Sie war da – und blieb doch unerreichbar weit weg

Madonna gab in Dübendorf ihr erstes Schweizer Konzert. Es bot stellenweise brillant arrangierte Tanzmusik, und doch scheiterte die Show an unüberwindlichen Distanzen.

Jean-Martin Büttner@Jemab

Und dann sitzt sie einem plötzlich gegen­über, lässig in einen Stuhl gefläzt, die Beine provokativ breit gespreizt: Madonna halt, wie man sie seit 25 Jahren kennt. Nur macht die Pose aus der Distanz keinen Ein­druck, und die Distanz ist enorm. Das lässt sich wohl nicht vermeiden, wenn über siebzigtausend Menschen sie auf einmal sehen wollen.

Ausgerechnet jetzt, da Madonna zum ersten Mal für uns spielt, wirkt sie uner­reichbar weit weg. Selbst auf den Video­schirmen ist sie nur als zuckende Spiel­zeugfigur zu erkennen. Das einzige über­deutlich Sichtbare ist ihre Initiale, ein riesiges «M», das links und rechts der Bühne drohend in die Höhe ragt («M» nennen sie übrigens auch ihre Angestell­ten). Die turmhohe Majuskel und daneben die winzige Chefin, um die sich alle drehen – besser liesse sich die Fallhöhe zwischen Mythos und Realität nicht vermessen.

Das MTV-Problem

So bleibt als erster Eindruck von diesem grössten aller Schweizer Konzerte mit der erfolgreichsten Frau des Showgeschäfts und den unablässig um sie herum verkün­deten Superlativen eine ebenso grosse Enttäuschung. Madonna brilliert als Selbstdarstellerin, die virtuos mit Rollen, Stilen, Botschaften und Emblemen spielt und dabei die Tanzfläche ebenso befeuert wie die Hörsäle. Aber ihre Bühne bleibt das Fernsehstudio, und ihr Publikum sieht sie fast nur durch die Kamera.

Selbst ihre Konzerte sind von Anfang an auf die filmische Zweitverwertung ange­legt, das Ereignis wird nachträglich am Schneidetisch montiert. Madonna wurde gross mit dem Musiksender MTV, das merkt man ihr an, wenn sie auf einer Bühne steht. Als die Rolling Stones vor zwei Jahren hier auftraten, vermochten sie die Distanz zu überbrücken, trotz Hunder­ten von Metern Luftlinie, weil sie seit bald fünfzig Jahren auf der Bühne stehen und wissen, wie man ein grosses Publikum be­spielt. Madonna hat das nie gelernt.

Deshalb lässt diese Enttäuschung bis zum Schluss auch nicht nach; die Distanz zu ihr lässt sich nicht überwinden. Da hel­fen keine Videoprojektionen und keine Laserstrahlen, da hilft auch ihr «Hello Zü­rich » und «Do you wanna dance?» nicht, und erst recht nicht die Choreografie, die Madonna mit ihren Tänzern auf der Bühne veranstaltet. Das Herumturnen mag im Vi­deoclip und auf der DVD schön anzusehen sein, auf dem riesigen Gelände von Düben­dorf sieht man nur ein entferntes Zappeln. Man hatte sich auf kalte Pracht gefasst gemacht, ein gleissendes Spektakel, das man zwar bewundern, an dem man aber nicht teilhaben würde. In Dübendorf pas­siert das Umgekehrte: Zu sehen gibt es praktisch nichts, weil man es nicht er­kennt, aber das Publikum freut sich trotz­dem und feiert sich und den Star mit Be­geisterung. «So far away», singt Madonna einmal, im Stück «Miles Away», das die Distanz zu ihrem Geliebten beklagt. Die Menge klatscht im Takt.

Mehr als eine Aerobic-Lektion

Immerhin wird ein Konzert gegeben und nicht bloss eine Aerobic-Lektion. Zwar sieht man die Begleitband der Sänge­rin kaum, weil die meisten Musiker am Bühnenrand hingestellt wurden und dort an ihren Geräten drehen. Auch muss offen bleiben, was an diesem Auftritt live aufge­führt wird und was ab Band kommt (inklu­sive ihrer Stimme). Dennoch lässt sich sa­gen, dass zwar ihre Show versagt hat, sie aber grossartige Tanzmusik vorträgt. Prä­ziser: Der Auftakt wirkt stark, und das Fi­nish sehr stark; dazwischen sackt die Erre­gungskurve ab. Das hat paradoxerweise mit Madonnas künstlerischer Konsequenz zu tun. Anders als die meisten Kollegen (allen voran die Stones) besteht Madonna darauf, ihre Tourneen mit den Stücken der jeweils neuen Platte zu bestücken. Leider erreicht «Hard Candy» nur in Ansätzen das Ni­veau ihrer Meisterwerke der letzten Jahre, von denen sie dafür nur je einen Song zi­tiert. Auf dem letzten Album funktionie­ren nur vier Lieder wirklich gut, und es fällt auf, dass sie zwei davon zuerst spielt und die beiden anderen gegen Ende. Da­zwischen hängt das Konzert durch, weil das neue Material zu wenig trägt. Dann werden auch die gesanglichen Schwächen offensichtlich, die leicht gepresste, wenig modulationsfähige Stimme.

Und doch: Vieles klingt grossartig. Statt zum Beispiel ihre neuen Lieder wie die al- ten klingen zu lassen, macht sie das Umge­kehrte und führt Songs wie «Vogue», «Get Into The Groove» oder «Like A Prayer» in modernen, härteren Versionen wie neu auf, beschleunigt ihren Puls.

Als Leitmotiv von Madonnas neuer Tournee fungiert die Hast, die schon ihren Vater antrieb in den Chrysler-Werken von Detroit – im Konzert zu hören als das me­tallische Ticken eines Weckers, der klingt wie ein Zeitzünder. Madonna reist dau­ernd herum, ihr Terminkalender ist voll, ihre Geduld bleibt begrenzt, schnell droht Langeweile. Diese Ruhelosigkeit domi­niert auch «4 Minutes», die erste Single ih­res neuen Albums, die sie gegen Ende in einer scharf gespielten Version brillant darbietet. Obwohl die Zeile «We only got four minutes to save the world» etwas Grossmäuliges, geradezu Imperialisti­sches hat, klingt der Song aufregend und lasziv.

Als Kontrast gibt sie wenig später «Hung Up» aus dem vorletzten Album, das vom Gegenteil erzählt, nämlich der quälend verlangsamten Zeit des Warten­den: «Time goes by so slowly for those who wait.» Auch dieses Stück hat sie radi­kal umarrangieren lassen, dunkel pochen die Bässe aus den Boxen, die Sehnsucht des Originals wirkt verzweifelt und reisst einen doch mit.

Hitler, McCain, Obama

Dass uns die Zeit ausgeht, will Madonna gleichermassen politisch wie ökologisch verstanden haben. Das sieht dann so aus, dass sie auf ihren Videoschirmen erst Hit­ler, Mugabe, McCain und andere vorzeigt, die ihr offensichtlich nicht gefallen, ge­folgt von Gandhi, Bill Gates, Martin Luther King und natürlich Barack Obama. Dazwi­schen werden ökologische Katastrophen abgefertigt und ein Transparent vorge­zeigt, das zum Energiesparen aufruft. Die politische Provokation ist auf die Entrüs­tung hin kalkuliert und trotzdem indisku­tabel: Was den proklamierten Umwelt­schutz angeht, verbrennt Madonna an diesem Abend den Strombedarf einer mittleren Stadt und fliegt nach dem Kon­zert im Privatjet nach London zurück. Aber sie war schon immer ein Medium, das sich nicht an seine Botschaften hält.

Zum Schluss spielt sie ihre neue Single «Give it 2 Me» mit den hinreissenden Zei­len «If it’s against the law, arrest me / If you can handle it, undress me». Das pul­sierende, zuckende, pochende Stück klingt so gut wie alles, was sie in ihrer 25-jährigen Karriere gemacht hat. Und Madonna steht am Bühnenrand und singt, dass wir es ihr geben sollen, und die 74 000 geben es ihr, delirierend vereint mit der Unnahbaren. Das Stück klingt aus, die Musik kommt zum Stillstand.

Madonna grüsst und ist weg, Game over. Zurück bleibt das kalte, grosse M. Weithin sichtbar.

Tages-Anzeiger

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