Schlange stehen für Hitler

Das Historische Museum Berlin zeigt die erste Hitler-Ausstellung in der deutschen Geschichte. Der Andrang ist riesig, trotz Kritik.

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David Nauer@davidnauer

Wenn das Böse einen Namen hätte, würde es vielleicht Hitler heissen. Der grösste Verbrecher des 20. Jahrhunderts. Seit 65 Jahren ist er tot, doch das Interesse an ihm ist ungebrochen.

Seit vergangener Woche zeigt das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin die Ausstellung «Hitler und die Deutschen – Volksgemeinschaft und Verbrechen». Es ist eine kleine Sensation: Noch nie gab es in Deutschland eine Schau über den Nazidiktator. Und: Schon lange nicht mehr standen die Besucher so lange Schlange, um ins DHM zu gelangen – bis zu einer Stunde.

Schauerliche Exponate

«Wie war Hitler möglich?» Das ist die Leitfrage der Ausstellungsmacher. «Wie war es möglich, dass das NS-Regime mit Hitler an der Spitze – verantwortlich für Krieg, Verbrechen und Völkermord – bis zum Schluss auf eine breite gesellschaftliche Akzeptanz in Deutschland bauen konnte?» Die Ausstellung soll das Wechselverhältnis zwischen dem «Führer» und der «Volksgemeinschaft» ausleuchten. Zu sehen gibt es – als Relikte des nationalsozialistischen Personenkults – Hitler-Büsten im halben Dutzend, Propaganda-Fotos des Reichskanzlers, die Spielkarten eines «Führerquartetts». Darüber hinaus dokumentiert das Museum, wie willig viele Deutsche dem Nazidiktator zugearbeitet haben. Besonders schauerliches Exponat: ein kolossaler Wandteppich mit Hakenkreuz-Symbolen, marschierenden SA-Männern und Hitlerjungen. In der Mitte prangt eine Kirche. Gestickt wurde das Stück im Jahr 1935 von evangelischen Frauen aus dem hessischen Rotenburg. Das Motto der Aktion lautet: «Wir tragen das Hakenkreuz in die Kirche.»

Bedrückend auch die Zeugnisse von Verfolgung, Mord und Denunziation. Das DHM zitiert ausführlich aus Briefen, in denen Bürger ihre Nachbarn, Bekannten oder Geschäftspartner anschwärzten, weil diese Juden beherbergten, den Freimaurern angehörten oder sonst «unsere Weltanschauung» nicht teilten.

Erfolg trotz Medienkritik

Was in der Ausstellung fast fehlt, sind persönliche Gegenstände Hitlers – abgesehen von einigen Aquarellen und Notizzetteln. Der Grund dafür: Die Macher hatten Angst, dass das Museum zum Wallfahrtsort für Neonazis würde. «Wir dürfen keine Möglichkeiten zur Identifikation bieten», hatte Ausstellungskurator Hans-Ulrich Thamer als Parole ausgegeben. Hans Ottomeyer, Präsident der DHM-Stiftung, assistiert im Ausstellungskatalog: «Es gibt noch Tabus; es ist nicht möglich, in der Ausstellung persönliche Gegenstände oder Relikte aus dem direkten Gebrauch Adolf Hitlers zu präsentieren.» Diese Vorsicht hat auch Nachteile. Die Person Hitler bleibt in der Ausstellung weitgehend unfassbar, eine Unperson im doppelten Sinn. Die Besucher werden konfrontiert mit dem Propagandabild des Führers, er wird zur Funktion «Diktator». Einen Menschen Hitler gibt es nicht.

Tages-Anzeiger

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