«Diskussionen um Farben sind oft emotional»

Welche Farben gehören in die Altstadt, welche ins Quartier, was geht gar nicht? Unterwegs mit Farbgestalterinnen und Denkmalpflegern.

Wie wirken Hausfarben? Farbgestalterin Marcella Wenger erklärt es an Beispielen – gelungenen und weniger gelungenen. (Video: Anja Stadelmann)
Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

Laute Farben, leise Farben, in Bern ein gleichmässiges Brummen, in Steckborn TG ein Rhythmuswechsel. Wenn Stephanie Wettstein und Marcella Wenger über Farben sprechen, hört es sich nach Musik an. Sie stehen im Haus der Farbe in Oerlikon, dessen mittlerer grosser Raum anmutet wie ein überdimensioniertes Kunstatelier. Links und rechts gehen Türen auf zu Werkstätten und Materialräumen.

«Zu unseren Hauptanliegen gehören die regionalen Farbigkeiten von Städten und Regionen», sagt Wettstein. Zusammen mit Wenger leitet sie das Institut am Haus der Farbe, der Fachschule für Gestaltung in Handwerk und Architektur in Zürich.

Im Institut reichen die Bücherregale bis unter die Decke, an den Wänden hängen bunte Farbstreifen. Hier wird geforscht, hier entstehen Farbkarten. Sie sind zentral für die Gestaltung des öffentlichen Raums. «Jede Stadt hat ihr Kolorit und ihre Farben», so Wettstein. Das Kolorit sei die Komposition, der Gesamtklang, jede Farbe ein einzelner Ton. Die Farbkarten fangen die Töne und den Klang ein, zuerst in Collagen aus handgestrichenem Papier, dann in hoher Qualität gedruckt. Sie bilden die Grundlage dafür, wie etwa Häuser in einer historischen Altstadt, in einem Dorfkern oder einer neuen Siedlung gestaltet und gestrichen werden sollen – oder können.

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Meist geben Behörden die Farbkarten in Auftrag. Sie entstehen in Zusammenarbeit mit der lokalen Denkmalpflege. Erhalten Wettstein und Wenger eine Anfrage, setzen sie sich ins Auto und fahren vor Ort. Mehrere Tage lang sammeln sie die Farben der Stadt oder der Region – analog, nach dem Vielaugenprinzip. «Wir nehmen die Farben mit den Augen ab», erklärt Wettstein. Messgeräte würden bei rauen Verputzen oft versagen und zu reine Farben angeben.

Wenger und Wettstein arbeiten deshalb mit ihrem Erfahrungsschatz, notieren Rezepturen, mischen die Farben mit ihren Mitarbeitenden nach und tragen sie anschliessend auf Kartonstreifen auf. Oft wird nochmals vor Ort überprüft, ob der Ton getroffen wurde – die Karte wird an die entsprechende Fassade gehalten.

Wie genau sie arbeiten, demonstrieren sie im Institut. Auf dem Tisch liegt eine Glasschale, in der Mitte einige Partikel einer Hausfassade aus dem Tessin. Daneben hält Wettstein den mit der nachgemischten Farbe bestrichenen Streifen. Das helle Rosa, das Wettstein als fast einen Tick zu laut und süss beschreibt, ist nicht von der Fassadenfarbe zu unterscheiden. Letztlich haben sie es für die Farbkarte weggelassen. Zu extrem sei es.

«Eine Farbkarte ist nie eine vollständige Erhebung.» Reduzieren gehöre dazu, bedeute gleichzeitig auch, zu interpretieren. Die Farbkarte wird zum fachlichen Kondensat. Und dieses, so wissen Wenger und Wettstein, muss in der Bevölkerung und den beteiligten Institutionen möglichst breit abgestützt sein. Oft ein kommunikativer Spagat zwischen Planerinnen, Farbgestaltern, Architektinnen, Bauherrschaften und Anwohnern.

Was sagt uns die Farbkarte von Schaffhausen, und wie wird sie unter die Leute gebracht? Marcella Wenger und Stephanie Wettstein erklären es. Video: Aleksandra Hiltmann

In der Altstadt von Schaffhausen kommt eine dieser Farbkarten regelmässig zum Einsatz. Im Karstgässchen 1 wurde unlängst die «Konstanzische Schütte» totalsaniert, ein ehemaliges Lagerhaus von stolzer Grösse, gebaut 1525. Als Farbgestalterin Annemarie Läubli zum Projekt stiess, waren die braunroten Fensterrahmen schon bestellt. Der Restaurator hatte die Farbigkeit des Hauses zuvor untersucht und rekonstruiert. Recherchiert werden jeweils die Farben des letzten Umbaus, in diesem Fall der 1890er-Jahre. «Es geht nicht darum, ein Haus auf einen Zustand zurückzuführen, den niemand mehr kennt», so Läubli. Stattdessen wolle man eine Farbigkeit, die zeigt, dass ein Haus gelebt hat.

Trotzdem riet Läubli dem Architekten, zwei Farben anzupassen. Sie hellte das Grün der Fensterläden auf und vergraute es, damit es sich stärker von den Läden des Nachbarhauses abhebt. Für die Fassade entwickelte sie einen eigenen, helleren Farbton auf Basis von Sumpfkalk und Erdpigmenten. Damit ersetzte sie den sandfarbenen Ton, der im Beige und Braun der Nachbarhäuser verschwunden wäre. Mit der hellen Farbe wollte Läubli die Präsenz des Hauses stärken und seiner Grösse Rechnung tragen, angelehnt daran, dass früher repräsentative Häuser jeweils hell gestrichen wurden. Die Sorgfalt, mit der das Haus renoviert wurde, zahlt sich aus. Die Verwaltung bewirbt die Wohnungen mit «viel Charme und historischen Komponenten».

Die Konstanzische Schütte vor und nach der letzten Sanierung. Fotos: Ulmledergerber Architekten

«Eigentlich wollen alle das Beste», sagt Denkmalpfleger Lukas Wallimann über die Zusammenarbeit zwischen Architekturbüros, Denkmalpflegerinnen, Bauherrschaften, Eigentümern und Farbgestalterinnen. Der Weg zu einem stimmigen Resultat aber sei ab und an steinig. «Diskussionen um Farben sind oft emotional. Farbe hat mit Identität zu tun», weiss die Leiterin der Denkmalpflege in Schaffhausen, Flurina Pescatore. Gehe es um den eigenen Geschmack, seien Leute schnell beleidigt.

Farbkarten würden helfen, die Diskussion zu entemotionalisieren, so Wallimann. Farbgestalterinnen und -gestalter könnten mit ihrem Fachwissen stichhaltige Argumente liefern, dass es nicht um «schön» oder «nicht schön» gehe, sondern darum, eine ganze Reihe Altstadthäuser zu erhalten. Pescatore empfiehlt etwa, mit grossen Farbmustern zu arbeiten, um sichtbar zu machen, wie eine Farbe an der Fassade und in der Strasse aussieht. Sie bittet Architektinnen und Bauherren nach draussen, stellt sich mit ihnen und dem Muster in die Sonne, in den Schatten, hält die Farbe ans Nachbarhaus. Ein Farbfächer, den man am Schreibtisch anschaut, reiche nicht. «Eine Farbe wirkt nie isoliert.»

Farbgestalter und Farbgestalterinnen sind in der Schaffhauser Altstadt in rund fünf bis zehn Prozent aller Bauprojekte involviert. In der Mehrheit der Fälle übernehmen Malerinnen und Maler die Farbberatung in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege. Eine Pflicht, Ratschläge umzusetzen, gibt es nicht.

In einer Gasse zeigen Läubli und Pescatore auf ein Haus, an dem sich die Fassade mit den Fensterrahmen beisst. Beide kräftig gestrichen, zu kräftig. «Ein schlimmer Fehler», sagt Läubli, ebenso wie fehlende Kontraste oder unpassende Pigmente. Nebenan zwei sich fein reibende Farben, etwas zu fröhlich geraten. «Das darf passieren», findet Läubli. So komme Spannung in die Gasse.

Helle Fensterrahmen ordnen sich dem Rosa unter, dunkle hingegen kämpfen mit der Fassade um Aufmerksamkeit. Fotos: Aleksandra Hiltmann

In der Neustadt, eine der buntesten Gassen der Altstadt, werden die beiden Frauen nachdenklich. Früher hätten Maler mit weniger unterschiedlichen Materialien gearbeitet, die Farben selbst hergestellt. Heute werden viele Farben industriell hergestellt, die Produktpalette ist breiter. Maler würden Zusatzausbildungen benötigen, um sich zu spezialisieren, etwa auf die Arbeit an historischer Bausubstanz. «Wir müssen den Leuten den Wert von gutem Handwerk wieder näherbringen», sagt Pescatore zum Abschied.

Darum bemühen sich auch Stephanie Wettstein und Marcella Wenger im Haus der Farbe. Sie wissen, dass Farben einen erheblichen Teil dazu beitragen, ob sich Leute an einem Ort zu Hause fühlen. Infrastruktur allein reiche nicht. Das Zusammenspiel von Farben und der Umgebung sei fragil.


Die Farbdusche im Toni-Areal: In den weissen Gängen der ZHDK fühlten sich Studierende der Tanzakademie nicht zu Hause. Farbgestalterin und Künstlerin Susanne Sauter änderte das.

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Bauvorschriften gibt es unzählige, meist auch einen Ästhetikparagrafen – ein Haus soll sich harmonisch ins Ortsbild einfügen. Eine vage Formulierung, finden Kunsthistorikerin Wettstein und Farbgestalterin Wenger. Aber jene, die in Gemeinden Bauvorhaben bewilligen, sind oft keine ausgewiesenen Fachleute und mit Gesuchen ausgelastet. In der Amtsstube sei die Wirkung der Farbe auf einer grossen Fläche nicht immer abschätzbar. «Dann chlöpft es im Dorf.» Wenger legt ein Farmuster in Lachsrosa auf den Tisch. Der eine sehe darin ein wüstes rohes Fleisch, der andere einen schönen Sonnenuntergang.

Es sei anspruchsvoll, jemanden von einer Farbidee abzubringen. Beispielsweise das Haus in Orange oder Blau-Weiss zu streichen. «Die Leute müssen verstehen, dass sie hier nicht in Spanien oder Griechenland sind.» Schweizer Städte haben eigene Charakteristika. «Der öffentliche Raum ist nicht Privatsache», findet Wettstein, sondern eine gemeinschaftliche Verantwortung. Eine kollektivistische Haltung? Das möge sein. Doch Farbkarten seien kein Regelwerk, Gemeinden dürften schliesslich durchwinken, was sie wollen. «Wir finden es nicht so schlimm, wenn es einen Ausrutscher gibt.» Niemand streiche ein Haus aus bösem Willen, und es gebe schliesslich noch andere wichtige Dinge zu beachten beim Bau eines Hauses.

«Die Frage sollte nicht lauten: Gefällt es mir und meiner Frau? Sondern: Ist es ein Beitrag zu einem guten Ortsbild?»Stephanie Wettstein, Co-Leiterin Haus der Farbe, Zürich

Obwohl Wettstein und Wenger für ihr Fachgebiet brennen, warnen sie davor, Farben zu überschätzen. Für Kinder, Kranke und Depressive werde gerne tief in den Farbtopf gegriffen. Bunt müsse es sein, eine Sonne gehöre hin. «Nein, eben nicht», sagt Wenger. Sonnige Farben ersetzen keinen Händedruck, einen Mangel an Personal könne man nicht wegstreichen. Ebenso wenig könne man Quartiere aufwerten, indem man sie einfach farbig mache. «Bunt für die Arbeiter und Migranten», so Wettstein, «das funktioniert nicht, das ist despektierlich.»

Gegen Buntheit, kräftige Farben und Kontraste stellen sich Wenger und Wettstein aber nicht per se. «Farbe in der Architektur ist historisch gewachsen», erklärt Wenger. Bei Renovationen würden heute die meisten Häuser ähnlich gestrichen, wie sie vorher waren. Neue Häuser dagegen würden neue Farben in die Stadt bringen – blaue Glasfassaden, grüne moderne Fliesen an Aussenwänden. «Das ist super. Sie sind epochentypisch, bringen Heterogenität ins Ortsbild.»

Hier funktioniert der Kontrast: Das Schulhaus Luchswiesen in Zürich leuchtet inmitten einer eintönigen Arbeitersiedlung. «Ein Knaller», laut Wenger. Es funktioniere, weil es wie ein Magnet wirke im Quartier, ein Anziehungspunkt, auf den die umliegenden Häuser zulaufen. Quelle: Google.

«Kontraste sind nicht schlecht, aber man muss sie benennen können», so Wettstein. Würde man beispielsweise den Sockel eines historischen Hauses in der Farbe der Fassade und die Fassade in der Farbe des Sockels streichen, sei das ein bewusster Rhythmuswechsel.

Wieder draussen vor der Tür des Hauses der Farbe ruft einem plötzlich das Weiss eines Eckhauses laut entgegen – Weiss dehnt sich aus, anders als Schwarz, das sich entzieht. Einige Strassen weiter steht ein violett-grün bemaltes Haus. Fast hört man die Farben aufeinanderschlagen, jede will lauter sein als die andere. Nicht so am grauen mit verzinkten Metall verkleideten Wohnkomplex.

Langweilig? Nein. Denn das viele Grau lässt Raum für Individualität – hier ein bunter Fussball auf dem Balkon, dort ein rotes Badetuch über dem Geländer, weiter oben grüner Bambus, der hervorschaut. Im Innenhof bunte Wimpeln. Jeder Akzent kriegt seinen Raum. So gibt es keinen Mäis.

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