Das schnelle Altern der modernen Kunst

Die Art Unlimited wirkt heuer wie ein lieblos zusammengewürfeltes Potpourri mit vielen Déjà-vus.

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Christoph Heim

Bestimmt ist es auch eine Frage des Raumes, ein Problem der riesigen Messehalle 1. Hier wird selbst die Grosskunst der Art Unlimited irgendwie klein gemacht. Dabei haben die Kuratoren die enorme Höhe dieser Halle grundsätzlich besser im Griff als ihre horizontale Ausdehnung. Aber spätestens wenn man über die riesigen Stahlplatten von Carl André geht, die sich am hinteren Ende der Halle befinden, oder dann kurz darauf vor Peter Reglis fünfteiliger Schnitzarbeit steht, wo ein gigantischer Holzbär und ein ebenso gigantischer Holzphallus hinauf in den Himmel der Messehallen ragen, fühlt man als Besucher eine Leere, wie man sie kaum je empfunden hat.

Die Art Unlimited ist der Laufsteg der Galerien. Hier können sie jene Kunstwerke zeigen, die den Rahmen jedes Messestandes sprengen. Kuratiert wird die Show seit Jahren von Gianni Jetzer, der nicht wie die Direktoren an der Biennale oder der Documenta frei wählen kann, sondern immer nur das zeigt, was ihm die Galeristen, die an der Art Basel ausstellen, empfehlen – was sie ihm zu überlassen geruhen. Die Galerien bezahlen Transport und Aufbau der Werke. Die Aufgabe des Kurators ist es, das Angebot zu organisieren, die einzelne Werke in der riesigen Halle zu platzieren und gegebenenfalls der einen oder anderen Galerie doch noch einen Tausch vorzuschlagen.

In diesem Jahr kommt einem diese Vorzeigeshow nicht nur unglaublich leer vor, sondern auch wie ein Déjà-vu. Einmal, wir erinnern uns, war die grundlegende Idee, eine Stadt in die Halle zu bauen mit Plätzen und Gässchen. In diesem Jahr bewegt sich der geneigte Besucher – jenes dem Luxus und den Moden zugeneigte Kunstmessesubjekt, das gerne in Sneakern geht, am besten unglaublich teuren, das sich wie ein Bohémien kleidet, also mit Kleidern, die mit einem zu viel oder einem Zuwenig signalisieren, dass man es mit Regeln jeder Art nicht so ganz streng nehmen muss – auf einembreiten Boulevard, der nie das Gefühl einer zunehmenden oder abnehmenden Intensität aufkommen lässt.

Ein luftiger Anfang

In die Ausstellung rast man sozusagen mit Peter Stämpfli, dem Schweizer Rad- und Pneukünstler. Am Boden hat sein ins Riesenhafte aufgeblähter Pneu eine gezackte Spur hinterlassen. Und an der Wand zeigt sich das Bild eines Pneus mit eben jenem Profil, das über den Boden gerollt ist. Daneben ragt ein riesenhafter, aufblasbarer Baum von Otto Piene in die Höhe, dessen blaue Wurzeln, Stamm und Äste von einem Generator mit Luft versorgt werden. Das Geäst ist an der Decke befestigt und plustert sich immer wieder auf, um dann wieder etwas in sich zusammenzusacken. Diese Kunst wirkt ein bisschen wie auf der Intensivstation.

Auch der Mini-Zeppelin von Chris Burden, der die meiste Zeit am Boden steht, hat es vornehmlich mit der Ruhe. Alle zwei Stunden erhebt er sich aber zu einem kleinen Rundflug, der staunende Besucher anzieht. Das Flugzeug ist vom Künstler als Hommage an Santos Dumont (1873–1932) gedacht, einen brasilianisch-französischen Pionier, der sich wie Graf Zeppelin mit dem Bau von Flugschiffen befasste. Chris Burdens Fluggerät ist so singulär und wirkt mit seiner weissen, leicht transparenten Hülle wie die Unschuld vom Lande, dass man es getrost als den Hingucker dieser Art Unlimited, die sich sonst in so überaus gewohnten Bahnen bewegt, bezeichnen darf. Dabei wollen wir hier gar nicht das Wort gegen das einzelne Kunstwerk erheben, sondern gegen eine Präsentation, die jeder Spannung entbehrt.

Vielleicht bewegt sich die Show sozusagen am anderen Ende dessen, was Adam Szymczyk in Kassel versucht. Wo der Documenta-Chef fortwährend auf Inhalte pocht, inzeniert Gianni Jetzer auf Effekt – was umgekehrt zur Folge hat, dass einem die ganze Veranstaltung, ja tendenziell jedes Kunstwerk in diesem Kontext so unglaublich hohl vorkommt. Natürlich kann man sich Enrico Castellanis Raum ohne Ecken nicht gut entziehen. Die optische Täuschung, die er mit seinen runden Ecken erzielt, ist einfach grossartig und eine Seh- und Wahrnehmungsschule erster Güte. Auch David Claerbouts Dschungelbuch-Bilder, die von einer Comic-haften Wildnis erzählen, die vor dem Eindringen von Mowgli geherrscht haben mag, ist mit viel Liebe gemacht und wirft einen so sinnlichen wie kritischen Blick auf die Kolonialgeschichte. Dann nimmt eine grosse Hängeinstallation unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Die in Südafrika lebende Künstlerin Sue Williams hat hoch über unseren Köpfen Fischernetze befestigt, in denen sich unzählige schmutzige Flaschen verfangen haben. Jede Flasche in diesem nassen und tropfenden Kunstwerk steht, wie wir lesen, für einen Sklaven, der auf der «Atlantic Passage» von Afrika nach Amerika gebracht worden ist. Es ist eine erstaunliche Inszenierung, die einem aber doch zu geschmäcklerisch vorkommt angesichts einer Katastrophe historischen Ausmasses, der hier gedacht werden soll.

Ein glänzendes Gerüst

Wir schauen also kurz bei Doug Aitken vorbei, der einen Seehund auf einer Unterwasserreise begleitet. Bei Rob Pruitt geht es dann um eine Selbstbespiegelung des Kunstbetriebs, die an dieser Messe natürlich sehr gut ankommt. Jeder will wissen, mit wem Sam Keller, Marc Spiegler, Adam Szymczyk oder Elena Filipovic, um nur die Basler Repräsentanten zu nennen, vom Künstler verglichen werden. Nick Cave zeigt uns anschliessend einen glänzenden Paillettenstoff, unter dem sich eine Gruppe von Menschen abzeichnet, die allesamt Blasinstrumente anstelle von Köpfen haben, als ob man sich sonst nicht mehr verstünde.

Ungläubig beobachten wir danach junge Leute, die fortwährend eine Aluminiumkonstruktion auseinander-nehmen und wieder zusammensetzen. Das glänzende Gerüst ist der Hütte nachempfunden, die sich weiland Johann August Sutter in Kalifornien zum Waschen von Gold gebaut hatte. Jason Rhoades, der Schöpfer dieses Werkes, starb im Jahr 2006. Er hätte wohl nie gedacht, dass seine Installation einst so nahe an General Sutters Geburtsort, der sich im Dorf Rünenberg rund 35 Kilometer von Basel befindet, aufgestellt würde. Er wollte mit seinem Werk darauf hinweisen, dass sich der Sinn von Kreativität ganz allgemein nicht im Produkt erschöpft, sondern ganz im Prozesshaften liegt.

Mit dieser Erkenntnis bepackt bleiben wir dann ungläubig vor einer Installation von Cildo Meireles stehen, die einen weichen, weissen Eierboden mit einem goldenen Himmel aus lauter Gewehrmunition kombiniert. Das Gebilde, das als kritischer Kommentar zu Amerika verstanden werden will, darf ohne Schuhe betreten werden und lädt die Leute zum Tanzen und Fotografieren ein, was einigermassen absurd wirkt. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Performance von Donna Huanca, die halbnackte, von Kopf bis Fuss bemalte Damen vorführt, die sich vor seltsamen Skulpturen bedeutungsvoll räkeln.

Und so weiter. Der Rundgang ist noch lange nicht fertig. Aber alles in allem kommt uns die Art Unlimited, dieses Museum auf Zeit, in diesem Jahr als ein lieblos arrangiertes Potpourri von Werken vor, die überraschend rasch gealtert sind, meist noch ganz gut aussehen und nicht selten von einer geradezu heiligen Einfalt ihrer Schöpfer zeugen.

Die Art Unlimited ist bis Samstag täglich von 11-19 Uhr geöffnet, am Sonntag bis 18 Uhr.

Basler Zeitung

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