Outsourcing der Innovation

HIntergrund

Die Art Basel zeigt sich auch 2013 gewohnt solide – zu solide vielleicht?

  • loading indicator

Es wäre eigentlich alles da: Die Londoner Galerie White Cube hat wie fast immer einen Pillenschrank von Superstar Damien Hirst am Stand. David Juda, einer von wenigen Galeristen, die von Anfang an bei der berühmtesten Kunstmesse der Welt mit dabei waren, hat wie üblich grosse Holz­skulpturen von David Nash dabei. Und bei Gago­sian gibt es, wie jedes Jahr, ein Kabäuschen am Stand, in dem ­Marylins Ikonen von Warhol – ohnehin nach wie vor einer der sichersten Werte – und ein Picasso hängen – der einzige noch sicherere Wert.

Doch irgendetwas stimmt hier nicht. Trotz all der bekannten Gesichter auf und neben den Leinwänden. Genau: Normalerweise steht hier, im Erdgeschoss, doch noch ein Stand, an dem es jedes Jahr quadratmeterweise Warhol hat – beim Zürcher Galeristen Bruno Bischofberger. Doch dessen Abteil sucht man auch unter «B» im Galerienverzeichnis vergebens. Vielleicht ein ähnlicher Fall wie bei der Berliner Galerie Eigen + Art, die vor zwei Jahren nicht berücksichtigt wurde und um die es damals ein unglaubliches Tamtam gab? Wurde etwa der legendäre Galerist von Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat für dieses Jahr vom strengen Art-Komitee ausgeladen?

Nein, er lud sich selber aus. Bischofberger sei mit dem Teilumzug seiner Sammlung in ein Gebäude am Zürichsee zu beschäftigt, als dass er auch noch die Art-Strapazen auf sich nehmen könne, heisst es. Dafür rutscht jetzt ein jüngerer, aber fast ebenso legendärer Galerist an den Platz Bischofbergers in die erste Reihe vor: Iwan Wirth, Inhaber der Galerie Hauser & Wirth mit Sitzen in Zürich, London und New York und Händler von Schwergewichten wie Roni Horn und Paul McCarthy.

Dann wissen wir also jetzt, was nicht stimmt. Und können in Ruhe den Rest der Messe abschreiten und dabei die bekannten und zum Teil sehr berühmten Gesichter – wieder auf und neben den Gemälden und Fotoporträts – begrüssen, wie jedes Jahr. Zufrieden?

Auf Nummer sicher

Nicht wirklich. Denn wenn einem schon auffällt, dass eine von 304 Galerien dieses Jahr nicht dabei ist und eine andere dieser 304 auf deren Platz nachgerückt ist, stimmt vielleicht noch etwas anderes nicht. Die in die Poleposi­tion vorgeschossene Galerie Hauser & Wirth muss da gleich als Beispiel herhalten. Obwohl sie nun einen grösseren Stand zur Verfügung hätte, stehen hier die exakt gleichen Kandidaten wie jedes Jahr: eine grosse Skulptur von Paul McCarthy neben einem Grossformat des Malers Philip Guston – auch so ein ausgewiesener Messeliebling.

Hauser & Wirth sind aber bei Weitem nicht die Einzigen, die wenig Risiko eingehen. Ja, es scheint schon fast, als ob eine Arbeit von Jack Pierson am Stand der Galerie Cheim & Read – übrigens auch ein Künstler, der an nicht wenigen Ständen auftaucht – das Motto der Messe vorgibt: «Safe Bet» hat der Amerikaner an die Wand geschrieben, wie immer in Buchstaben, die er aus ganz unterschiedlichen Gebäude- und anderen Beschriftungen zusammengeklaubt hat.

«Auf Nummer sicher», so die freie Übersetzung dieses Ausdrucks, gehen tatsächlich die meisten Händler. Im Erdgeschoss mit den etabliertesten ­Galerien naturgemäss noch etwas mehr als im ersten Stock, und auch da wieder mehr als bei den Galeristinnen und Galeristen, die nur im Bereich «Feature» vertreten sind, wofür sie sich mit einer Einzelposition bewerben mussten.

Und wenn einmal eine Galerie trotzdem auffällt, dann meist weniger durch eine gewagte Künstlerwahl, als vielmehr durch ein besonders grosses Werk einer renommierten Künstlerin oder ­eines berühmten Künstlers: Bei der Galerie Mayer steht etwa eine riesige Holzwand des Amerikaners Robert Longo. Die mit schwarzem Wachs eingefärbten Balken bilden eine überdimensionale Amerikaflagge, die sich gleichzeitig als bedrohliche Mauer vor einen hinstellt, und mit ihrer Schwärze als Abgesang auf das hegemoniale Amerika gelesen werden kann.

Hindernisparcours Art

Aber auch diese Arbeit hat bereits 23 Jahre auf dem Buckel beziehungsweise in den Kerben. Es ist ja den Galeristen auch nicht zu verübeln, dass sie an ihren Ständen die am besten laufenden und am einfachsten zu verkaufenden Werke in ein möglichst gutes Licht rücken. Auch in Verkaufsflächen anderer Art wird die kauffreudige Kundschaft nicht zuerst an den Ladenhütern vorbeigelotst, nur um dabei die Lust auf die Verkaufsschlager zu verlieren.

Doch eine Messe wie die Art Basel lebt nicht nur von den Käuferinnen und Käufern. Das Interesse des – pardon – gemeineren und weniger kaufkräftigen Publikums ist ungebrochen gross – wie sich auch am gestrigen Preview-Tag wieder zeigte. Und es dürfte auch im Sinne der Messeleitung sein, die Art nicht nur als idealen Handelsplatz, sondern auch als vielbesuchtes Museum auf Zeit lebendig zu erhalten.

Die kuratierten Formate Art Unlimited und der zum vierten Mal stattfindende Art Parcours übernehmen diese musealere Rolle bereits, das ist natürlich richtig. Es gäbe aber durchaus Möglichkeiten, auch die Hauptausstellung der Art – nach wie vor das Filetstück, was den Wert und das Renommee der ausgestellten Werke und Künstlerinnen und Künstler betrifft – zu einer abwechslungsreichen temporären Schau zu machen.

So müsste etwa die Innovation nicht zwingend outgesourct werden: Mit der «Liste» haben Galeristen 1996 ihre ­eigene Vorbereitungsmesse für die Art ins Leben gerufen. Mit der Abteilung «Statements», die dieses Jahr der Art Unlimited in Halle 1 vorgeschaltet ist, hat sich die Art Basel mittlerweile ihre eigene kleine «Liste» herangezogen. Und mit dem Format «Feature» – wiederum eine «Liste» höherer Ordnung, zumal diese Galerien schon weniger outgesourct am Rande der Hallen 2.0 und 2.1 angesiedelt sind – noch eine weitere Vorstufe geschaffen. Oder vielleicht müsste man sagen: ein weiteres Hindernis.

Liste – Feature retour

Jean-Claude Freymond-Guth, ursprünglich Offspace-Betreiber und mittlerweile erfolgreicher Galerist in Zürich, hat dieses Jahr die Arbeiten von Heidi Bucher an seinen sehr gelungenen Feature-Stand gebracht. Bucher ist zwar 1993 verstorben, dennoch sind ihre ­Arbeiten, die zwischen unserer organischen und unserer menschlich-häuslichen Umgebung vermitteln, eine sehr schöne Wiederentdeckung.

RaebervonStenglin, eine andere vielbeachtete und aufstrebende Galerie aus Zürich, zeigt an ihrem Feature-Stand mit Robert Kinmont ebenfalls einen gestandene Position. Die beiden Galeristen kombinieren allerdings die Arbeiten des Amerikaners, der sich oft mit seiner Heimat Kalifornien auseinandersetzt, kongenial mit riesigen ­Metallwerken des jüngeren Basler Künstlers Kilian Rüthemann.

Wobei die jungen Künstlerinnen und Künstler gar nicht unbedingt die ersten sind, die unter der Starrheit des Art-Konzeptes zu leiden haben. Die glücklichen Galeristen, die bereits ihren festen Fensterplatz haben, wissen nämlich junge Talente gut bei sich aufzunehmen. So sind etwa bei der Miguel Abreu Gallery aus New York Arbeiten von Pamela Rosenkranz prominent zu sehen, einer Schweizer Künstlerin, die von der Zürcher Galerie Karma International aufgebaut wurde.

Eva Presenhuber, mächtige Galeristin mit Hauptsitz in Zürich, zeigt dieses Jahr an der Art Unlimited zudem ein aus Elementen einer Zirkusmanege bestehendes Werk der Künstlerin Latifa Echakhch – ebenfalls eine Künstlerin, die bei Karma International ihre erste Schweizer Einzelschau hatte.

Ausstellung auf Zeit

Und wo ist die Galerie Karma dieses Jahr im Basler Messerummel vertreten? Natürlich, wie schon öfters, auf der Liste. Macht es wirklich Sinn, Galeristen auf ihre Art-Teilnahme warten zu lassen, bis ihre Künstler sich in Richtung grössere Galerien verabschieden? Weshalb wird eine ausgewiesen innovative Galerie wie die von Jean-Claude Freymond-Guth von der Liste in die Statements, dann in den Feature-­Bereich und dann vielleicht wieder an die Liste zurückverwiesen?

Die frühere Integration von jüngeren Galerien aus aller Welt wäre natürlich nicht immer ein absoluter «Safe Bet», wie es das Werk des Art-Habitués Jack Pierson fordert. Aber es ergäbe sich vielleicht eine etwas weniger voraussehbare Ausstellung auf Zeit – sogar für uns, die wir keinen neuen Warhol brauchen, geschweige denn uns einen leisten können.

Vernissage heute Mittwoch, 15–20 Uhr

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt