Die Art Basel zwischen Kunst und Kommerz

Warum müssen eigentlich die kleinen und mittleren Galerien auf der Art Basel die Gewinne der Megagalerien subventionieren?

Galerien aus der ganzen Welt sind an der Art vertreten.

Galerien aus der ganzen Welt sind an der Art vertreten.

(Bild: Pino Covino)

Christoph Heim

Die Klagen der kleinen und mittleren Galerien wurden erhört. Marc Spiegler, Direktor der Art Basel, gab im Hinblick auf die am Sonntag zu Ende gehende 49. Art Basel bekannt, dass die Preise im unteren Drittel der Messeteilnehmer gesenkt werden. Um 13 Prozent billiger waren demnach heuer die Quadratmeterpreise für die kleineren Stände, die von kleineren und mittleren Galerien gemietet werden. Für die grossen Galerien, die mehr als ­hundert Quadratmeter Messefläche buchen, waren die Mieten dagegen vier Prozent teurer als 2018.

Spiegler ist sich bewusst, dass er damit nur geringfügig an den Stellschrauben dreht, mit denen er den Messezugang regeln kann. Die grundlegenden Probleme der Art Basel in einem boomenden Kunstmarkt, in dem das obere Preissegment in rasendem Tempo sich immer stärker abhebt vom Rest, sind damit nicht gelöst. Die Megagalerien, die über Filialen in allen Weltstädten verfügen, befinden sich in einem Geldrausch, demgegenüber die Gewinne beim Goldrausch in Kalifornien wie Peanuts anmuten. Und die kleineren und mittleren Galerien wissen nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht, denn ihre Messerechnung sieht jedes Jahr schlechter aus.

Kurzfristige Sicherung des Fortbestands der Kunstmesse

Das nun in allen Messen der Art Basel eingeführte sogenannte «sliding scale pricing model» wird allenfalls kurzfristig die Spannungen etwas lösen können, die zwischen den kleineren und mittleren Galerien und der ­Messeleitung bestehen. Das neue Preissystem ist auch eine gute Nachricht für Basel, denn die Preisanpassungen im Zehntelbereich sichern mindestens kurzfristig den Fortbestand der Kunstmesse, die nach dem Niedergang der Baselworld für das Unternehmen Messe CH noch die einzige Cashcow ist.

Wer sich einmal die Preise der Objekte vor Augen führt, die an der Art Basel gehandelt werden, kann kaum glauben, dass es sich hier um gleichartige Waren handelt. So meldete doch David Zwirner, dass er an der Messe einen Gerhard Richter für 20 Millionen Franken verkauft habe, während bei der Lisson Gallery ein Lawrence Weiner aus dem Jahr 2005 für 25'000 US-Dollar einen neuen Besitzer fand. Wir greifen da ziemlich will­kürlich etwas aus dem tieferen Preissegment aus jenem Pressecommuniqué heraus, das die Messe uns jeden Abend zuschickt.

Auffrischung des Angebots

Angesichts solcher Preisdifferenzen ist selbst der Vergleich mit Äpfel und Birnen obsolet, die ja problemlos auf einem gemeinsamen Obstmarkt angeboten werden können. Auf der Art Basel haben wir es mit Elefanten und Mäusen zu tun, die, wenn wir uns nicht täuschen, noch nie auf demselben Markt feilgeboten wurden. Hier geschieht das aber alle Jahre wieder, und grosso modo, «sliding scale» hin oder her, zahlen die Elefanten gleich viel wie die Mäuse, was diese (oder auch jene?) wohl über kurz oder lang zur Auswanderung zwingt.

Wir haben es mit einem Marktplatz zu tun, dessen geltendes Preissystem die kleineren Galerien aus dem Markt drängt. Das wäre an sich ja nicht so schlimm, wenn nicht gerade diese kleineren Galerien für die Ökologie der Gesamtmesse so wichtig wären. Sie bringen die dringend benötigte Auffrischung des Angebots. Während die grossen Galerien nicht anders können und auch nichts anderes wollen, als auf grosse und teure und auf immer wieder gleiche Kunst zu setzen. Denn sie ist bei den schwer­reichen Sammlern beliebt, die nach Siegerkunst (Wolfgang Ullrich) rufen, mit der sie angeben und mit der sie später im Sekundär- und Tertiärmarkt Gewinne einfahren können.

Beständiger Zustrom von Newcomern

Es scheint uns, dass Kunst und Kommerz von ganz verschiedenen Qualitätsbegriffen ausgehen. Während der Kommerz nach Gleichförmigkeit, Wiedererkennbarkeit, Sicherheit und einem Label oder einer Marke ruft, die den hohen Wert eines Gutes besiegeln, steht originäre Kunst für Neuheit, Unvorhersehbarkeit, Unverwechselbarkeit, Unsicherheit, kurz disruptive Innovationen, um dieses Modewort zu gebrauchen. Diese Kunst wird von einem Künstler erschaffen, der sich unter der Obhut eines Galeristen, der normalerweise aus seiner Generation kommt, auf dem Markt zu behaupten sucht.

Nur der beständige Zustrom solcher Newcomer kann garantieren, dass eine Kunstmesse jene Erneuerung erfährt, die sie so unbedingt braucht. Oder wollen wir wirklich, dass uns die Freunde nach ihrem Messebesuch per Mail in unserer Meinung bestärken, dass die Art Unlimited trotz interessanten politischen Positionen dieses Jahr wieder ziemlich langweilig gewesen sei? Erstarrt in altbekannten Positionen? The same procedure as every year? Ein getreues Spiegelbild der Art Basel? Kein Wunder: Die Art Unlimited ist das Schaulaufen der kapitalkräftigen Galerien, die auch auf der Art Basel den Ton angeben. Was uns in der Meinung bestärkt, dass eine Neuerfindung der Art Unlimited, die ja mit dem neu gekürten Leiter Giovanni Carmine im nächsten Jahr versucht werden soll, auch andere Spielregeln dafür braucht, welche Kunst dort gezeigt werden kann.

Nun kann man natürlich die Meinung vertreten, man brauche das Neue und Interessante ja auf der Messe gar nicht zu zeigen. Warum lässt man die Kapitalsieger nicht einfach mit den Siegergalerien und ihrer Siegerkunst allein? Verstehen die sich nicht bestens? Jedenfalls seien noch ein paar Über­legungen zur Mixmax-Veranstaltung gemacht, als die sich die Art Basel darstellt. Zum einen muss man wohl von der Idee Abschied nehmen, wonach die Sammler, die wegen Gagosian nach Basel kommen, auch bei den kleineren und mittleren Galerien und bei den Art Statements zuschlagen. Auch umgekehrt wird kein Schuh draus, denn wer im äusseren Kreis des Floorplans im zweiten Stock ein Werk für 20'000 Dollar findet, der wird nachher nicht bei Hauser & Wirth für 2 Millionen einen Manzoni abholen. Es wird wohl so sein, dass die verschiedenen Preissegmente auch unterschiedliche Publika ansprechen.

Das Plus einer Messe

Interessant ist aber, dass zum Beispiel Iwan Wirth des Lobes voll ist für die Art Basel, auch wenn er bald in jeder Grossstadt dieser Erde eine Filiale betreibt und, wie die Galerie gestern mitteilte, jetzt in Menarca auch noch ein Museum plant. Sein Argument: Messen funktionieren als Events, die Publikum anziehen und durch den zeitlich beschränkten Markt jene Dringlichkeit herstellen, die Käufer zum raschen Kaufentscheid bringt. Für die Megagalerien, von denen man meinen könnte, sie könnten mit ihrem Filialnetz und dem Internet die interessierte Kundschaft fortlaufend über Neueingänge auf dem Laufenden halten, ist das offenbar ein Plus, das nur eine Messe ausspielen kann.

Bleibt die Frage, was die Händler sich das kosten lassen wollen. Denn ganz ähnlich wie bei der Besteuerung von Personen und Unternehmen könnte man an einer Kunstmesse ja auch ein radikal progressives Preissystem einführen, das nicht in quasi feudalistischer Manier die bebaute Boden­fläche zur Grundlage für den Mietpreis nimmt, sondern wie in einem kapitalistischen Staatswesen den Umsatz, der pro Quadratmeter erwirtschaftet wird. Das hätte jedenfalls den Vorteil, dass die kleineren und mittleren Galerien auf der Messe nicht ständig die grossen bei ihrem gewinnbringenden Tun subventionieren. Auf diese Weise könnten die Lasten der Messe schlagartig auf jene verschoben werden, die am meisten davon profitieren. Zugleich könnten bei den kleineren und mittleren Galerien Kräfte ­freigesetzt werden, mit denen die Art Basel auch in Zukunft das innovative Zentrum eines weltumspannenden ­Kunstmarkts bleiben kann.

Basler Zeitung

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