An dieser Klagemauer scheiden sich die Geister

Andrea Bowers stellt in «Open Secret» mutmassliche Sexualstraftäter an den Pranger. Dies hat sie aber nicht immer mit Einwilligung der Opfer getan, die sich nun teilweise übergangen fühlen.

An der Wand von «Open Secret» werden der Fall Weinstein und andere Skandale thematisiert, die im Zuge der #MeToo-Bewegung öffentlich wurden.

An der Wand von «Open Secret» werden der Fall Weinstein und andere Skandale thematisiert, die im Zuge der #MeToo-Bewegung öffentlich wurden.

(Bild: Art Basel)

Christoph Heim@bazonline

Machen wir auf einem unserer Rundgänge über die Art Basel und die Art Unlimited noch einmal halt vor der riesigen roten Wandzeitung der in Los Angeles beheimateten Künstlerin Andrea Bowers. Sie sorgt mit ihrer «Open Secret» genannten Anklage gegen Harvey Weinstein und 99 andere prominente Männer, die mutmasslich Frauen missbraucht haben, für Furore.

Den sexuellen Übergriffen, die im Zuge der #MeToo-Bewegung öffentlich geworden und skandalisiert worden sind, gibt sie mit dem Medium der Wandzeitung eine künstlerische Form, mit der die Anklage aufrechterhalten und dem Vergessen entrissen wird.

Entschuldigung nach Kritik

Bowers handelte sich aber auch harsche Kritik ein. Auf Twitter protestierte die Schriftstellerin Helen Donahue dagegen, dass man Fotos von ihren Verletzungen zeige, die sie bei einer Vergewaltigung erlitten hat. Sie stört sich nicht zuletzt daran, dass sich an der Art Basel die reichen Leute an ihrem Schicksal aufgeilen könnten. Und sie stellt die Frage, wer von der ganzen Aktion denn profitiere. Zudem wird auf Twitter auch gefordert, Gianni Jetzer, den Kurator der Art Unlimited und mithin Verantwortlichen für das, was hier gezeigt wird, vor Gericht zu ziehen.

Bowers hat sich jedenfalls sofort bei der protestierenden Donahue entschuldigt. Sie sagt in einem öffentlichen Statement, dass sie es leider unterlassen habe, sie um Einwilligung für die Publikation der Fotos zu fragen. Das sei ein Fehler gewesen, für den sie um Entschuldigung bitte. Inzwischen hat sie die Papierbahn, auf der die Fotos zu sehen waren, aus der Wandzeitung entfernt.

Und schon stehen wir wieder ganz vorne beim Eingang dieser letzten von Gianni Jetzer kuratierten Art Unlimited, dieser Schau der Megakunstwerke. Gestern ist übrigens bekannt geworden, dass sein Nachfolger Giovanni Carmine ist. Er ist Leiter der Kunsthalle St. Gallen und zugleich auch Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission, die die Art Awards vergibt.

Gepolsterte Gefängniszelle

Neben einem Blechmann von Coco Fusco, der an den für seine Herzlosigkeit bekannten Wizard of Oz erinnert, aber mit dem tumben Gesicht von Donald Trump in die Runde blafft, stehen die Leute Schlange vor einem kleinen Pavillon. Wer in Eile ist, wird dieses Kunstwerk auslassen. Wer sich Zeit nimmt, betritt einen kleinen Raum, der mit seinen weissen Kunstlederwänden wie eine gepolsterte Gefängniszelle aussieht.

Geschaffen hat die beklemmende Installation der saudische Künstler Abdulnasser Gharem im Gedenken an den ebenso skandalösen und rechtlich und wie politisch weitgehend folgenlos gebliebenen Mord an Jamal Kashoggi. Der Mord wurde mutmasslich von demselben Mann in Auftrag gegeben, der nun mit seinem «Salvator Mundi» im Persischen Golf Jachtferien macht – dem saudischen Kronprinzen Muhammad bin Salman (BaZ von gestern).

Unsichere Atmosphäre

Erstaunlich daran ist, dass Gharem nach wie vor in der saudischen Hauptstadt Riad lebt, die ja nicht gerade bekannt ist als Hort der Meinungsfreiheit. Umso wichtiger ist das Statement von Saskia Traxler von der Galerie Nagel & Traxler in Köln, dass das Werk nicht eindeutig auf den Tod von Kashoggi Bezug nehme, sondern eine Atmosphäre der Unsicherheit erzeuge und daran erinnern wolle, dass sich ausserhalb der Kunstmesse eine andere Realität befinde. Der Künstler zeige nicht mit dem Finger auf die Schuldigen und wolle nicht urteilen.

Basler Zeitung

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