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Auch die Gräfin hat gesündigt

«La mère coupable» von Darius Milhaud wird vom Theater in einer Kammerfassung verschlankt.

Hyunjai Marco Lee, Domen Križaj, Antoin Herrera-Lopez Kessel, Bruno de Sá. Foto: Kim Culetto
Hyunjai Marco Lee, Domen Križaj, Antoin Herrera-Lopez Kessel, Bruno de Sá. Foto: Kim Culetto

Seit Oktober spielt das Theater Basel Rossinis Oper «Il Barbiere di Siviglia», seit Januar steht «Le Nozze di Figaro» von Mozart auf dem Spielplan. Beide Stücke gehen auf Beaumarchais zurück, der noch ein drittes Figaro-Stück geschrieben hat: «La mère coupable». Es existiert in einer Vertonung von Darius Milhaud aus den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts, die nach der Uraufführung in Genf 1966 ungefähr so häufig gespielt wird wie seine restlichen musikdramatischen Werke, nämlich fast nie.

Immerhin gab es jetzt eine Aufführung im Foyer des Basler Stadttheaters, auf 70 Minuten gekürzt und im Klang verschlankt. Dass das Theater Basel von einer «Trilogie» der Figaro-Opern spricht, ist reichlich dick aufgetragen, denn das Milhaud-Stück wurde vorerst nur ein einziges Mal aufgeführt, und das auch noch nicht in der Originalgestalt, sondern in einer Kammerversion.

Verwickelte Handlung

Die Regisseurin und Moderatorin Ulrike Jühe hat dazu eine in der Gegenwart spielende Rahmenhandlung erfunden – sie spielt eine gestresste Journalistin der Zeitung «Schwarz auf Weiss». Diese Ergänzung ist im Grunde überflüssig und macht die an sich schon unübersichtliche Handlung noch komplizierter. Witzigerweise thematisiert Jühe die Verwirrung an einer Stelle ihrer Bearbeitung.

Dank dieser Produktion konnte man diesem Werk nun wenigstens einmal begegnen, sich in Milhauds Parlandostil einhören und sich an der knappen, anti­romantischen Musik dieses ­notorisch verkannten Meisters erfreuen. An zwei Klavieren brillierten Iryna Krasnovska und Leonid Maximov, die musikalische Leitung hatte Studienleiter Thomas Wise.

Skandalon Inzest

Graf Almaviva und seine Rosina sind immer noch ein Paar, ebenso Susanna und Figaro, der in der Basler Fassung zum Berater des Grafen aufgestiegen ist. Cherubino ist tot, aber da gibt es den jungen Léon, den viele für einen Bankert des Grafen halten, während er in Wahrheit ein illegitimes Kind von Cherubino und der Gräfin – bei Mozart noch die reine Dulderin – ist.

Hier ist niemand ohne Fehltritt: Auch Almaviva hat eine uneheliche Tochter namens Florestine, und da sich diese ausgerechnet in Léon verliebt hat, schwebt das Skandalon des Inzests über dem Ganzen. Jedenfalls so lange, bis die Verhältnisse geklärt sind. Da die beiden jungen Leute nicht blutsverwandt sind, steht einer Vermählung nichts im Wege, und das ganze Ensemble kann am Ende aus vollen Kehlen «das Geheimnis der Liebe» besingen.

Milhaud hat, gestützt auf Beaumarchais und auf die Librettistin Madeleine Milhaud, eine wichtige Figur hinzuerfunden, einen «zweiten Tartuffe» namens Begearss, der zum Schein die Rolle des Trösters der trauernden Rosina spielt, in Wahrheit aber ein übler Intrigant und Heiratsschwindler ist, der es auf die junge Florestine abgesehen hat. In der Basler Aufführung lieh Antoin Herrera-Lopez Kassel diesem Bösewicht seinen samten strömenden Bariton. Yannick Debus sang geschmeidig den Figaro, Jasmin Etezadzadeh die Susanna, von welcher man gern mehr gehört hätte.

Mann in Frauenkleidern

Maya Boog – nach einigen Jahren wieder einmal auf der Basler Opernbühne zu erleben – war die Gräfin Rosina; ihr Sopran hat ­etwas an jugendlicher Frische, nicht aber an Höhensicherheit und musikalischer Innigkeit eingebüsst. Als bequemer Pascha sass der Graf Almaviva vorwiegend im Lehnstuhl, was Domen Krizaj nicht daran hinderte, seinen kernigen Bariton zu präsentieren.

Hyunjai Marco Lee war der mit schönem Tenor-Schmelz aufwartende Chevalier Léon, dessen Gespielin Florestine vom Sopranisten Bruno de Sá gespielt und gesungen (oder eher geschrien) wurde. Dieser Sänger, der zuvor schon die Barbarina in Mozarts «Figaro» dargestellt hatte, gab jetzt mit Langhaar-­Perücke, Rock und Stöckelschuhen eine perfekte Travestie. «Ein Tag hat alles verändert», heisst es gegen Ende der Oper. Sogar die Geschlechterverhältnisse.

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