es einem, eine Telefonnummer anzurufen und eine Minute lang eine Nachricht aufzunehmen. Genau ein Jahr später wird man dann auf dieselbe Nummer angerufen und hört, was man sich selber schon immer einmal sagen wollte – sich aber in der naturgemäss permanenten Anwesenheit des Angesprochenen nie getraut hat.

Schach

Ob dann das Über-Ich, das Es oder der Andere aus Arthur Rimbauds berühmtem Diktum «Ich ist ein Anderer» sprechen wird, ist egal. Es wird ohnehin freudianisch und sehr unheimlich werden. Ganz ähnlich wie die Aufforderung zum Schachspiel, welche die Schweizer Mediengruppe Bitnik per Wireless auf die Bildschirme von Überwachungskameras schickt. Die Mediengruppe hat schon Stadtrundgänge organisiert, bei denen auf einfach zusammengebauten Empfängern die Bilder von Überwachungskameras im Innern von Gebäuden – darunter etwa auch Polizeistationen – abgefangen wurden. In diesem Fall haben sich die Bitniks nicht aufs Empfangen beschränkt, sondern eine Einladung zum Schach auf die Screens versandt, samt Handynummer, die man benutzen kann, um mit dem Gegenspieler Kontakt aufzunehmen. Wie die filmische Dokumentation im Haus für elektronische Künste zeigt, hat niemand die Einladung angenommen – dafür haben einige vor Schreck über den Kontrollverlust beim Kontrollgerät die Kamera heruntergerissen.

Das wäre den Passanten in New York und Los Angeles, die 1980 zufällig an der Arbeit von Kit Galloway und Sherrie Rabinovitz vorbeikamen, nie passiert. Sie freuten sich vielmehr unbändig über die Möglichkeit, über einen riesigen Bildschirm und per Satellitenschaltung direkt mit wildfremden Leuten an der jeweils anderen Küste der USA kommunizieren zu können – und das 30 Jahre vor Skype.

Webcam

So unmittelbar anwesend war bis zu diesem Zeitpunkt der Abwesende kaum je gewesen – womit die prototypische Arbeit eine weitere perfekte Illustration des Ausstellungsthemas darstellt: Der elektronische Traum des Zusammenseins über Distanz beginnt sich hier langsam zu erfüllen. Heute wünschte man sich, der Traum wäre vielleicht nicht so schnell in Erfüllung gegangen und der nicht immer freundlich gesinnte Abwesende bliebe draussen. Und man klebt ein Post-it aufs kleine Big-Brother-Auge der im Laptop integrierten Webcam, aus Angst, man könnte gefilmt werden.

Seltsam abwesend anwesend ist im Haus für elektronische Künste nicht zuletzt auch das plug.in. Obwohl im Dreispitz grössere und luftigere Räume zur Verfügung stehen, bekommt man das Gefühl, dass «Electric Dreams» eher noch für den Raumschlauch gleich neben dem Museum für Gegenwartskunst konzipiert wurde, während die Möglichkeiten der neuen Räume erst noch genutzt werden wollen. Es handelt sich hier ohnehin nur um ein Provisorium, bevor im Idealfall der geplante Neubau zusammen mit dem Kunsthaus Baselland bezogen werden kann, klar, und eine Akklimatisierungsphase ist natürlich nötig. Wenn man den elektronischen Künsten aber schon ein eigenes Haus baut oder bauen wird – und es selbstbewusst so nennt –, wäre es wünschenswert, dass es auch ähnlich selbstbewusst bewohnt wird. Wie der Stiftungsrat des Hauses gestern Donnerstag bekannt gab, soll nach dem überraschenden Abgang von Annette Schindler eine neue künstlerische Leitung – mit mehr Entscheidungskraft – gefunden werden. Es ist zu hoffen, dass diese Person das Haus mit neuen Impulsen auch ausfüllt.

Zumal Werke wie die schon wieder klassische Medienkunstarbeit von Galloway und Rabinovitz auch zeigen, dass sogar in diesem vergleichsweise jungen Genre schon wieder Nostalgie aufkommen kann. Die zusätzlich durch die archivierende Digital Arts Collection, die neben dem Shift-Festival ebenfalls Teil des Hauses für elektronische Künste ist, bedient wird. Entsprechend wichtig ist es, dass zumindest in den Wechselausstellungen das immer wieder von Neuem visionäre Potenzial der Medienkunst herausgearbeitet wird, nicht zuletzt auch mit visionären Präsentationsideen.

Warhol

Wie etwa in der Arbeit des Österreichers Oliver Laric – die den natürlich auch abgenutzten Begriff des Visionären schon wieder ad absurdum führt: Auf einer Projektion sieht man ihn beim Videochat mit einem alten Mann. Allerdings nicht irgendeinem alten Mann, sondern einem spiritistischen Medium, das einen direkten Draht ins Jenseits zu Andy Warhol hat. Ein Medium ist in der Medienkunst auf jeden Fall schon einmal gut aufgehoben; und die Gleichschaltung der Direktverbindung ins Walhalla mit einer Videokonferenz gewinnt dem mittlerweile alltäglichen Kommunikationsmittel wieder eine magische Komponente ab. «How will art develop over the next 50, 100 years?», fragt Laric den Spiritisten – und damit Andy Warhol – etwa. Keine Ahnung. Aber ein Haus für elektronische Künste müsste das eigentlich am frühesten wissen.

Ganz sicher ist: In genau einem Jahr wird jemand anrufen. Und dann werden wir ihm sagen können, ob das Haus für elektronische Künste funktioniert, ob es die neuen Räume gut ausnützt und ob sich auch das Shift-Festival sauber darin einfügt. Und vielleicht sogar – obwohl ein Jahr für die Mühlen der Politik vielleicht doch auch wieder zu kurz ist – ob der Kanton Baselland dem Kunsthaus Baselland grünes Licht für einen Zusammenzug mit dem Haus für elektronische Künste auf dem Dreispitz gibt. Aber der Anrufer wird ohnehin nicht zuhören.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt